8. Dezember 2022

Gewiefter Bart(olo)bezwinger

Der Barbier von Sevilla

• Oper in zwei Akten von Gioachino Rossini 

Libretto: Cesare Sterbini (1783–1831)
Musik: Gioachino Rossini (1792–1868)
Uraufführung: 20. Februar 1816, Rom (Teatro Argentino)
Dauer: ca. 2,5 Stunden

1. Akt: Ein Platz in Sevilla; Haus von Dr. Bartolo
2. Akt: Haus von Dr. Bartolo

Hauptpersonen:
Graf Almaviva:
Tenor
Bartolo, Doktor der Medizin, Rosinas Vormund: Bass
Rosina: Mezzosopran
Figaro, Barbier: Bariton
Basilio, Rosinas Musiklehrer: Bass
Marcelline, Haushälterin Bartolos: Sopran
Ambrogino, Diener Bartolos: Bass
Fiorello, Diner Almavivas: Bass

Kurze Werkeinführung

„Der Barbier von Sevilla“ (Il barbiere di Siviglia) zählt neben „La Cenerentola“ zu den bekanntesten Opern des italienischen Komponisten Gioachino Rossini (1792–1868). Die „Opera buffa“ zählt zu den besten komischen Opern der Musikgeschichte. Rossini schrieb sie im Alter von 23 Jahren. Den Auftrag erhielt der junge Komponist vom römischen Teatro Argentino per Vertrag am 15. Dezember 1815. Er war verpflichtet, das fertige Werk bis zum 20. Januar 1816 abzuliefern, denn die Uraufführung war bereits für den Februar geplant. Tatsächlich dürfte Rossini das Werk innerhalb von nur drei Wochen geschrieben haben.

Den Text zu der Oper, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Sevilla spielt, schrieb für Rossini der italienische Librettist Cesare Sterbini (1783–1831) auf der Grundlage einer Komödie des französischen Dichters Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799). Dessen Stoff war davor schon einmal für eine Oper verwendet worden, die der italienische Komponist Giovanni Paisiello (1740–1816) geschrieben hatte.

Die Uraufführung des „Barbier von Sevilla“ geriet durch Störenfriede im Publikum, vermutlich Anhänger Paisiellos, zu einem Fiasko. Rossini schrieb später über diesen Abend: „Ich war aber nicht beunruhigt. Während die Zuhörer pfiffen, klatschte ich den Aufführenden zu.“

Die Überzeugung des Komponisten, mit dieser Opera buffa etwa Besonderes auf die Bühne gebracht zu haben, bestätigte sich über die Jahrhunderte immer wieder. „Der Barbier von Sevilla“ zählt bis heute zu den international am häufigsten aufgeführten Opern.

Die Handlung

Kurz und gut …
Armer Mann, betrunkener Soldat, verleumderischer Musiklehrer: Wenn ein verliebter Graf so viele Rollen zu spielen bereit ist und dabei noch einen gewieften Barbier an seiner Seite hat, kann bei der Eroberung seiner Geliebten eigentlich nichts mehr schief gehen.


1. Akt: Ein Platz in Sevilla

Ein Platz in Sevilla gegen Ende der Nacht. Der angesehene Graf Almaviva ist in Rosina verliebt. Das junge Mädchen wohnt im Haus ihres Vormunds, des geldgierigen Dr. Bartolo. Dieser beabsichtigt, sein Mündel zu heiraten, da Rosina ein beträchtliches Vermögen geerbt hat.

Almaviva will seiner Geliebten in dieser Nacht ein Ständchen vortragen („Ecco, ridente in cielo“) und hat sich mit einigen Musikanten unter ihrem Balkon eingefunden. Doch Rosina ist noch vorsichtig und zeigt sich nicht.

Bald darauf trifft Figaro fröhlich singend („Largo al factotum“) auf dem Platz ein. Die Männer kommen ins Gespräch. Figaro kennt die Verhältnisse im Haus des Dr. Bartolo recht gut, denn er arbeitet dort regelmäßig als Barbier.

Rosina hat den Fremden unter ihrem Fenster bemerkt. Sie findet ihn sympathisch und hat ein paar Zeilen an ihn gerichtet, um seinen Namen, seine Absichten und seinen Stand zu erfahren. Sie tritt nun auf den Balkon, um Almaviva den Brief zufliegen zu lassen, wird dabei aber von Bartolo zur Rede gestellt. Auf seine Frage, was sie denn da geschrieben habe, antwortet sie, es handle sich um den Text eines Liedes mit dem Titel „Vergebliche Vorsicht“ („Inutil precauzione“).

Figaro liest vor, was Rosina geschrieben hat, und dem Grafen ist klar, vor welcher Situation er steht: Seine Angebetete ist entschlossen, Bartolo, der sie nicht als Frau, sondern nur wegen ihres Geldes begehrt, zu verlassen. Der Doktor will seine Heiratsabsichten auch gegen Rosinas Willen durchsetzen – und zwar so schnell wie möglich.

Almaviva ist entschlossen, das mit Figaros Hilfe zu verhindern. Doch auch ihm ist es wichtig, dass Rosina ihn als Menschen und nicht seines Standes wegen liebt. Daher entschließt er sich, sich zunächst nicht als Graf zu erkennen zu geben. 

Nachdem Bartolo sein Haus verlassen hat, um Hochzeitsvorbereitungen zu treffen, singt Almaviva ein inniges Liebeslied für Rosina, in dem er sich als armer Mann mit dem Namen Lindoro ausgibt: „Se il mio nome saper voi bramate.“

Lass, o Holde, es leise dir sagen,
Wer dir nahet mit zärtlichen Klagen.
Ich bin Lindoro, der treu dich verehret,
Zum Weib dich begehret, dir ganz gehöret,
Der an dich nur, du Reizende, denkt,
Ob ich wache, ob Schlaf mich umfängt.

Meine Habe, sie ist nur geringe,
Und nicht Reichtum ist, was ich dir bringe.
Was ich dir biete und was ich dir weihe:
Ein Herz voller Treue, das stets aufs neue
Nur an dich, o du Reizende, denkt,
Ob ich wache, ob Schlaf mich umfängt!

Rosina ist von „Lindoro“ begeistert, zieht sich aber aus dem Balkon zurück, als jemand ihr Zimmer betritt.

Almaviva will unbedingt zu ihr, und Figaro rät ihm, sich als Soldat zu verkleiden. Am Abend würden im Hause Bartolos sowieso Soldaten erwartet, er brauchte also nur ein Schreiben vorweisen, das seine Berechtigung belegt, hier Quartier zu beziehen, und am besten solle er einen Betrunkenen spielen. Denn damit würde er am wenigsten Verdacht erregen; niemand würde eine Gefahr in ihm vermuten.

Almaviva ist mit dem Plan einverstanden.

Haus von Dr. Bartolo

Almavivas Gesang hat Rosina sehr bewegt. Sie ist entschlossen, ihrer erwachenden Liebe zu folgen („Una voce poco fa“) und erhofft sich ebenfalls Hilfe von Figaro.

Frag’ ich mein beklomm’nes Herz,
Wer so süß es hat bewegt,
Dass es in der Liebe Schmerz
Immer sehnender sich regt:
Ja, dann heißt es, in dies Herz
Hat Lindoro Brand gelegt! –
Sagt der Vormund grämlich: Nein!
Hat doch meine Liebe Mut;
Mein Lindoro, und ich sein,
Trotz’ ich der Gewalt und Wut.

Im Haus Bartolos erscheint nun Basilio, der nicht nur Rosinas Musiklehrer, sondern auch ein begabter Gerüchtekoch und Ränkeschmied ist. Er warnt den Hausherrn vor dem Grafen Almaviva, von dem bekannt geworden sei, dass er Rosina den Hof machen wolle. 

Basilio schlägt vor, gezielte Verleumdungen zu streuen, um den Ruf des Grafen in Sevilla zu beschädigen („La calunnia è un venticello“). Bartolo will aber auf dieses zeitaufwändige Vorhaben nicht eingehen. Die beste Lösung sei, die Ehe mit Rosina so schnell wie möglich vertraglich festzuschreiben.

Figaro, der in Bartolos Haus inzwischen alles für seinen nächsten Arbeitseinsatz als Barbier vorbereitet, hat das Gespräch der beiden Männer gehört. Er informiert Rosina darüber, dass die Zeit drängt. Er wisse außerdem, dass Lindoro, der Mann, den sie unter ihrem Balkon gesehen habe, sie von Herzen liebe. Allerdings wolle dieser auch wissen, wie sie zu ihm stehe. 

Rosina hat bereits einen Brief mit der Antwort auf diese Frage geschrieben.

Bald darauf begehrt der betrunkene Soldat „Lindoro“ Einlass in das Haus von Dr. Bartolo. Der Hausherr will ihn abweisen, als Arzt sei er von jeglicher Einquartierungs-Pflicht befreit. Doch die Urkunde, die das beweist, hält der Zielstrebigkeit des „Betrunkenen“ nicht stand. Almaviva zerreißt das Papier einfach, und Bartolo muss erkennen, dass er diesen Mann nicht so leicht los wird. 

Als Rosina den Raum betritt, erkennt sie in der Maske des Soldaten sofort Lindoro, ihren Liebhaber, der seinerseits einen Brief an sie geschrieben hat, und es gelingt den beiden mit Hilfe einiger Tricks, die Schriftstücke auszutauschen. Während dessen entsteht rundum, angefeuert durch Figaro, ein ziemliches Durcheinander, das in der Ankunft eines Wachoffiziers gipfelt. Dieser erkundigt sich nach der Ursache des Lärms, und meint schließlich, die Lage entschärfen zu können, indem er den betrunkenen Soldaten in Haft nimmt. 

Doch Bartolo freut sich zu früh: Nachdem Almaviva dem Offizier ein Schriftstück gezeigt hat, das seine Identität belegt, zieht dieser sich sofort zurück. Niemand weiß, warum, denn niemand ahnt, dass Lindoro eigentlich der Graf ist. Nur Figaro amüsiert sich darüber, dass nun plötzlich alle starr vor Staunen sind.

2. Akt: Haus von Dr. Bartolo

Bartolo hat nachgeforscht, wer der seltsame betrunkene Soldat gewesen sein könnte. Er vermutet einen Diener des Grafen Almaviva, dessen Auftrag es war, mit Rosina Kontakt aufzunehmen. 

Da klopft ein „Don Alonso“ an Bartolos Tür. Er sei in Vertretung des erkrankten Musiklehrers Basilio gekommen, um Rosina zu unterrichten („Pace e gioia il ciel vi dia“).

Bartolo ist inzwischen natürlich noch skeptischer geworden, was Fremde in seinem Haus anlangt. Um das Vertrauen des Hausherrn zu gewinnen, übergibt „Alonso“ ihm den Brief Rosinas und tischt ihm zugleich eine Verleumdungsgeschichte auf: Er habe diesen Brief von Graf Almaviva erhalten, und er wisse, dass dieser mit der Liebe Rosinas nur sein Spiel treibe.

Das überzeugt Bartolo: Derlei Nachrichten weisen den Fremden eindeutig als Vertreter Basilios aus: „Ei wahrhaftig! Eine Verleumdung! Vortrefflich! Ja, Ihr seid in der Tat Don Basilios Schüler.“

Bartolo gewährt dem neuen Musiklehrer also Eintritt und ruft Rosina herbei. Sie erkennt auch in der neuen Maske sofort ihren geliebten Lindoro. Für den Unterricht üben die beiden Rosinas Lied von der „vergeblichen Vorsicht“ („Contro un cor che accende amore“).

Nachdem Figaro, der gekommen ist, um Bartolo zu rasieren, diesen in ein Nebenzimmer gelockt hat, macht „Alonso“ seiner „Schülerin“ einen Heiratsantrag. Rosina nimmt hocherfreut an. 

Einen Plan zur Flucht gibt es auch schon: Figaro ist es gelungen, den Schlüssel zu Rosinas Balkontür an sich zu nehmen. Mit Hilfe einer Leiter sollte es des Nachts ohne weiteres gelingen, Rosina unbemerkt aus dem Haus zu geleiten.

Doch nun taucht Basilio auf, der echte Musiklehrer. Zum Glück lässt er sich gegen bare Münze von Almaviva davon überzeugen, eigentlich ja wirklich krank zu sein und besser doch wieder nach Hause zu gehen.

Letztlich aber schöpft Bartolo doch Verdacht, weil das gemeinsame Musizieren von Rosina und „Alsonso“ allzu intimen Charakter annimmt und Figaros Ablenkungsversuche allzu auffällig wirken. Er wirft seinen Barbier und den falschen Musiklehrer aus dem Haus. Rosina zieht sich in ihr Zimmer zurück, um die kommenden Stunden abzuwarten. Sie kennt den Fluchtplan.

Etwas später kehrt Basilio allerdings wieder zurück und berichtet Bartolo von seinem Verdacht, Alonso, sein angeblicher Vertreter, könnte in Wirklichkeit Graf Almaviva gewesen sein. Die Zeit drängt also. Er solle unverzüglich den Notar ins Haus bringen, damit die Ehe mit Rosina vertraglich geregelt werden könne, weist Bartolo den Musiklehrer an. Und während Basilio sich auf den Weg macht, ruft er Rosina zu sich und erzählt ihr, dass Lindoro in Wirklichkeit ein Abgesandter des Grafen gewesen sei. Lindoro hätte gemeinsam mit Figaro geplant, sie mit Almaviva zu verheiraten, der mit ihr nur sein Spiel treiben wolle. Als Beweis zeigt Bartolo Rosina ihren eigenen Brief.

Und sie glaubt ihm, fühlt sich von Lindoro und Figaro verraten und willigt ein, Bartolo unverzüglich zu heiraten. Sie verrät ihm auch den Fluchtplan.

Die Nacht bricht an, ein Gewitter tobt. Wie vereinbart, lehnen Almaviva und Figaro eine Leiter an Rosinas Balkon und gelangen mit Hilfe des Schlüssels in ihr Zimmer. Sie aber weist „Lindoro“ erzürnt von sich. Es wolle sie ja doch mit dem Grafen verkuppeln.

Da gibt Almaviva sich zu erkennen und bekräftigt sein Eheversprechen („Ah qual colpo inaspettato!“). Schnell ist alles aufgeklärt und Rosina bereit zur gemeinsamen Flucht. Allerdings hat Bartolo inzwischen die Leiter entfernen lassen, so dass dem verliebten Paar der Weg über den Balkon ebenso versperrt ist wie der durch das Haus, in dem sich bereits mehrere Leute – darunter Basilio mit dem Notar – eingefunden haben.

Also tritt Almaviva die Flucht nach vorne an. Er nutzt die Anwesenheit des Notars und unterschreibt gemeinsam mit Rosina den Trauvertrag. Basilio wird kurzerhand dazu gezwungen, als Trauzeuge zu agieren, und Figaro macht das sowieso gern.

Als Bartolo zurück ins Haus kommt, steht er vor vollendeten Tatsachen – die er noch dazu selbst herbeigeführt hat, indem er die Leiter vom Balkon entfernen ließ: Rosina ist verheiratet, er selbst leer ausgegangen.

Der Graf, der sich inzwischen allen zu erkennen gegeben hat, tröstet Bartolo damit, auf eine Mitgift zu verzichten. 

Und der Barbier von Sevilla zieht sich zufrieden zurück und löscht eine Laterne. Seine Dienste haben zu einem glücklichen Ende geführt:

Da alles nun gelungen,
Wie denk’ daran ich gerne,
Ich lösche die Laterne
Und ziehe mich zurück.

Rosina stimmt ein:

Erkauft durch Pein und Seufzer,
Ward uns’re Liebeswonne,
Bis unser’n Herzen lachte
Ein freundliches Geschick.

 

Hinweise:
Das Titelbild zeigt ein Szenenbild aus einer Opernverfilmung von Jean-Pierre Bonelle mit Hermann Prey (Foto) in der Hauptrolle, 1972
Alle Zitate aus der deutschen Übersetzung des Librettos lt. Opera Guide