23. April 2024

„Ach, wie liebe ich das Militär!“

Die Großherzogin von Gerolstein

• Operette in vier Akten von Jacques Offenbach

Libretto: Henri Meilhac (1831–1897) und Ludovic Halévy (1834–1908) 
Musik: Jacques Offenbach (1819–1880) 
Uraufführung: 12. April 1867, Paris (Théâtre des Variétés) 
Dauer: ca. 2,5 Stunden

Akte:
1. Akt: Ein Soldatenlager
2. Akt: Saal in einem Palais
3. Akt: Das „rote Zimmer“ im Palais
4. Akt: Ein Feldlager

Hauptpersonen:
Die Großherzogin von Gerolstein:
Sopran
Fritz, ein Soldat: Tenor
Prinz Paul: Tenor
Baron Puck, Haushofmeister der Großherzogin: Bariton
General Bumm: Bass
Wanda, ein Bauernmädchen: Sopran

Kurze Werkeinführung

„Die Großherzogin von Gerolstein“ zählt – neben „Hoffmanns Erzählungen“ – zu den bekanntesten und bis heute meistgespielten Bühnenwerken des französischen Komponisten Jacques Offenbach (1819–1880). 

Die „Opéra bouffe“ (Operette) spielt um 1840 im fiktiven Großherzogtum Gerolstein und nimmt satirisch militärisches Brimborium und Günstlingswirtschaft aufs Korn. 

Die Uraufführung fand am 12. April 1867 in Paris im Théâtre des Variétés statt, war aber nur teilweise ein Erfolg. Die Handlung des zweiten Teils kam beim Publikum nicht gut an, weshalb Offenbach, ein Theater-Praktiker, sich unmittelbar an eine Überarbeitung machte. Diese wurde dann zu einem durchschlagenden Erfolg.

Die Handlung

Kurz und gut …
Statt sich sofort einem eifrig um sie werbenden Grafen hinzugeben, erliegt die Großherzogin von Gerolstein zunächst ihrem Hang nach adretten Uniformen und befördert den schneidigen Soldaten Fritz in den Adelsstand. Doch der wünscht sich trotzdem ein einfaches Bauernmädchen an seiner Seite.


1. Akt: Ein Soldatenlager

Das Großherzogtum Gerolstein befindet sich im Krieg mit einem Nachbarstaat. General Bumm prahlt mit seinen Erfolgen auf dem Schlachtfeld und bei den Frauen („Piff, paff, puff – A cheval sur la discipline“).

Hoch zu Ross tönet die Kanone,
Trotz der Gefahr vernicht’ ich ganze Bataillone.
Die Feinde, ohne langes Fackeln, gleich machen Kusch,
Seh’n sie auf meinem Hute wackeln den Federbusch.
Piff, paff, puff, trarapapumm,
Ich, ja ich, bin General Bumm Bumm.

Lass ich mich nach dem Siege schauen dann im Salon,
Gern trügen über mich die Frauen den Sieg davon.
Man streicht den Bart mir, Liebe schwörend, so zart, husch, husch.
Dann ist zuweilen doch recht störend der Federbusch.
Piff, paff, puff, trarapapumm,
Ich, ja ich, bin General Bumm Bumm.

Der glorreiche General Bumm hat allerdings ein Problem: Jüngst ist er mit seinen Avancen bei Wanda, einem einfachen Bauernmädchen, abgeblitzt. Denn diese dachte nicht daran, ihrem Geliebten, dem Soldaten Fritz, untreu zu werden.

Klar, dass General Bumm auf seinen Untergebenen nicht gut zu sprechen ist, noch dazu, wo der sich kein Blatt vor den Mund nimmt: „Die Frauen lieben weit eher einen jungen Soldaten als einen alten General“, erklärt Fritz seinem Vorgesetzten.

Bumm verpflichtet ihn daraufhin, ein leeres Stück Gelände zu bewachen – und während des Wachdienstes herrscht striktes Sprechverbot. Aber Fritz und Wanda lassen sich nicht von dieser Schikane nicht irritieren und leben ihre Liebe.

Doch nun wird es ernst: Die Großherzogin besucht das Soldatenlager, um ihr Regiment zu inspizieren. Sie ist von Männern in adretter Uniform fasziniert („Ah, que j’aime les militaires und Ah! C’est un fameux régiment“) und würde am liebsten als Marketenderin mit ihnen in den Kampf ziehen („Ganz könnt’ ich mich ihnen weih’n, manch Räusch’chen schenkt’ ich ein …“).

Zum Leidwesen von General Bumm ist die Großherzogin vom schneidigen Soldaten Fritz besonders beeindruckt. Kurz entschlossen befördert sie ihn; bald danach wird Fritz sogar in den Adelsstand gehoben und von ihr zum General gemacht.

Indes betritt Prinz Paul die Szene. Er ist auf Initiative des Barons Puck nach Gerolstein gekommen, um der Großherzogin den Hof zu machen. 

Puck ist ihr Haushofmeister, weiß, dass sie unterbeschäftigt ist und will verhindern, dass die Großherzogin sich in politische Belange einmischt. Ein Mann an ihre Seite würde vermutlich für ausreichend Ablenkung sorgen. Doch leider macht Prinz Paul keine gute Figur, wirkt eher wie ein Jammerlappen. Es gelingt ihm nicht, das Interesse der Großherzogin vom Soldaten Fritz auf sich zu lenken.

Dieser hingegen erhält für seinen nächsten Kampfeinsatz den Degen der großherzoglichen Familie:

Sieh, dies ist meines Vaters Degen!
Gebrauche ihn für’s Vaterland!
Dein Arm ist stark, Dein Sinn verwegen,
Er ist bei Dir in guter Hand.

Und los geht’s! Die Soldaten verlassen ihr Lager und ziehen in den Kampf. Fritz, der frisch gebackene General, nimmt Abschied von seiner geliebten Wanda …

2. Akt: Saal in einem Palais

Der Krieg ist zu Ende, dem jungen General ist es gelungen, die Feinde zu besiegen. Die Hofdamen der Großherzogin erwarten freudig die Heimkehr ihrer Liebsten („Chœur des demoiselles d’honneur“). 

Fritz berichtet feierlich von seinem grandiosen Sieg, den er durch eine List errungen hat. Es sei ihm gelungen, den Feind durch Kornbranntwein betrunken und kampfunfähig zu machen: „Solch eine Schlacht hat’s nie gegeben – ohne Verlust an Menschenleben.“

Die Großherzogin ist beeindruckt und sieht sich bekräftigt in ihrer Entscheidung, diesen Soldaten zum General befördert zu haben. Sie würde ihm nun gern auch gleich offen ihre Liebe gestehen. Aber als Großherzogin kann sie sich so etwas doch nicht erlauben. Also täuscht sie, um zu sehen, wie Fritz darauf reagiert, zunächst das brennende Interesse einer Freundin vor. Diese sei in ihn verliebt („Dites-lui qu’on l’a remarqué“). Was, fragt sie ihn, würde er wohl auf ihre Liebeserklärung antworten,„wenn jene Dame Ihnen nun so nahe wäre, wie ich in diesem Augenblick“?

Fritz muss nicht antworten, denn das Gespräch mit der Großherzogin wird von einer Nachricht unterbrochen. Durch einen Brief „des geheimen Polizeichefs“ erfährt die Herrscherin von einem „öffentlichen Skandal“: General Fritz, der Oberkommandierende ihrer siegreichen Soldaten, sei beobachtet worden, wie er ein junges Mädchen namens Wanda durch die Stadt geführt habe. 

Damit wird der Großherzogin klar, dass ihr strammer Soldat das einfache Mädchen ihrer Gesellschaft vorzieht und es heiraten will. Sie erzählt Fritz nichts von dem Schreiben, lässt ihn aber allein zurück.

Indes haben sich der von Fritz düpierte General Bumm, der von der Großherzogin abservierte Prinz Paul und Baron Puck, der Haushofmeister, zusammengetan. Für alle drei ist klar: Fritz sollte zum Wohle des Reichs beseitigt werden.

Und bald ist sich das Trio einig, wie das am besten zu bewerkstelligen sei. Nämlich: wie damals bei Max. Dieser war im Gemach der Großherzogin ermordet worden. Es gebe einen geheimen Korridor in dieses Zimmer, durch den man, wie einst die Meuchelmörder, auch jetzt überraschend eintreten könne, um die Tat auszuführen.

Es müsse nur gelingen, Fritz für die Nacht in dieses Gemach, ins „rote Zimmer“ zu bringen:

Wohlan sei er für diese Nacht
Ins rote Zimmer nur gebracht’.
Lasst wohnen ihn, den eitlen Tor,
Da, wo zu End’ der Korridor!

Die Großherzogin hat die drei Höflinge beim Schmieden ihres Mordkomplotts belauscht. Wütend darüber, dass Fritz, der ihr ihre steile Karriere danken sollte, an ihr kein Interesse hat, entschließt sie sich, den finsteren Plan zu unterstützen: „So sei’s, und schon in dieser Nacht!“

3. Akt: Das „rote Zimmer“ im Palais

Die Großherzogin versichert sich bei den drei Höflingen, dass die geplante Schreckenstat ordnungsgemäß vorbereitet wird: „Sind die Klingen Ihrer Dolche gut, meine Herren?“

Da erscheint im Palais ein weiterer Besucher, dem es endlich gelungen ist, zur Großherzogin vorzudringen: Baron Grog. Er kommt im Auftrag des Vaters von Prinz Paul und soll eindringlich vermittelnd tätig werden, so dass die Ehe zwischen der Herrscherin und dem glücklosen Prinzen doch noch zustande kommt.

Das gekonnt diplomatische Auftreten des Barons zeigt Wirkung – die Großherzogin ist von Grog und seiner Beredsamkeit angetan: „Was mir gleich an Ihnen aufgefallen ist, ist ihr gutmütiges Gesicht“.

Grog, der Gutmütige, hatte schon längere Zeit vergeblich versucht, bei der Großherzogin für Paul vorzusprechen. Um sich zu zerstreuen, habe er sich „ein bisschen verschworen“, also den drei Rächern angeschlossen. Er weiß also von den geplanten Meuchelmord an Fritz.

Die Herrscherin ist begeistert von der Unterhaltung mit dem Baron: „Bei den ernstesten wie bei den drolligsten Dingen bleicht Ihr Gesicht unverändert!“

„Das Resultat meiner Erziehung. Man hatte mich für die Diplomatie bestimmt, und so hat man von frühester Jugend an mich gelehrt, eine gewisse Kälte zur Schau zu tragen.“

Die amüsante Bekanntschaft mit Baron Grog veranlasst die Großherzogin schließlich, die Ermordung von Fritz abzublasen. Die Höflinge sollen ihm lediglich die Hochzeitsnacht mit Wanda, die im „roten Zimmer“ stattfinden wird, vermiesen, nicht aber ihre Dolche ziehen: „Im Grunde war es nur ein Spiel mit der Phantasie, an dergleichen zu denken. Wir sind in Gerolstein und nicht in Venedig.“

Gleichzeitig gibt die Großherzogin bekannt, der Werbung von Prinz Paul nachzugeben. Auf Grund von Grogs unwiderstehlicher Fürsprache werde sie ihn heiraten.

Also tun die Höflinge ihr Möglichstes, um das traute Beisammensein von Fritz und Wanda im „roten Zimmer“ zu untergraben. 

Doch die wirkliche Störung der Hochzeitsnacht kommt durch die unerwartete Nachricht, dass der Feind erneut anrückt. Fritz muss sich sofort für einen neuen Kampfeinsatz rüsten – und ergreift wütend seinen Degen, während er sich von Wanda verabschiedet:

O je, der Degen! Der Degen! Der Degen!
Du ahnst nicht, ihres Vaters Degen,
Wie schmerzlich mir, dich anzulegen!

4. Akt: Ein Feldlager

Die Großherzogin ist frisch vermählt mit Prinz Paul. Sie besucht ihre Soldaten im Feldlager, wo zu Ehren der Brautleute ein Bankett gegeben wird. Eine ideale Gelegenheit für die Herrscherin, ihre Affinität zum Alkohol zu bekräftigen („Il était un de mes aïeux“). 

Mein Ahnherr, dem kein and’rer gleich,
Er liebte sehr die vollen Becher
Im ganzen heil’gen röm’schen Reich
War er ein unerreichter Zecher.

Einer jedoch kann der Schau getragenen Fröhlichkeit wenig abgewinnen: General Fritz. Er hat die Nase voll von Schlacht und Krieg, wurde verprügelt und sieht erbärmlich aus. Der einst stolz zur Schau getragene Federbusch ist zerzaust, der Degen verbogen wie ein Korkenzieher, er selbst nur noch ein Schatten soldatischer Würde: „Ach, Durchlaucht, gehetzt wie ein Reh – Jemine! –, verraten ich vor Ihnen steh – Jemine!“

Der Großherzogin gefällt gar nicht, was sie da sieht und hört. Kurz entschlossen degradiert sie Fritz zunächst zum Oberst und dann gleich weiter zum Hauptmann, Lieutenant, Sergeant, Korporal und zuletzt „zum simplen Grenadier“.

Fritz freut sich über diesen raschen Abstieg auf der Karriereleiter, geht sogleich aufs Ganze und empfiehlt „seinen Abschied“ vom Militär. 

Die Großherzogin nimmt an, Fritz wendet sich glücklich und zufrieden seiner Wanda zu („Lass Dich umarmen und küssen“), während nun Baron Grog vor neuen Ehren steht: Er soll den Federbusch erhalten und auch „meines Vaters Degen, und mit ihm die höchste Militär- und Zivilgewalt.“

Grog beantwortet das Ansinnen der Großherzogin gekonnt mit dem Hinweis darauf, dass er verheiratet ist: „Ich danke, Hoheit. Meine Frau wird Sie dafür segnen.“

Als die Herrscherin dann noch erfahren muss, dass Baron Grog außerdem drei Kinder hat, gibt sie Federbusch und Degen doch lieber in bewährte Hände. Bumm nimmt beides befriedigt in Empfang – und zugleich den ehrwürdigen Titel des „Groß-Degenbewahrers“.

Somit sind alle zufrieden – auch Fritz, der sich abseits des Soldatenlebens gemeinsam mit Wanda um Nachwuchs kümmern will:

„Vom Kampf will ich nichts wissen
Doch zum Schutz für’s Vaterland
Werd’ ich hinfort beflissen
Vermehren den Soldatenstand.“

Und die Großherzogin hat sich mit ihrem „Schicksal“ ebenfalls arrangiert: 

„Im Kriege wie im Frieden
Ist mir Prinz Paul beschieden.“

Hinweise:
Titelbild: „Die Großherzogin von Gerolstein“ in der Oper Graz, 2023, © Werner Kmetitsch
Zitate aus dem deutschen Original-Libretto, Berlin, 1867, Bayerische Staatsbibliothek