23. April 2024

Heiraten, ermorden, Millionen erben

Martin Scorseses Geschichts-Drama „Killers of the Flower Moon“

Angehörige der Osage-Indianer wandern durch ihr Reservat im Nordosten des US-Bundesstaates Oklahoma. Ihr Stamm war von weißen Siedlern in den 1870-er Jahren aus Kansas vertrieben worden. Sie betrauern den Verlust ihres Heimatbodens und zunehmend auch ihrer Identität, denn es bleibt ihnen kaum noch Raum für ihre eigene Kultur.

Doch das scheinbar wertlose Land, das man den Osage zum Leben zugewiesen hat, ziert nicht nur der „Blumenmond“ („Flower Moon“), ein beeindruckendes Feld blühender Blumen. Es birgt auch einen ungeheuren Schatz, von dem die Weißen nichts wussten, und den die Indianer nun entdecken: Eines der größten Erdölvorkommen Nordamerikas.

Innerhalb kürzester Zeit gehören die Osage zu den reichsten Menschen der Welt. Denn im 20. Jahrhundert beginnt der Ölmarkt zu boomen, und die Unternehmen bezahlen für Förderrechte so hohe Summen, dass jedes Stammesmitglied bald ein Vermögen von 400 Millionen Dollar besitzt.

Klar, dass dieser immense Reichtum Neid erweckt – oder, freundlicher ausgedrückt –, dass er eine gesetzliche Regelung erfordert: Der US-Kongress schränkt die Autonomie der Indianer auf Grund der ihnen unterstellten finanziellen Inkompetenz ein und verpflichtet ab 1921 jedes Mitglied des Stammes zur Ernennung eines Vormunds, der den Zugriff auf das Vermögen regelt. 

Dass viele weiße Männer dieses Gesetz als Einladung verstehen, sich in Osage County eine Frau zu suchen, zu heiraten – und im Fall ihres Ablebens das Vermögen der Familie zu übernehmen, sollte nicht überraschen. Ebenso wenig, dass es manchem Vormund verlockend erscheint, den Gang der Dinge gezielt zu seinen eigenen Gunsten voranzutreiben.

William „King“ Hale (Robert De Niro), der „König der Osage Hills“, ein reicher Viehzüchter, geht dabei besonders perfide vor. Gegenüber den Osage-Indianern gibt er sich als Freund aus, der für sie um Gerechtigkeit kämpft, er spricht deren Sprache, kennt deren Zeremonien und Rituale. In Wirklichkeit aber ist er der gewissenlose Drahtzieher einer brutalen Serie von feigen Morden an Indianern.

1919 taucht auf seiner Ranch William Hales Neffe auf. Ernest Burkhart (Leonardo DiCaprio) hat im Ersten Weltkrieg für die Vereinigten Staaten gedient. Jetzt strebt der erlebnishungrige junge Mann, der weder intellektuell noch moralisch auf der Höhe ist, nach einem angenehmen Leben. Die skrupellosen Machenschaften seines Onkels nach dem Motto „heiraten, ermorden, erben“, in die auch sein Bruder Bryan (Scott Shepherd) verwickelt ist, erscheinen ihm durchaus lohnenswert.

Also macht Ernest sich an Mollie (Lily Gladstone) heran, eine Osage-Indianerin mit einer schwer kranken Mutter und einer rebellischen Schwester. Sie selbst leidet an Diabetes. 

Aber ganz so einfach ist die Sache doch nicht. Denn während „King“ Hale seinen Neffen zur Tat drängt – eine schleichende Vergiftung ist das Mittel der Wahl –, kämpft Ernest mit seinen Empfindungen. Denn Mollie ist ihm nicht wirklich gleichgültig …

In seinem Filmdrama „Killers of the Flower Moon“ arbeitet Regisseur Martin Scorsese, unterstützt durch ein erstklassiges Schauspieler-Ensemble, jene Ereignisse der US-amerikanischen Geschichte auf, die die Osage-Indianer als „Terrorherrschaft“ („Reign of terror“) der Weißen bezeichnen. Zwischen 1921 und 1926 wurden etwa 60 Angehörige des Stammes systematisch ermordet.

Lange Zeit kümmerte sich niemand darum, was in Oklahoma geschieht. Und wer sich auf Scorseses Epos einlässt, kann die grandiosen Bilder und darstellerischen Leistungen, die hier geboten werden, nur um den Preis von dreieinhalb beklemmenden Stunden des Mitleidens erleben.

Selbst der „Sieg der Gerechtigkeit“, wenn der engagierte FBI-Ermittler Tom White (Jesse Plemons) zuletzt Licht ins Dunkel der zunächst rätselhaften Osage-Todesfälle bringt und die Mordserie aufdeckt, hinterlässt einen fahlen Beigeschmack: J. Edgar Hoover (1895–1972), der legendäre FBI-Chef, nutzt den Fall, um für das 1908 gegründete „Federal Bureau of Investigation“ zu werben. Die Morde sind für ihn ein willkommenes Mittel zum Zweck, um das FBI in den USA zu etablieren.

„Killers of the Flower Moon“ ist ein in vielerlei Hinsicht grandioses Meisterwerk, das aber gewiss nicht zu der Kategorie Film gehört, die man sich gern auch mehrmals ansieht. 

In seiner Intensität offenbart das Epos schonungslos, wie man in den USA noch vor 100 Jahren mit den „Native Americans“ umgegangen ist. Es beleuchtet eine der großen Tragödien, über die im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ bislang eher der Mantel des Schweigens gebreitet war. 

Nicht nur rund um den „Blumenmond“ waren gewissenlose Mörder am Werk.

(2023, 206 Minuten)