19. Mai 2024

Lebenslust kosten

Lasse Hallströms berührendes Romantik-Drama „Chocolat“

• Winter 1959. Im südfranzösischen Provinzdorf Lansquenet-sous-Tannes herrscht „Tranquillite“, Ruhe und Beschaulichkeit. Die Menschen sind brav und gläubig, niemand fällt aus seiner Rolle. Der Bürgermeister des Dorfes, Comte De Reynaud (Alfred Molina), ist auch das moralische Oberhaupt der Gemeinde. Er wacht streng über die Bibeltreue in seinem Dorf und redigiert sogar die Predigttexte des jungen Pfarrers, Pere Henri (Hugh O’Conor). Schließlich soll die Dramaturgie der sonntäglichen Wegweisungen ohne Wenn und Aber zu einem gottgefälligen Leben ermutigen.

Lust und Genuss betrachtet Reynaud als potentielle Bedrohungen, die letztlich dem Widersacher Tür und Tor zur Seele öffnen können. Askese gehöre deshalb zu einem vorbildhaften Leben, und die Fastenzeit sei eine gute Gelegenheit für Menschen festen Glaubens, sich selbst zu überwinden. 

Der Bürgermeister verkörpert diese konservative Gottesfurcht vermutlich auch deshalb mit solcher Vehemenz, weil sie ihm selbst Halt und Hoffnung bietet. Denn seine Frau hat ihn verlassen. Und im Stillen hofft Comte De Reynaud, sich durch ein besonders gottgetreues Leben ein günstigeres Schicksal erstehen zu können. Von seinen Eheproblemen, von der Sünde seiner Frau, soll jedenfalls niemand erfahren. Sie weile in Italien, es gefalle ihr dort sehr gut, sie werde wohl noch länger bleiben …

Da erreicht an einem windigen Wintertag Vianne Rocher (Juliette Binoche) mit ihrer jungen Tochter Anouk (Victoire Thivisol) das stille Dorf. Sie hat die Ruhelosigkeit ihrer Mutter, einer mexikanischen Nomadin, im Blut, und will nun – nachdem sie es schon in anderen Dörfern erfolglos versucht hat – in Lansquenet-sous-Tannes sesshaft werden. Kurz entschlossen kauft sie von Armande (Judi Dench), einer alten Dame, die mit der erstarrten „Tranquillite“ des Dorfes wenig anfangen kann, eine leer stehende Konditorei und eröffnet eine Chocolaterie. Mitten in der Fastenzeit.

Und obwohl – oder weil – die von Vianne nach alten Rezepten ihrer Mutter gezauberten Köstlichkeiten, etwa Kakao mit einer Prise Chillipfeffer, bald ihre beglückende Wirkung auf viele Dorfbewohner entfalten, betrachtet sie Reynaud bald als Quelle von Sünde und Verführung. Umso mehr, als Vianne den sonntäglichen Pflichtgottesdiensten guten Gewissens fern bleibt.

Die Situation spitzt sich zu, als ein paar Zigeuner über den Fluss Tannes das Dorf erreichen und Vianne sich mit einem von ihnen, dem jungen Roux (Johnny Depp) anfreundet, wohingegen Reynaud angesichts der „Flussratten“ zum Boykott gegen die Unmoral aufruft …

In seinem berührenden Drama „Chocolat“ (oder ist es doch eine Komödie?) zeigt der schwedische Filmregisseur Lasse Hallström, wie es gelingen kann, Glaubensgefängnisse zu überwinden und – hier in Gestalt „sündiger“ Schoko-Kreationen – neue Lebenslust zu kosten. Wie es gelingen kann, anstelle von bigottem Dogmatismus wieder der Menschlichkeit den Vorrang zu geben – und damit einen besonders wichtigen Aspekt von Religiosität zum Leben zu bringen.

Ein hervorragendes Schauspiel-Ensemble (Juliette Binoche wurde für einen Oscar nominiert) und ein ebenso herausragendes Kreativ-Team (das Drehbuch von Robert Nelson Jacobs und der Soundtrack von Rachel Portman wurden ebenfalls ausgezeichnet) machen „Chocolat“ zu einem zeitlosen Filmgenuss.

Die deutsche Fassung des Streifens trägt übrigens den Untertitel „Ein kleiner Biss genügt“ – eine nette Anspielung auf das alte „Staudamm-Problem“, das Glaubensdiener nicht selten zum Grübeln bringt: Es ist zwar möglich, Gelüste zu bezähmen. Aber wenn etwas – warum auch immer – gelebt werden will, aber keinen Raum bekommt und lediglich tabuisiert wird, wird der Druck irgendwann übergroß. Und dann bricht der Damm – ein kleiner Biss genügt …

In einer grandiosen Schlüsselszene erfährt der Bürgermeister, wie sich das anfühlt – lachend und zugleich weinend, gestrandet in verführerischen Köstlichkeiten, mitten im Schaufenster der Chocolaterie …

(2001, 121 Minuten)