23. November 2020

Tiefgrün bunt, unerschöpflich vielfältig, unwirklich paradiesisch

Costa Rica (2015)

Zunächst einmal ist Costa Rica bunt. Tiefgrün und bunt. Der vielleicht unmittelbarste Eindruck, den die „reiche Küste“ im Herzen Zentralamerikas hervorruft, ist ihr Farbenreichtum. Nicht erst Flora und Fauna im ausgedehnten Regenwald vermitteln üppige optische Pracht. Schon San José, wo wir landen, um das Land zwischen Nicaragua und Panama, zwischen der Karibik und dem Pazifik drei Wochen lang zu erkunden, wirkt irgendwie bunt.

Die Stadt des „Heiligen Josef“ hat keine sehr lange Geschichte. Noch vor 200 Jahren stand hier nichts weiter als ein unauffälliges kleines Dorf. Erst im Dezember 1848 wurde San José gegründet. Hundert Jahre später lebten gerade einmal 85.000 Menschen in der Stadt. Heute verursachen 350.000 „Ticos“ und mehr als eine Million Menschen aus dem Großraum San Josés regelmäßig ein Verkehrschaos erster Klasse. Wie es sich für ein aufstrebendes Ballungszentrum des 21. Jahrhunderts eben gehört.

Dröhnend und stinkend kriechen die blecheren Riesenschlangen durch den Großstadtdschungel, herein aus dem Valle Central in dessen Zentrum und bald wieder zurück hinaus in die Hochebene. Manche steuern die Fabriken für Computerchips an, die die Wirtschaft Costa Ricas ebenso beleben wie der Ananas-Export. Andere winden sich eifrig für den Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle des Landes.

Zweifellos hat das kunterbunte Durcheinander in der Hauptstadt Costa Ricas Charme. Etwas Heiteres, ausgelassen Jugendliches liegt in der Luft, gemütlich weit entfernt von den nüchternen Sachzwängen und der kalten Hektik, die westliche Metropolen häufig dominieren.

Nebel über den Kratern

Costa Rica ist bunt und warm.

Nur wenige Kilometer außerhalb von San José liegt der 2.700 Meter hohe Vulkan Poás. Er ist anhaltend aktiv und beherbergt zwei Kraterseen. Der nördliche davon wurde durch seine intensiv türkisblaue „Laguna Caliente“ weltbekannt. Und weil eine asphaltierte Straße fast bis an den Kraterrand führt, gilt dieser Vulkan als touristisches Muss für Jung und Alt. Obwohl der gute Poás, was emotionale Ausbrüche anlangt, insgesamt wohl für mehr Enttäuschung als Erstaunen sorgt. Denn meist ist von dem farbenprächtigen Säuresee nichts oder nicht viel zu sehen. Üblicherweise behindert Nebel schon am frühen Vormittag die Sicht hinab in die schillernde Tiefe. Aber ein Versuch lohnt sich. Zudem kann ein Spaziergang in dieser Höhe auch im Nieselregen ein Vergnügen sein. Oder wenigstens ein nachhaltiges Erlebnis. –

Der höchste und mächtigste Vulkan Costa Ricas ist der „zitternde, donnernde Berg“ Irazú. Ihn umgibt der älteste, schon 1955 gegründete Nationalpark des Landes. An seinem Fuß liegt die 150.000-Einwohner-Stadt Cartago. Die ehemalige Hauptstadt des Landes wurde 1563 von den Spaniern als erste Siedlung der „reichen Küste“ gegründet. 1723 zerstörte Cartago ein gewaltiger Ausbruch des Irazú, und auch dieser Vulkan ist bis heute aktiv. Während einer besonders starken Eruptionsserie, die sich über zwei Jahre erstreckte, ging 1963 über Cartago und San José ein Ascheregen nieder. Der bislang letzte große Ausbruch ereignete sich an der Nordwand des Kraters erst vor etwa 20 Jahren, 1994.

Neben dem Poás und dem Irazú umfassen die vulkanischen Bergketten der Cordilleras noch einige weitere aktive oder erloschene Vulkane. Sie alle sind Zeugen der im wahrsten Wortsinn bewegten geologischen Entstehungsgeschichte des Landes: Vor etwa 100 Millionen Jahren formte sich durch Subduktion zweier Kontinentalplatten – die Cocos-Platte schob sich unter die Karibische Platte – eine Kette von Vulkaninseln, die sich durch das Abtragen der Vulkanhänge und die Anhebung des Meeresbodens langsam verbanden. Diese Bewegungen sorgen bis heute für leichte Erdbeben, die in Costa Rica regelmäßig registriert werden.

Statuen auf dem Waldstein

Wer in Cartago Halt macht, sollte die berühmte „Basílica de Nuestra Señora de Los Ángeles“ besuchen. Diese wichtigste Kirche Costa Ricas wirkt trotz ihrer Dimensionen im Inneren beeindruckend leicht und hell. Bekannt ist sie wegen „La Negrita“, einer schwarzen Madonna, der besondere Heilkräfte zugesprochen werden.

Der Legende nach fand Juana Pereira, ein indianisches Mädchen, das nach Feuerholz suchte, am 2. August des Jahres 1635 auf einem Stein im Wald eine kleine Statue. Juana nahm sie als Puppe mit nach Hause und legte sie in eine Schatulle. Am nächsten Tag wanderte sie wieder zu dem Stein und fand dort zu ihrer großen Überraschung eine ganz gleich aussehende Statue. Juana freute sich nun zwei Puppen zu haben und wollte daheim die zweite zur ersten legen, aber die Schatulle war leer. Am dritten Tag fand das Mädchen an dem besagten Ort im Wald abermals die gleiche Statue, und zu Hause abermals eine leere Schatulle. Verstört suchte Juana Hilfe bei einem Priester. Diesem erging es ähnlich: Er nahm die Statue von dem Stein im Wald und verwahrte sie im Tabernakel seiner Kirche. Aber auch von dort verschwand sie auf geheimnisvolle Weise, um ihren angestammten Platz wieder einzunehmen. Für den Priester war nun klar, dass die „Heilige Jungfrau“ auf dem Stein im Wald verweilen will. Und so wurde entschieden, an diesem Platz eine kleine Kirche zu bauen.

Diese wurde bald durch eine größere ersetzt und 1912 schließlich die heutige Basílica de Nuestra Señora de Los Ángeles errichtet.

Am 2. August jeden Jahres pilgern Hunderttausende Gläubige hierher und erhoffen sich Hilfe aus dem spirituellen Himmel. Aber der Glaube klammert sich nicht nur an dieses Datum. Praktisch zu jeder Tageszeit bewegen sich alte und junge Menschen auf ihren Knien, inbrünstig versunken im Gebet, den Gang entlang in Richtung Altar, begleitet von sanfter Volksmusik und fotohungrigen Touristen.

Costa Ricas Bevölkerung ist überwiegend christlich, mehr als drei Viertel bekennen sich zur römisch-katholischen Kirche. Und offenbar wirkt der Glaube an die schwarze Madonna tatsächlich regelmäßig Heilungswunder. Davon zeugen die in den Kellergewölben der Basilika verwahrten Dankbekundungen: Silberne Anhänger, die Gliedmaßen und Organe darstellen, Hände und Beine, Augen und Ohren, Herzen und Bäuche.

In der Religion vereinen sich Natur und Kultur.

Sonnenaufgang über dem Regenwald in La Selva

Türme über dem Regenwald

Wir haben die Kultur weitgehend hinter uns gelassen. Es ist 5 Uhr morgens und noch dunkel. Nur die Stirnlampe beleuchtet bei diesem Marsch durch den Dschungel Farne und Bäume, Ameisen und Spinnen und vor allem den Weg, der über eine Hängebrücke direkt in den Regenwald geführt hat. Unsere Gruppe, überwiegend Biologen, wurde dazu angehalten, sorgfältig auf jeden Schritt zu achten. Sich irgendwo einfach festzuhalten ist in diesem Umfeld nicht empfehlenswert. Beispielsweise könnten Baumstämme Dornen haben. Und würde eine der zweieinhalb Zentimeter großen „24-Stunden-Ameisen“ zustechen, wäre für ihr Opfer der Tag gelaufen. Die Attacke der kleinen Riesen hinterlässt zwar keine Schäden im Gewebe, ist aber extremst schmerzhaft. 24 Stunden lang. Nomen est omen.

Unser Ziel sind zwei der insgesamt sechs etwa 40 Meter hohen Beobachtungstürme der biologischen Forschungsstation von La Selva in den „Lowlands“ von Costa Rica. Von dort aus wollen wir den Sonnenaufgang und das Erwachen des Waldes miterleben. Den sich steigernden Gesang der Vögel. Das Brüllen der Affen. Das Rauschen der Wipfel. Die aus dem Licht des jungen Morgens anmutig explodierenden Farben.

Die Forschungsstation wurde 1954 vom US-amerikanischen Botaniker Dr. Leslie Holdridge (1907–1999) gegründet – in einer Zeit, als in Costa Rica noch die Äxte der Holzfäller den Ton angaben und kaum jemand an den Schutz des Regenwaldes dachte. Holdridge kaufte damals das Land, um Baumkulturen zu erforschen, mit denen nachhaltig gewirtschaftet werden kann. Heute stehen der gemeinnützigen „Organisation für Tropische Studien“ (OTS) in La Selva 1.600 Hektar tropischer Regenwald für eine systematisch Erforschung zur Verfügung. Beispielsweise werden der CO2-Haushalt untersucht sowie die Zusammenhänge von Pflanzenwachstum und Wasserhaushalt, die Auswirkungen des Klimawandels auf Vogelpopulationen und Mikroorganismen und so weiter. Einige der insgesamt 300 Wissenschaftler, die jedes Jahr in La Selva forschen, verbringen ihr halbes Leben hier. Mit Dutzenden Publikationen und jährlich 100 Ökologie-Kursen gilt die Station als eine der produktivsten weltweit.

Und wie überall in Costa Rica spielt auch in La Selva der Öko-Tourismus zunehmend eine Rolle. Klar: Die teilweise betonierten Wege, auf denen die Forscher in den Regenwald radeln, um ihre Studien durchzuführen, eignen sich genauso gut für Hobby-Botaniker, Ornithologen oder einfach Naturliebhaber. So bequem wie hier lassen sich Aras, Amazonen, Affen und Leguane, Tukane, Spechte, Frösche und Faultiere, Schildkröten und – mit etwas mehr Glück – auch Schlangen, Agutis und Tayras kaum irgendwo sonst beobachten.

Touristisch weniger geeignet sind die Beobachtungstürme. Auf ihren schmutzigen, glitschigen Leitern kraxeln wir jetzt – angeseilt und mit Schutzhelm ausgerüstet – dem über den Bäumen beginnenden Morgen entgegen.

Das Abenteuer ist jede Mühe wert. Eine rasch von intensivem Rosa und Orange zu zartem Weiß wechselnde Farbenflut ergießt sich mit der hochsteigenden Sonne über die Wipfel. Die Artenvielfalt, in der sich das Leben unter uns entfaltet, ist unbeschreiblich: Mehr als 700 Baumarten wurden hier bereits dokumentiert, über 500 Vogel- und 5.000 Schmetterlingsarten und jede Menge Säugetiere: 65 Fledermausarten beispielsweise, 16 Nagetierarten, Ameisenbären, Tapire, Kleinbären, Fischotter, Skunks, Schlangen und und und. Wer weiß, was alles noch nicht dokumentiert werden konnte!

Aber Costa Rica ist nicht nur für Zoologen, sondern auch für Botaniker ein farben- und formenprächtiges Paradies … der orangefarbene Korallenbaum, der rot blühende afrikanische Tulpenbaum, der lila Jacaranda, der weiße Orchideenbaum – oder beispielsweise Socratea, die wandernde Palme. Ihr sagt man nach, sich über die Jahrzehnte tatsächlich mehrere Meter weit fortbewegen zu können, indem sich zunächst ihr Wipfel zur Seite neigt – dorthin, wo es im Wald mehr Licht gibt –, worauf sich an dieser Seite Wurzeln anbauen und dafür auf der anderen Seite welche lösen. Die Wurzelverzweigungen der Socratea beginnen etwa einen Meter über der Erde, und der Eindruck, die Palme würde instabil auf dünnen, teils gekappten Stelzen stehen, ist auch für ärmliche botanische Nachhilfeschüler wie mich absolut faszinierend. Allerdings bezweifeln einige Forscher, dass der Baum tatsächlich wandert, weil Versuche, dieses Verhalten zu beobachten, bisher fehlgeschlagen sind.

Helles Sonnenlicht erfüllt bereits den Regenwald. Beglückt haben wir die Beobachtungstürme wieder verlassen und durchstreifen in mehreren Wanderungen einen kleinen Teil des insgesamt 61 Kilometer langen Wegenetzes der Forschungsstation. Leise lauschend, zunehmend hellhörig und mit geschärftem Blick. Mit dem Tagesanbruch hat auch der Wettbewerb der Spektive und Objektive begonnen. Denn unter uns sind einige hervorragende Fotografen, die weder Zeit noch Mühe scheuen, den detailreichsten Blick auf die Wunder der Natur zu erhaschen. Sie alle waren schon mehrmals hier und wissen, dass der Spaß erst bei Brennweiten um die 400 Millimeter beginnt.

Richard Kunz, unser Reiseleiter, schleppt Tag für Tag sein 600-mm-Objektiv auf dem Stativ durch den Dschungel. Das lichtstärkste Monstrum in dieser Kategorie, das es gibt. Er ist nicht nur Biologe, ehemaliger Lehrer (10 Jahre an der österreichischen Schule in Guatemala), passionierter Abenteurer und Schlangenfänger, sondern auch ein ganz großer Naturfotograf. Sein umfangreiches Bildarchiv, das während bisher 25 Costa-Rica-Reisen entstand, ist eine Sammlung atemberaubender Meisterwerke und weltweit mit Sicherheit einzigartig.

Vor allem ihm und einigen lokalen Guides haben wird es zu verdanken, dass unsere Blicke im Regenwald oft und oft genau zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort gelenkt werden: Zu den Brüllaffen, die morgens manchmal schon ab halb fünf Uhr Radau machen; zum Leguan im Hochzeitskleid, der sich hoch oben auf einem Ast sonnt; zur Motte, die sich gekonnt als Blatt tarnt; zur Raupe, die täuschend echt eine Schlange imitiert; zu den Spinnen, Käfern, Pfeilgiftfröschen und Tausendfüßern. Oder zu der meterlangen dünnen Baumschlange, die in der Abenddämmerung wohl jeder von uns übersehen hätte, jetzt aber in Richards Hand Geduld zu üben hat – so lange, bis alle Fotografen zufrieden sind. Ob sie giftig war? Nein, die Fotoanalyse beweist es.

Als nächstes wird Richard uns hinauf in den Nebelwald führen, in die „Highlands“ Costa Ricas. In die Heimat des außergewöhnlichsten Vogels, den das Land zu bieten hat: den legendären Quetzal.

Richard Kunz auf der Jagd

Prächtige Schauapparate

Regina, meine Frau und private Biologie-Nachhilfelehrerin, hat soeben ihre persönliche Pflanze entdeckt: Die Aechmea mariae-reginae versprüht mit ihren rosa Hochblättern tropischen Charme. Ein prächtiger „Schauapparat“, wie Botaniker ein wenig technokratisch das bezeichnen, was auch Fachunkundigen besonders schön ins Auge springt. Blüten aus der unerschöpflichen Vielfalt des Lebens.

Das Naturparadies Costa Rica ist für Biologen eine gefährliche Droge. Denn der fachlich sondierende Blick findet auf Schritt und Tritt neue Wunder und neue Rätsel. Und die Analyse zeigt, dass nur ein kleiner Teil dessen, was hier blüht und gedeiht oder kreucht und fleucht kartiert oder klassifiziert ist. Gerade eben staunt Regina beispielsweise über ein Wintergrün. Laut Lehrbuch sollte Chimaphila umbellata nur in Europa und Russland verbreitet sein. In Costa Rica fühlt sich die Pflanze trotzdem sehr wohl.

Die klimatischen Verhältnisse sind günstig. Das von den Spaniern einst als „reiche Küste“ bezeichnete Land offenbart auch heute noch einen unermesslichen Reichtum an Pflanzen und Tieren. Was ein kleines Wunder ist. Denn in den 1980er Jahren waren in Costa Rica bereits etwa 80 Prozent des Regenwaldes gerodet worden.

Zum Glück konnte die kurzsichtig dumpfe Holzfällerei eingebremst werden. Heute sind wieder mehr als 50 Prozent des Landes mit Wald bewachsen und der Ökotourismus wird gezielt gefördert: Etwa 27 Prozent der Landfläche stehen unter Naturschutz, es gibt 26 Nationalparks, etwa 160 Schutzgebiete und bereits über 1,5 Millionen Touristen pro Jahr, die Richtung Regenwald steuern oder zu anderen ökologisch ansprechenden Zielen.

Wir gehören zu ihnen. Unter der Leitung des Grazer Biologen Richard Kunz erkunden wir drei Wochen lang Fauna und Flora des Landes.

Momentan auf etwa 2.500 Meter Seehöhe im Nebelwald Costa Ricas.

Quetzale und der Trick mit dem Spektiv

Einige sensationelle Eindrücke aus den vergangenen Tagen haben sich bereits fest in der Erinnerung verankert: Wir konnten Erdschildkröten, Pekaris, Leguane und Klammeraffen erleben, zeitlupenflinke Faultiere und farbenprächtige Kolibris, die „fliegenden Juwelen“. Und einmal einen seltsamen Nager, die für mich wie ein rehgesichtiges Hasenschwein aussah, zoologisch korrekt Aguti genannt. Wir trafen Frösche, die Blue Jeans tragen und sahen Ferraris durch die Lüfte zischen.

Ernsthaft: Den Blue-Jeans-Frosch gibt es wirklich, und der „Passerini tangare“ wird wegen seines leuchtend roten Bauchs von Ornithologen bisweilen als „Ferrari“ bezeichnet. Was auch deshalb naheliegend ist, weil die meisten Vogelkundler Männer sind. Aber ihr gemeinsamer Jagd- und Sammeltrieb ist ordentlich kultiviert. Für einen „Abschuss“, also eine Sichtung, reicht es ihnen schon, dass ein Vogel nur gehört worden ist. Und wenn beispielsweise einer aus der Ornithologen-Gemeinde den „Ferrari“ geortet hat, dann gilt diese Sichtung auch für jeden anderen in der Gruppe.

Indes stehen Fotografen dem Prinzip „Einer für alle – alle für einen“ eher fern. Für sie zählt letztlich vor allem der eigene Schuss, das eigene Werk, der sorgsam selbst komponierte Blickwinkel auf die Vielfalt des Lebens.

Für das frühmorgendliche Abenteuer, das nun vor uns liegt, werden Ornithologen und Fotografen freundlich, aber bestimmt um den besten Standort rittern. Mit Hilfe eines örtlichen Guides wollen wir den berühmtesten Vogel Costa Ricas beobachten: den Quetzal, dessen prachtvolle, bis zu einen Meter lange Schwanzfedern präkolumbianischen Priestern als Kopfschmuck dienten und dessen Tötung einst mit dem Tode bestraft wurde. 

Die Lodge, in der wir genächtigt haben, existiert, wie zahlreiche andere Lodges in der Nebelwald-Region, vor allem wegen dieses 35 Zentimeter langen grün- und scharlachrot gefärbten Vogels. Es gibt ihn nur in Mittelamerika, wo er seine Bruthöhlen in morsche Bäume gräbt. Wenn überhaupt, dann lässt sich der Quetzal dort am ehesten von hinten beobachten. An diesem frühen Morgen aber erwarten wir die von den Azteken als Gottheiten verehrten Vögel sozusagen auf Augenhöhe. Sie sollen sich auf leicht einsehbaren, schattigen Ästen vor uns niederlassen und geduldig posieren. Natur im kameragerechten 16:9-Format – das ist natürlich ein hoher Anspruch an das Glück. Aber wir sind guten Mutes, dass Joel, unser Guide, uns dazu verhelfen wird.
Tatsächlich dauert der Marsch nicht lange, und schon ruft er leise, Aufmerksamkeit gebietend: „A male. He’s coming!“

Schweigend und routiniert wurden zuvor schon die Spektive und Stative aufgebaut, jetzt klicken die Auslöser. Das sind jene spektakulären Momente, die alle Investitionen in sündteure optische Krücken rechtfertigen. Wer Besitzer eines Objektivs mit entsprechender Brennweite ist, wird stolz bildfüllende Aufnahmen präsentieren können, von denen Otto Normalfotograf nur träumen kann.

Oder? – „iphone? Small cameras?“ Joel durchmustert unsere Gruppe und winkt, ihm solche Geräte zu überlassen. Ich gebe ihm mein Mobiltelefon. Er hält es in einem bestimmten Winkel an sein Spektiv, zoomt das Bild etwas heran und schafft es mit diesem Trick, eine ordentliche Quetzal-Nahaufnahme auf das iPhone zu zaubern. Nicht ganz so scharf wie mit einem Teleobjektiv, aber immerhin. Mir selbst gelingt das allerdings auch nach Dutzenden Versuchen nicht oder nur zufällig. Joel lacht über meine vergeblichen Bemühungen, konzentriert dann seinen Blick gleich wieder auf den Wald, ahmt passendes Gezwitscher nach und hat bald das nächste Männchen ausgemacht.

Fazit des Morgens: Wir konnten den prachtvollen „Freiheitsvogel“, von dem die Legende behauptet, dass er sich in Gefangenschaft selbst tötet, tatsächlich in freier Natur beobachten. Natürlich erhält der Quetzal einen Ehrenplatz im Kino der Erinnerung!

Unsere nächste Wanderung führt noch weiter hinauf in den Nebelwald, über märchenhafte Pfade zu mächtigen Eichen und mächtigen Mücken, die wir uns mit improvisierten Palmblatt-Fächern vom Leib halten. Typisch für diesen Wald sind die zahlreichen epiphytischen Pflanzen – Flechten, Moose, Bromelien, Orchideen …

Kleines Abenteuer: Nicht alle Pfade im Nebelwald sind perfekt „in Schuss“

Über den Todespass hinab zur Küste

Der weitere Reiseweg befördert uns rasant bergab – 3.000 Meter Höhenunterschied in 3 mal 30 Minuten. Wir steuern die Pazifik-Küste Costa Ricas an.

Unsere Route führt über den berüchtigten Todespass. „Cerro de la muerte“ wird dieses Straßenstück genannt, wo häufig dichter Nebel lagert und Unfälle provoziert. Kreuze am Straßenrand zeugen vom Schicksal zahlreicher Autofahrer, die hier ums Leben kamen. Passend als Ergänzung zu den Kreuzen wirbt ein Grabstein-Händler für sein Geschäft. Er dürfte wohlhabend sein.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, muss an dieser Stelle fairerweise erwähnt werden, dass die Hauptverbindungsstraßen in Costa Rica inzwischen bestens ausgebaut sind. Die hartnäckigen Gerüchte, dass man in diesem Land neue Reifen ebenso oft benötigt wie eine Flasche Wasser, treffen vielleicht noch für einige schlecht erschlossene Gebiete zu, sind im allgemeinen aber Schnee von gestern.

Auch die kühlen Temperaturen, die uns im Nebelwald eher an europäische Spätherbsttage als an die Tropen erinnert hatten, schmelzen nun dahin. Als wir nach einer angenehmen Fahrt, die ein schönes Stück entlang des naturbelassenen Rio General führt, in Sierpe ankommen, um vom Kleinbus in ein Boot umzusteigen, verdeutlichen uns massive Schweißausbrüche sehr genau, dass wir uns in einem Land befinden, das zwischen 8° und 11° nördlicher Breite liegt, also nicht weit entfernt vom Äquator. In einem herrlich ursprünglichen Land, das politisch aber eines der fortschrittlichsten Lateinamerikas ist. Bereits in den 1950er Jahren führte in Costa Rica eine mutige, richtungweisende Entscheidung zu einer bemerkenswerten Kurskorrektur: Das Militär wurde abgeschafft, die dadurch frei werdenden finanziellen Mittel gezielt in Bildungs- und Gesundheitsprogramme investiert. Statt Abfangjägern durchkreuzen hier prächtige Vögel die Lüfte, die Demokratie ist stabil, das Bildungsniveau verhältnismäßig hoch. Mit nur etwa 4 Prozent Analphabeten hat Costa Rica die zweitniedrigste Quote Mittelamerikas.

Die zweite wichtige politische Weichenstellung in den vergangenen Jahrzehnten war zweifellos die Schärfung des ökologischen Bewusstseins. Die Rodungen im Regenwald konnten eingeschränkt, Schutzgebiete und Nationalparks errichtet werden. Die ursprünglich noch schwache Nationalparkverwaltung des Landes, die zu wenig Personal und finanzielle Mittel besaß, um Regenwaldflächen zu schützen, erhielt durch die Privatinitiative „Regenwald der Österreicher“ wertvolle Unterstützung.

Heute legt schon der Schulunterricht großen Wert auf das Thema Ökologie. Und das steigende Umweltbewusstsein hat Auswirkungen auf den Alltag. Beispielsweise wird fast überall Mülltrennung praktiziert, und mehr als 90 Prozent der Energie stammt aus regenerativen Quellen. Eine wichtige Grundlage der Umweltpolitik ist die „Initiative Frieden mit der Natur“, mit der Präsident Oscar Arias 2007 der Umweltzerstörung radikal entgegen trat. Bis 2021, wenn Costa Rica seinen 200. Geburtstag feiert, soll das Land als erster Staat der Erde eine ausgeglichene CO2-Bilanz erreichen.

Diese erfreuliche Ökologisierung geschieht wohl nicht nur aus Idealismus. Denn als zentraler Wirtschaftsfaktor spült der Öko-Tourismus jährlich bereits Einnahmen von etwa 1,5 Milliarden (!) Dollar in die Kassen des Landes.
Glücklicherweise ist von diesem Boom im Alltag nicht übertrieben viel zu bemerken. Zwar werden Naturerlebnisse bisweilen schon fast wie Supermarkt-Artikel angepriesen – geführte Touren zu Schlangen oder Rotaugenfröschen sind beispielsweise um etwa 30 Dollar zu haben –, aber es gibt trotzdem jede Gelegenheit, die üppige Flora und Fauna des Landes auch in ihrer unberechenbaren Spontaneität zu erleben. Und Disneyland-Charakter hat Costa Rica definitiv nirgendwo. Selbst in der attraktiven Trockenzeit von Dezember bis April (die Regenzeit wird touristisch geschickt als „grüne Saison“ bezeichnet) sind die zahlreichen Naturschauplätze nicht wirklich überlaufen.

Costa Rica, der Strand um die „Corcovado Ranch“

Palmen, Mangroven und Strand-Krokodile

Vorbei an Mangrovenwäldern hat uns das 200 PS starke Boot in einstündigem Flug über das Wasser von Sierpe nach Bahia Drake gebracht. Hier erwartet uns ein Sandstrand mit Palmen wie aus dem Bilderbuch der Urlaubsträume.

Costa Rica in Reinkultur. Weit und breit keine All-inclusive-Hotels mit drei, vier, fünf oder wer weiß wie vielen Sternen, überhaupt keine Hotels, sondern einfache, eher schon spartanische Lodges. Auch weit und breit keine Touristenströme, keine Strandliegen-Friedhöfe oder stinkenden Autokolonnen. Nur dann und wann ein einsamer Reiter, der sein Paso Fino gemütlich im Tölt über den Sand traben lässt. Kokospalmen mit Hängematten und herrlich warmes Wasser.

Der Pazifik hat hier das ganze Jahr über etwa 28 Grad. Paul, ein Biologe aus unserer Gruppe, geht gerade mit dem Thermometer baden – und misst 32 Grad, Thermentemperatur! Wer Glück hat, kann beim Baden oder Schnorcheln nicht nur zahlreiche Fische, Krebse und Strandläufer beobachten, sondern sogar einem jungen Krokodil begegnen. Fallweise verirren sich solche Tiere aus den Mangroven hierher. Sie gelten als scheu und ungefährlich. Größere Exemplare, versichert uns der Besitzer der „Rancho Corvocado“, die uns für einige Tage beherbergt, werden vorsorglich gefangen und abtransportiert.

Bahia Drake führt seine Besucher auf das einfache, ursprüngliche Leben in den Tropen zurück. „Downtown“ besteht im Wesentlichen aus einem Lebensmittelladen, einer Pizzaria, einer Eisdiele, einer Bar und wenigen weiteren Häusern. Autos gibt es in dieser Gegend kaum. Nur ein paar junge Motorradfahrer fegen stolz über die staubige Straße oder sind damit beschäftigt, ihre Maschinen im Fluss zu säubern. Dort und da bauen Männer an Holzhütten, neue Ein-Stern-Lodges entstehen, für die sich hoffentlich ein paar Öko-Touristen finden werden. Polizei patrouilliert hier keine, kriminelle Aktivitäten sind kaum bekannt … noch. Denn es ist nicht auszuschließen, dass die Probleme zunehmen. Ein Schweizer Tourist erzählt, dass ihm in Costa Rica kürzlich sein Leihauto samt allen persönlichen Wertgegenständen gestohlen wurde. Allzu naive Sorglosigkeit ist demnach wohl nicht angeraten.

Besucher aus dem Landesinneren reisen meist per Boot nach Bahia Drake. Anlegesteg gibt es keinen; man landet durchwegs „nass“, watet die letzten Meter also barfuß an Land. Anderes ist auch nicht zu erwarten von einem Naturparadies, in dem touristisch Pionierarbeit geleistet wird.

Die Küche der „Rancho Corcovado“ ist indes bereits „High End“ – landestypisch und äußerst vielseitig. In der Früh wird neben Toast und Kaffee das Nationalgericht Costa Ricas serviert, Gallo Pinto: gebratener Reis mit schwarzen Bohnen und Eiern. Mittags und Abends gibt es frischen Fisch, köstliche Fleisch- und Nudelgerichte und immer wieder Früchte: Bananen (roh, gebacken, gebraten und als Chips) köstlich süße Ananas-Scheiben, Mangos, Papayas, Melonen … Da bleibt kein Wunsch offen.

So gestärkt werden wir uns nun auf eine Inselrundfahrt begeben und dabei die Unterwasserwelt erkunden. Und danach Costa Ricas Fauna bei Nacht.

Viel unberührte Natur rund um die „Rancho Corcovado“

Die Nacht im „Kingsice“-Bett fühlte sich beengt an. Kingsice ist etwas für Könige. Für Könige ohne Königin. Alte Ehepaare brauchen den Spalt zwischen zwei Matratzen, wenn’s uneingeschränkt gemütlich sein soll. Soviel steht nach der ersten Nacht im „Rancho Corcovado“ fest. Jedenfalls für mich allzu wohlstandsverwöhnten Zeitgenossen.

Wir befinden uns in Bahia Drake an der pazifischen Küste von Costa Rica. Nach der Ankunft unserer Reisegruppe im Valle Central mit der Hauptstadt San José und mehrtägigen Aufenthalten in den Regen- und Nebelwäldern des Landes erleben wir auf der Halbinsel Osa viel vom besonderen, ursprünglichen Flair der „reichen Küste“. Keine teuren Luxus-Lodges, keine Hotels, keine umweltverachtenden All-inclusive-Angebote. Statt dessen bietet die „Rancho Corcovado“ einfache Übernachtungs-, Wasch- und Speisemöglichkeiten. Im Grunde also alles, was Naturliebhaber benötigen, die den Artenreichtum des Landes erkunden wollen.

Westliches Anspruchsdenken mag sich an zu kleinen Betten, schlecht funktionierenden Schlössern oder anderen Kleinigkeiten reiben. Unberührt davon steht der „Rancho“ für eine Erfolgsgeschichte, wie sie in Costa Rica dort und da geschrieben wird.

„Mario, mein Vater, war Farmarbeiter“, erinnert sich Roger Gonzales, Chef des „Rancho Corcovado“, an die schwierigen Anfänge. „Wir waren eine arme Familie mit 13 Kindern und hatten ein schweres Leben. Aber mein Vater wollte etwas Neues. Eigenes Land kaufen und etwas aufbauen.“

Irgendwann stand ein wunderschönes Stück Natur an der Pazifikküste in Aussicht. Aber der Preis war hoch: eine Million Colones. Heute sind das nur etwa 2.000 Dollar, aber damals war die Summe für Marios Familie ein kleines Vermögen. Also arbeiteten er, seine Frau und Roger Gonzales gemeinsam mit vier Brüdern in anderen Hotels, um Geld zu verdienen. Eine harte, entbehrungsreiche Zeit.

Vor 24 Jahren war es dann endlich soweit: Das Land, auf dem heute der „Rancho Corcovado“ steht, ging ins Eigentum der Familie Gonzales über. Und die begann den Traum vom kleinen Paradies für Costa-Rica-Urlauber zu verwirklichen. Gearbeitet wurde unter widrigsten Umständen – ohne Strom, ohne Telefon, oft bei Fackellicht, bei strömendem Regen auf glitschiger Erde. Alle waren Zimmerer, Tischler, Installateure, Elektriker und Künstler in Personalunion. „Wir haben alles selbst gemacht“, erzählt Roger, „und wir haben nie einen Bankkredit genommen, sondern immer nur weitergebaut, wenn das Geld dafür da war.“

Es dauerte jahrelang, bis die nötigen Mittel nicht mehr anderswo verdient werden mussten, sondern aus dem „Rancho“ erwirtschaftet werden konnten. Denn der Weg zu den ersten Buchungen war steinig. Das einzige Telefon weit und breit stand irgendwo im Dorf, es gab kein Internet und keine Kontakte zu Tourismus-Agenturen. Erst in den letzten zehn Jahren wurde es leichter. „Seit acht Jahren gibt es hier Elektrizität“, sagt Roger, „heute haben wir Internet und gute Agenturkontakte.“ Zwölf Leute hat er heute insgesamt im Team. Seine Eltern können indes die Früchte ihres arbeitsreichen Lebens genießen. Während der „Low season“ aber, also der Regenzeit, wird weiterhin investiert und renoviert. Denn irgendwann soll der „Rancho Corcovado“ 20 Räume in bester Qualität für seine Gäste bieten. Das ist Rogers Ziel.

Roger, Chef der „Rancho Corcovade“

Fische, Riffe und steinerne Monstren

Unser heutiges Ziel ist die Isla del Caño, etwa 45 Fahrtminuten von der pazifischen Küste entfernt. Das 200-PS-Boot des „Rancho Corcovado“ fegt über die Wellen. Schnorchel und Taucherbrille zum Erkunden der Unterwasserwelt liegen bereit.

Die Inseln Costa Ricas sind faszinierende Welten für sich. Die bekannteste unter ihnen ist die „Isla del Coco“ (Cocos-Insel), die allerdings 500 Kilometer weit weg vom Festland liegt. Sie ist unbewohnt und darf nur mit Sondergenehmigung betreten werden, weil sie – wie auch andere Nationalparks des Landes – zum Weltkulturerbe erklärt worden ist.

Auf der 320 Hektar großen Isla del caño wachen ebenfalls Ranger darüber, dass Touristen nichts mitgehen lassen. Nicht einmal ein kleines Muschelchen. Denn einerseits geht es darum, auch die kleinsten Eingriffe in ein intaktes Ökosystem zu vermeiden, und andererseits ist die Insel archäologisch schützenswert. Es gibt hier Gräber aus präkolumbianischer Zeit. Außerdem wurden Steinkugeln gefunden – mit einem Durchmesser von bis zu einem Meter. Solche beeindruckenden Monstren sind uns schon auf der Autofahrt in Richtung pazifischer Küste aufgefallen. Bis heute ist nicht bekannt, zu welchem Zweck die geheimnisvollen Werke aus Stein einst geformt worden sind. –

Ehe wir die Insel betreten, stehen Tauch- und Schnorchelgänge auf dem Programm. Fast zwei Stunden verbringen wir im warmen Wasser des Pazifiks und erleben eine Unterwasserwelt wie aus dem Märchenbuch: Kugelfische, Zackenbarsche, Wimpelfische, Papageienfische … riesige Schwärme ziehen an uns vorbei, zwei Karettschildkröten tauchen ab, ein Stechrochen gleitet durch die Tiefe, noch weiter unten ein Weißspitzenhai. Die Korallenriffe rundum sind intakt, der Pazifik blieb hier glücklich verschont von menschlichen Rücksichtslosigkeiten.

Nach einem improvisierten Mittagessen auf dem Playa San Josecito, einem wunderschönen, aber weitgehend infrastrukturfreien Strand – kein Wasser, keine Toilette, lediglich ein paar Tische mit Sitzgelegenheiten stehen zur Verfügung –, unternehmen wir von hier aus eine Wanderung zur Mündung des Rio Claro in den Pazifik. Abermals ein herrliches Stück Natur – mit einer kleinen Überraschung am Zielpunkt: In ihrem improvisierten Souvenir-Verkaufsstand bietet ein fröhliches Ehepaar afrikanischer Abstammung Handtücher, Sonnenbrillen, Schmuck und manches mehr an. Das Land lebt vom Tourismus – auch in den entlegensten „Öko-Nischen“.

Costa Ricas Bevölkerung ist eine bunte Mischung. Die Nachkommen eingewanderter afrikanischer Arbeiter wohnen hier, aber nur drei Prozent aller Costa-Ricaner sind schwarz. Der Anteil rein indigener Bevölkerung ist noch geringer. Die meisten Indios leben zurückgezogen in der Cordillera de Talamanca. 97 Prozent der Bevölkerung sind weiß oder nicht mehr klar einer Hautfarbe zuzuordnen. Eine gelungene Mischung offensichtlich, denn Umfragen zufolge zählen die Costa-Ricaner zu den glücklichsten Menschen der Welt. Ihre Lebenserwartung beträgt durchschnittlich knapp 80 Jahre.

Hier gibt’s Souvenirs: Nahe der Rio-Claro-Mündung

Rotäugige Juwelen und hochgiftige Spinnen

Ich fühle mich ebenfalls beglückt. Denn unsere dreiwöchige Costa-Rica-Reise unter der Leitung des Grazer Biologen Richard Kunz bietet jede Gelegenheit für tiefere Einblicke in die Flora und Fauna und in das Leben des Landes.

Der heutige Tag hält zwei weitere Regenwald-Abenteuer bereit: Nach einem Ritt durch das Hinterland von Bahia Drake, durch neu entstehende Straßenschluchten, die gerade metertief in den roten Boden gebaggert werden, durch Wälder, Flüsse und zuletzt im Galopp den Strand entlang, wartet abends Javier Mora Segura auf uns. Er ist hier seit 20 Jahren als Guide tätig und wird uns den Regenwald bei Nacht zeigen.

Biologisch ist diese Exkursion besonders interessant, weil die meisten Tierarten nachtaktiv sind. Vor allem warten wir schon lange auf eine Gelegenheit, den berühmten Rotaugenfrosch beobachten und fotografisch dokumentieren zu können.

Frösche gelten als die Juwelen des Dschungels. Aber die ebenso niedlichen wie faszinierenden Amphibien sind tagsüber nicht eben leicht zu aufzuspüren.

Javier indes weiß genau, wo sie nach Sonnenuntergang anzutreffen sind. Man könnte fast vermuten, dass lokale Regenwald-Experten wie er aktiv nachhelfen, damit die Tiere an ausgewählten Schauplätzen ideale Lebensbedingungen vorfinden. Jedenfalls wirkt der Rotaugenfrosch, der sich uns auf einer farblich ideal passenden Helikonie präsentiert, perfekt platziert. 

Die Nachtexkursion unter Javiers Führung ist jedenfalls ein voller Erfolg: Wir entdecken nicht nur das ersehnte „rotäugige Juwel“, sondern auch den unscheinbaren Dink-Frosch, den Glasfrosch, bei dem man mitunter durch die Haut das schlagende Herz erkennen kann, und den granulierten Pfeilgiftfrosch, der statt Blue Jeans eine grüne „Hose“ trägt (den Blue-Jeans-Frosch gibt es nur auf der karibischen Seite Costa Ricas). Zwischendurch zeigen sich auch einige andere „Kreaturen der Nacht“, Tiere also, die man tagsüber kaum findet: eine große Geisterkrabbe, eine Falltürspinne, deren perfekt getarnte Luke in der freien Natur nur ein ortskundiger Spezialist entdecken kann – und die „Bananaspider“, laut Javier die giftigste Spinne der Welt. Nichtsdestotrotz demonstriert er, wie sie auf sein „Kitzeln“ mit einem kurzen Stöckchen reagiert – äußerst aggressiv nämlich. Zum Glück erreicht ihre Attacke nicht Javiers Finger … das wäre tödlich gewesen. Ein Nervenkitzel, der meine Frau zu einer (meines Erachtens unnötig verallgemeinernden) – Bemerkung anregt: „Männer müssen wohl immer damit angeben, wie mutig sie sind.“

Der Englisch und Spanisch sprechende Guide hat sie wahrscheinlich nicht verstanden.

Paradiesische Aussichten von einem Zelt der „Eco Lodge“

Das ist jetzt aber nicht wahr …

Adios, Bahia Drake. Das letzte Ziel unserer Reise an der Pazifik-Küste auf der Halbinsel Osa ist die „Leona Eco Lodge“. Eine mehrstündige, bisweilen abenteuerliche Fahrt auf staubigen Straßen. Immer wieder müssen die allradgetriebenen Taxis furten, wenn ein Fluss den Weg kreuzt.

In den besser erschlossenen Bereichen reiht sich Plantage an Plantage: Ölpalmen, Kaffee, Bananen, Ananas, Palmito, Melina – ein schnell wachsendes Holz für die Papierproduktion. Alles, was Costa Ricas Realwirtschaft benötigt.

Der erste unserer Zwischenstops ist geplant: In Puerto Jimenez führt uns Richard zu frei lebenden Brillenkaimanen.

Der zweite findet ungeplant statt – als Verneigung vor einer zoologischen Sensation: Ein junger Tagschläfer sitzt in Augenhöhe auf einem Zaunpfahl und lässt sich geduldig fotografieren. Würde er sich nicht fallweise um die eigne Achse drehen, zentimeterweit nur, könnte man meinen, der Vogel sei tot.

Am Strandort Carate endet die staubige Straße. Die „Eco Lodge“ erreicht man von hier aus nur mit einem einstündigen Fußmarsch.

Aber was für ein Marsch das ist!

Über uns turnen Klammeraffen und Brüllaffen in den Baumwipfeln.

Links und rechts liegen Bananen und Kokosnüsse bereit zur Ernte.

Auf einer von Palmen gesäumten Wiese weiden Pferde.

In einer Baumkrone liefert ein Dutzend roter, langschwänziger Aras lautstark ein Schau-Spiel: Aufeinander losgehen, aneinander kuscheln, miteinander fliegen. Etwa eine halbe Stunde lang – nur wenige Meter von uns entfernt. Indes ziehen Pelikane in perfekten Dreiecksformationen über Himmel.

„Das ist jetzt aber nicht mehr wahr“ – der Gedanke huscht mir durch den Kopf. Tatsächlich eine schon unwirkliche Szenerie. Wenn die „Leona Eco Lodge“ nicht paradiesisch anmutet, dann gibt es das Paradies auf Erden nicht.

Am späten Nachmittag folgt die erste Wanderung auf einen nahe gelegenen Berg – und sie endet in einer Stimmung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Während die Sonne langsam im Pazifik versinkt, taucht das warme Licht des frühen Abends den Regenwald in alle Nuancen zwischen tiefem Gelb und hellem Rosa, so dicht und gegenwärtig, dass man meinen könnte, die Farben hätten die Konsistenz von zartem Nebel.

Als die Nacht das Licht verdrängt, werden Kerzen angezündet. Entlang der Wege durch den Palmenhain und in den großen Zelten, die als Zimmer dienen und ein paar Meter vom Sandstrand entfernt mit Blick zum Meer in einladende Holzkonstruktionen eingebaut sind.

Bald zittern die kleinen Flämmchen im Wind, die Zikaden zirpen, der Pazifik rauscht. Kein elektrischer Strom, kein Internet, reine Natur. Das ist die „Leona Eco Lodge“. Selbst Einrichtungen, die dem dringendsten Bedürfnis nach Kultur Folge leisten, sind durch Naturmaterialien künstlerisch gezähmt: Abgrenzungen aus Kokospalmen, Kleiderhaken aus Hartholzstäbchen, Duschköpfe aus Kokosnüssen. Und für die Toilette gilt, wie fast überall in Costa Rica: Nur was zuerst durch den Körper gegangen ist, darf später durchs Klo gespült werden. Das zur Säuberung des Allerwertesten benötigte Papier wird also separat in einem Kübel gesammelt.

Kokosnuss: Auch so können Brauseköpfe an der Dusche aussehen

Obwohl es ungewöhnlich heiß ist – das Thermometer zeigt bisweilen um die 40 Grad – und sich im allgemeinen eher wenig Tiere zeigen, bietet unsere Exkursion in den „Corcovado Nationalpark“, die wir mit dem jungen Guide und Biologie-Studenten Jim unternehmen, interessante Begegnungen: Schmetterlinge in vielen Farben – blau leuchtende Morphos, ein grün schillernder Consul fabius, der unter einem Blatt gerade ein winziges Ei abgelegt hat, Fledermäuse, die sich aus Palmblättern ein Zelt bauen, Armeen von Einsiedlerkrebsen, die emsig unseren Weg queren, Tauben, Ameisenvögel, zwei „Jesus-Christ“-Basilisken, die, wie Jim erklärt, auch auf dem Wasser laufen können, mächtige rotgefiederte Aras, die ihre Revierkämpfe ausfechten, ein scheuer Nasenbär, zwei Ameisenbären, viele endemische Pflanzen. Der Nationalpark ist wegen seines Artenreichtums und der Vielfalt an Ökosystemen berühmt.

Und dann die Begegnung mit Kapuzineraffen-Familien, die zunächst hoch über uns im Geäst turnen, zwei Mütter mit niedlichen Babies auf dem Rücken. Argwöhnisch blicken einige auf uns hinab, kommen den mit Blitzlicht (das nötig ist, weil nur etwa drei bis fünf Prozent des Sonnenlichts den Wald durchdringt) fotografierenden Störenfrieden angriffslustig bis auf wenige Meter nahe. Man muss diesen Tieren kein menschliches Gehabe andichten. Ihre Intelligenz arbeitet berechnend, ihre Mimik sprüht spürbar Aggressivität. Sie überlegen, wie sie uns los werden können und sind jedenfalls entschlossen, nicht vom Fleck zu weichen. Die biologische Nähe zum „Raubtier Mensch“ ist unübersehbar. Kapuzineraffen sind Allesfresser. Sie suchen in Blättern nach Insekten, können sogar Kokosnüsse öffnen, benutzen Werkzeuge und haben eine Vorliebe für Fleisch. Beispielsweise fallen ihnen, erklärt uns Jim, 50 Prozent aller Nasenbären-Jungen zum Opfer.

Ob Kapuzineraffen, Klammeraffen oder Brüllaffen, eines steht fest: Diese lebenslustigen, hochgradig bewussten Tiere in Freiheit zu beobachten schärft die Empfindung dafür, welche Barbarei es ist, sie – aus welchen Gründen auch immer – in Käfige und Zoos zu sperren.

Im Corcovado Nationalpark muss der Mensch seine Begehrlichkeiten jedenfalls der Natur unterordnen. Im Bereich des „Rio Madrigal“ beispielsweise gab es früher touristische Aktivitäten und sogar einen kleinen Flugplatz im Regenwald. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Auch war die Gegend überaus beliebt bei Goldsuchern. Reste einer Waschanlage sowie ein einfacher Goldsucher-Friedhof zeugen noch davon. Und immer noch suchen hier gelegentlich einige Abenteurer ihr Glück. Doch die Goldsuche in Costa Rica ist ein höchst illegales Unternehmen. Im Corcovado Nationalpark patrouilliert nicht zuletzt deshalb regelmäßig bewaffnetes Wachpersonal.

Begegnung mit einem jungen Krokodil

„Irgendwelche Schweine und Vögel“

Pura vida. Nach drei Wochen endet unsere Reise dort, wo sie begonnen hat: In Costa Ricas Hauptstadt San José im klimatisch entspannteren Hochland, dem Valle Central. Noch ein Besuch in dem fantastischen Goldmuseum der Stadt (sehenswert! sehenswert! sehenswert!), noch ein Versuch, den nahe gelegenen Vulkan Poás ohne Wolkenhaube zu erleben (ja, diesmal zeigt er sich gnädig!) – dann geht es ab in Richtung Heimat, ein dicht gepacktes Paket von Erinnerungen im Gedanken-Gepäck.

Zum Beispiel an die Szene nach einer Regenwald-Exkursion. Da gab ein deutscher Tourist seinem begeisterten Kind auf die neugierige Frage: „Papa, was haben wir denn alles gesehen?“ in etwa diese Antwort: „Na ja, Wildschweine, aber keine richtigen, und irgendwelche Affen und Vögel.“

Mir wird mein Glück bewusst. Mit fotografierwütigen Biologen unterwegs zu sein bietet jede Gelegenheit, die Oberflächlichkeit in der Naturwahrnehmung zu durchbrechen. Genauer hinzusehen. Und etwas fürs Leben zu gewinnen.

Bildergalerie (Fotos © Richard Kunz)