31. Oktober 2020

„Ohne Mutter bist du Kind gestorben!“

Schwester Angelica (Suor Angelica)

• Oper in einem Akt von Giacomo Puccini

• Libretto: Giovacchino Forzano (1884–1970) • 
Musik: Giacomo Puccini (1858–1924) • 
Uraufführung: 14. Dezember 1918, New York (Metropolitan Opera) • 
Dauer: ca. 1 Stunde

Aufzug:
Ein italienisches Kloster Ende des 17. Jahrhunderts

Hauptpersonen:
Schwester Angelika:
Sopran
Die Fürstin, Angelikas Tante: Alt
Die Äbtissin: Mezzosopran

Kurze Werkeinführung

Die einaktige Oper „Suor Angelica“ (Schwester Angelika) gehört zum Opern-Zyklus „Trittico“, in dem der italienische Komponist Giacomo Puccini (1858–1924) ein tragisches, ein lyrisches und ein heiteres Stück zusammenführte.

Das lyrische Werk bildet ein Kuriosum im Opernrepertoire: In „Schwester Angelika“ treten ausschließlich Frauen auf. 

Im Mittelpunkt der Handlung steht – wie so oft bei Puccini – ein tragisches Frauenschicksal: Angelicas Eltern sind tot, das Mädchen wuchs bei der der Schwester ihrer Mutter, einer Fürstin, auf. Nach einem „unverzeihlichen Fehltritt“ – Angelica brachte ein uneheliches Kind zur Welt – haben ihre hartherzigen Verwandten sie in ein abgelegenes Frauenkloster gesteckt, wo sie nun als „Schwester Angelica“ lebt, sich aber nach ihrem Kind und einem Leben außerhalb der Klostermauern sehnt.

Für die Textdichtung sorgte der italienische Librettist Giovacchino Forzano (1884–1970). Er begeisterte Puccini mit diesem Stoff wohl deshalb ganz besonders, weil auch der Komponist eine Schwester hatte, die im Kloster lebte. Ihr soll er die „Suor Angelica“ kurz nach der Fertigstellung auf dem Klavier vorgespielt haben.

„Suor Angelica“ wurde 1918 in New York erfolgreich uraufgeführt und wird seither meist im Rahmen des von Puccini vorgesehenen Zyklus „Trittico“ gespielt.

Die Handlung

Kurz und gut …

Nach vielen Jahren des trostlosen Klosterlebens, umgeben von giftigen Kräutern, die sich bestens als Begleiter in das ersehnte Jenseits eignen, kann auch eine Schwester auf sündhafte Gedanken kommen …

Ein italienisches Kloster Ende des 17. Jahrhunderts

Schwester Angelica lebt seit sieben Jahren in einem streng geführten Marienkloster, in dem allein demütige Dankbarkeit gefordert ist. Wünsche sind verpönt. Aber obwohl sie sich nach außen wunschlos gibt, hofft Angelica insgeheim doch, Nachricht von ihrer Familie zu erhalten. Denn sie weiß nicht, was aus ihrem Kind geworden ist, das sie unehelich zur Welt gebracht hatte. Ihre Tante, eine reiche Fürstin, bei der sie nach dem Tod ihrer Eltern aufgewachsen war, hatte sie wegen dieser nicht standesgemäßen Geburt ins Kloster gesendet.

Als Angelica nun die Nachricht erhält, dass ein prachtvoller Herrschaftswagen vor dem Kloster vorgefahren sei, hofft sie, dass ihr Wunsch endlich in Erfüllung geht. Und tatsächlich erfährt sie, dass die Fürstin gekommen sei, um sie zu besuchen.

Doch die Freude über das Wiedersehen währt nur kurz. Die Tante begegnet ihrer Nichte kalt und macht ihr schnell klar, dass sie nur gekommen sei, um die Angelegenheiten des Familienerbes zu regeln. Viola, Angelicas jüngere Schwester, wolle heiraten. Und sie, die das „lichte Wappen“ der Familie „befleckt“ habe und deshalb hier im Kloster Buße tun müsse, solle auf ihr Erbe verzichten. 

Angelica ist dazu bereit, wie sie schon bisher zu allem bereit war. Allerdings gebe es ein Opfer, das sie nicht bringen könne – nämlich ihren kleinen Sohn zu vergessen, den man ihr vor sieben Jahren entrissen hat. Deshalb fleht sie die Fürstin an, ihr von dem Kind zu erzählen:

Wie ist, wie ist mein Kind?
Sagt, wie ist sein Gesichtchen?
Und was hat es für Augen?
O redet mir von ihm! Meinem Kinde!
So redet doch von ihm!

Da berichtet die Fürstin, dass der Knabe vor zwei Jahren „von schwerer Krankheit befallen“ worden sei. Es sei alles geschehen um das Kind zu retten …

Angelica „fällt mit einem Aufschrei zu Boden“. Die Fürstin lässt, ungerührt vom Schmerz ihrer Nichte, das Pergamentblatt mit der Erb-Verzichtserklärung herbei bringen. Angelica „schleppt sich schweigend zum Tisch und unterschreibt mit bebender Hand das Pergamentblatt. Die Fürstin nimmt das Pergamentblatt und nähert sich ihrer Nichte, aber diese macht mit dem ganzen Körper eine Bewegung des Widerwillens … Angelica bricht „in verzweifeltes Weinen aus“:

Ohne Mutter bist du, Kind, gestorben!
Ohne meine Küsse
wurden deine Lippen kalt und farblos.
Und da schlossest du
die lieben Augen! Deine Händchen,
die mich nicht liebkosen konnten,
faltetest du sterbend!
Und bist gestorben, ohne zu ahnen,
wie deine Mutter dich geliebt hat!
Nun, da du bist
ein Eng’lein im Himmel,
nun kannst du sie ja sehen,
deine Mutter,
kannst steigen herab vom Firmamente;
und ich fühle dich um mich schweben,
ich fühl, wie du mich küssest
und mich liebkosest.
O, sage mir,
wann im Himmel ich dich sehn kann?
Wann kann ich dich umarmen?
Ja, dann wär all mein herbes
Weh zu Ende?
So gen Himmel auch ich
mich dürfte schwingen!
Wann darf denn ich wohl sterben?
Sag, ob der Mutter Worte
dich erreichten,
zeig es ihr an
durch eines Sternleins Leuchten!
Sprich zu mir, sprich zu mir,
mein Kind, mein Alles, mein Lieb!

Während die Nonnen die Jungfrau Maria dafür preisen, dass den sehnlichen Wunsch ihrer Schwester, ihre Verwandten wiederzusehen, endlich erhört habe, seht sich Angelica nach dem Tod. In der darauffolgenden Nacht braut sie einen giftigen Trank. Schließlich umfasst sie „in religiösem Überschwang das Kreuz, küsst es, beugt sich nieder, ergreift die Schale und trinkt das Gift.“

Doch im gleichen Augenblick folgt die Ernüchterung. Ihr „Antlitz bekommt plötzlich einen angstvollen Ausdruck“, Angelica fürchtet angesichts ihrer sündhaften Tat, „in Verdammnis zu sterben“. Sie betet nun inbrünstig um Hilfe („Madonna, rette mich!“). 

Und sie wird erhört:

„Das Kirchlein scheint von Licht durchflutet. Die Kirchentür öffnet sich langsam, und inmitten eines mystischen Glanzes sieht man alsbald das Kircheninnere von Engeln angefüllt. Auf der Schwelle wird die Königin des Trostes, feierlich und voll Sanftmut, sichtbar.

Vor der Jungfrau ein lichtes, blondes Knäblein. Sie sendet das Kind mit einer unendlich sanften Bewegung, ohne es zu berühren, der Sterbenden zu.“

Schwester Angelica streckt ihrem Kind die Arme entgegen und sinkt dann, begleitet vom Chor der Engel, sanft nieder, um zu sterben.

 

(Zitate aus dem Libretto; Übersetzung nach Opera Guide)