18. Juni 2024

„Ich glaube, wir haben es getan.“

Christopher Nolans Biopic „Oppenheimer“

1. Der brillante junge US-amerikanische Physiker Robert Oppenheimer (Cillian Murphy) studiert an der englischen Elite-Universität Cambridge. Dort rät ihm ein berühmter Gastprofessor, der sein Talent erkennt, der Atomphysiker und Nobelpreisträger Niels Bohr (Kenneth Branagh), nach Göttingen zu gehen – wo Oppenheimer die Bekanntschaft mit einer weiteren Größe macht: Werner Heisenberg (Matthias Schweighöfer), der Begründer der Quantenmechanik.

Als Robert Oppenheimer in die USA zurückkehrt, gehört er zur Weltelite der Physiker. Er lehrt an der University of California und ist mit anderen Größen befreundet, etwa mit dem Nobelpreisträger Ernest Lawrence (Josh Hartnett).

Dann aber wird die USA in den Zweiten Weltkrieg gezogen. Man befürchtet, dass deutsche Atomphysiker für Adolf Hitler an einer Bombe mit ungeheurer Sprengkraft forschen, und dass sie damit schon sehr weit sind. Also wird Oppenheimer von Leslie R. Groves (Matt Demon), einem hochrangigen US-General kontaktiert und mit dem „Manhatten-Projekt“ betraut.

Das Ziel ist klar: Die USA wollen – mit Hilfe der besten Physiker, die ihnen zur Verfügung stehen –, die Atombombe schneller verfügbar haben als die Deutschen. Geld spielt keine Rolle. 

Rasch entsteht im Bundesstaat New Mexiko unter der Leitung Oppenheimers eine streng abgeriegelte Stadt – Los Alamos. Hier arbeitet eine Elite an Wissenschaftlern, darunter Nobelpreisträger Richard Feynman (Jack Quaid), konzentriert an der fürchterlichsten Massenvernichtungswaffe, die der Menschheit jemals zur Verfügung stand – in der Hoffnung, dass diese niemals zum Einsatz kommen wird.

Als Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 kapituliert und der Zweite Weltkrieg in Europa damit zu Ende ist, scheinen sich diese Hoffnungen kurzfristig zu erfüllen. Doch der Konflikt zwischen den USA und Japan, das auf der Seite Deutschlands gekämpft hatte, ist noch nicht vorbei, und die Amerikaner gehen davon aus, dass die Japaner im Pazifikkrieg unter keinen Umständen aufgeben werden.

Deshalb – und vielleicht auch aus anderen Motiven – verfügt Harry S. Truman (Gary Oldman), der 33. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, dass in Los Alamos weiterhin an der Fertigstellung der Bombe gearbeitet werden soll.

Und so steht am 16. Juli 1945 am frühen Morgen der ersten Kernwaffentest der Menschheitsgeschichte an. In einem Testgelände in der Wüste soll auf einem 30 Meter hohen stählernen Turm eine Plutonium-Implosionsbombe gezündet werden – und das, obwohl die Physiker unter Robert Oppenheimer nicht mit letzter Gewissheit ausschließen können, dass es durch das Zünden dieser Bombe zu einer Kettenreaktion kommt, die die Erdatmosphäre und – damit (nicht nur) die gesamte Menschheit vernichtet. 

Im Wissen um die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Tests wird er „Trinity“ genannt – ein Verweis auf die göttliche Dreifaltigkeit.

Der Knopf wird gedrückt. Und der „nukleare Urknall“ reißt einen 330 Meter breiten und drei Meter tiefen Krater in die Wüste. 12 Kilometer hoch verbreitet sich eine Wolke pilzartig am Himmel, die Druckwelle ist 160 Kilometer weit zu spüren, der Sand nahe der Explosion schmilzt zu grünem Glas. So sieht Erfolg aus. So fühlt sich Macht an.

Präsident Truman gibt den Befehl, Atombomben auf zwei japanische Städte abzuwerfen. Hiroshima wird am 6. August 1945 bombardiert, Nagasaki am 9. August. 100.000 Menschen sterben sofort, weitere 130.000 bis zum Jahresende, Ungezählte leiden an Verstrahlungen. 

Sechs Tage nach dem 2. Bombenabwurf verkündet der japanische Kaiser Hirohito die Kapitulation – der 2. Weltkrieg ist damit auch außerhalb Europas zu Ende. –

2. Robert Oppenheimer hadert indes mit seinem Ruhm als „Vater der Atombombe“. Ihm ist längst klar geworden, dass nun ein lange währender „kalter Krieg“ ansteht, dass es auch andere Atommächte – voran Russland – geben wird und dass die Gefahr besteht, dass der Mensch auch noch viel mächtigere Vernichtungswaffen einsetzen wird, sobald sie ihm zur Verfügung stehen – etwa die Wasserstoffbombe, gegen deren weitere Entwicklung er sich nun stark macht.

Aber Oppenheimer hat es mit einem mächtigen Gegenspieler zu tun, der aus dem Schatten heraus agiert: Den US-amerikanischen Politiker und Geschäftsmann Lewis Strauss (Robert Downey jr.), einen einflussreichen Beamten der Atomenergiekommission, drängt es, eine alte Rechnung mit ihm zu begleichen, denn Oppenheimer hatte ihn einmal öffentlich lächerlich gemacht.

Und so nimmt das Leben des berühmten Physikers und seiner Ehefrau Kitty (Emily Blunt) 1954 eine dramatische Wende. Beiden werden anhaltende Kontakte zu Kommunisten unterstellt, sogar von Spionage ist plötzlich die Rede. 

Oppenheimer muss zur Kenntnis nehmen, dass ihm das Vertrauen der US-Regierung entzogen wird, setzt aber als theoretischer Physiker (der dreimal für den Nobelpreis nominiert wurde, ihn aber nie erhielt) weiterhin Maßstäbe. –

3. Das Intrigenspiel von Lewis Strauss platzt just bevor er mit der Bestätigung zum Handelsminister für die Vereinigten Staaten einen Karrieresprung erwartet.

David L. Hill (Ramy Malek), einem der prominenten Physiker in Oppenheimers Umfeld und Unterzeichner einer Petition gegen den Einsatz von Atomwaffen in Japan, gelingt es überzeugend, Strauss’ zentrale Rolle bei der Denunzierung Oppenheimers aufzudecken.

Ein prominenter Senator, dessen Stimme entscheidend ist, um Strauss als Handelsminister zu verhindern, trägt den Namen John F. Kennedy. –

In seinem herausragenden, von ihm selbst geschriebenen Biopic „Oppenheimer“ lässt der britische Regisseur Christopher Nolan diese drei zentralen Ereignisketten ineinander fließen – nicht immer chronologisch, oft einfach bestimmten Themen oder Emotionen Raum gebend.

In dieser eigenwilligen, mitunter herausfordernden Dramaturgie folgt beispielsweise auf den Trinity-Test ein detailreicher dialoglastiger Nachklang, den der schwedische Komponist Ludwig Göransson musikalisch so eindringlich wummernd umrahmt, als würden die Duelle nicht mit Worten ausgetragen.

Aber darf großes (IMAX-)Kino nicht auf allen Ebenen innovativ sein?

Jedenfalls ist Christopher Nolan ein ebenso ungewöhnliches wie bildgewaltiges und auch historisch wichtiges Filmepos gelungen. 

Es endet pessimistisch.

In einem Gespräch mit Albert Einstein (Tom Conti) an einem See in Princeton, zwei Jahre nach dem Abwurf der beiden Atombomben auf Japan, hadert Robert Oppenheimer mit den Folgen seiner Arbeit.

Einst hatte er mit Einstein über Berechnungen gesprochen, nach denen die Explosion einer Atombombe die gesamte Atmosphäre entflammen könnte.

Würden die Wissenschaft die Erde zerstören?

Jetzt, nachdem er miterlebt hat, dass der Mensch vor absolut nichts zurück scheut, sagt er: „Ich glaube, wir haben es getan.“

(2023, 180 Minuten)