24. Januar 2020

Wo das Staunen beginnt …

Ägypten (2016)

Das Ziel sollte bekannt sein. Mehr ist inmitten des Verkehrsgewühls von Kairo nicht nötig. Ampeln und Regeln, Radar und Ordnung, solchen Luxus kennt der Straßenverkehr in der größten Stadt der arabischen Welt nicht. Gesetzesparagraphen werden hier bestenfalls als Vorschläge verstanden. Und niemandem kommt es in den Sinn, auf persönliche Freiräume zu pochen. Die eigene Fahrspur, der geregelte Sicherheitsabstand, das Recht auf Vorfahrt … Said, unserem Buschauffeur, sind diese seltsamen europäischen Ansprüche zwar vertraut. Aber in Kairo, wo die endlose Rush-hour nur durch den Freitag unterbrochen wird, den traditionellen Tag der Sammlung und Versammlung, müssen Ägyptenreisende umdenken. Saids Intuition vertrauen. Schicksalsergebenheit üben.

Inschallah, so Gott will, werden wir wohlbehalten ankommen.

Unser Ziel liegt knapp 50 Kilometer nordöstlich der Millionenmetropole: die SEKEM-Farm, ein kleines, inzwischen weltbekanntes Wunder biologisch-dynamischer Landwirtschaft, das 1977 mitten in der Wüste entstand und beweist, dass nachhaltiger Humusaufbau in großem Stil auch unter extremsten Bedingungen möglich ist. Von dieser Grün-Oase aus werden wir Ägypten erkunden, diesen so vielschichtigen afrikanischen Staat, der seinen Weg zwischen alter Hochkultur und modernem Fatalismus, zwischen kulturellem Reichtum und geistiger Armut immer noch sucht.

Der Stadtverkehr in Kairo widerspiegelt das ägyptische Gemüt. Es erkämpft sich nichts, ist nicht stur und starr und egoistisch. Es träumt sich in die Welt hinein und überlässt die Fäden dem, der alles führt. Gibt es eine Zukunft für dieses Gemüt? Ist es verborgenen Qualitäten verbunden, die es hinan zu alter Höhe treiben werden, sobald ein Weckruf tönt? Oder führt sein Weg halt- und hoffnungslos in Richtung Untergang?

50 Prozent der knapp 90 Millionen Ägypter sind Analphabeten, das Bildungssystem funktioniert nicht. Desinteresse, Unfähigkeit, Korruption. Etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Landes lebt im Großraum von Kairo, dieser lauten, vibrierenden, unersättlichen Stadt, die sich immer weiter hinaus in die Wüste frisst. Mit Bauschutt- und Müllbergen, die den Sanddünen der Wüste nachempfunden scheinen. Mit uferlosen neuen Siedlungen, Zehntausenden Wohnungen. Viele der mehrstöckigen Häuser sind bedenkenlos auf Schutthalden errichtet. Endlose Anlagen stehen leer. Werden hier jemals Menschen wohnen? Oder ist, der akuten Wohnungsnot zum Trotz, eine Immobilienblase geplatzt – Wohnungen als Wertanlagen, die Kairos Mittelstand schließlich doch nicht brauchen konnte?

Kairo

Wie viele Menschen hoffen auf ein besseres Leben in dieser Stadt? Niemand weiß es genau. In Ägypten gibt es keine Meldepflicht. Sicher ist nur: Die Straßen Kairos werden breiter, die Brücken zahlreicher, die Luft zum Atmen und der Raum zum Leben kostbarer. Die Elendsviertel wachsen. Die Menschen hausen überall, sogar in alten Grabanlagen. Die Todesnähe gehört zum Leben.

Aber da ist auch die Altstadt Kairos, dieses beeindruckende Zeugnis islamischer Baukunst, das seit 1979 als UNESCO-Weltkulturerbe geführt wird. Da ist der berühmte, schon im 14. Jahrhundert gegründete Chan el-Chalili-Basar. 2005 und 2009 wurden hier Anschläge verübt, Menschen starben. Die Terrorangst geht immer noch um, und sie trifft vor allem die Händler. Die wenigen Touristen, die sich heute durch das unüberschaubare Gewirr bunter Gassen und Gänge wagen, haben kaum eine Chance, ihnen zu entkommen. Überraschen, überzeugen, überreden. Verkaufen, um zu überleben.

Und da ist das 1902 errichtete, legendäre Ägyptische Museum, immer noch am Al-Tahrir-Platz. 120.000 Exponate aus allen relevanten Geschichtsepochen lagern hier. Längst ist es zu klein geworden, längst gibt es den Plan, in der Nähe der Pyramiden ein großzügiges neues Gebäude zu errichten. Aber Finanzierungsschwierigkeiten haben schon oft Baustopps erzwungen. Überhaupt steht die Frage im Raum, wie es gelingen könnte, den Tourismus im Land wieder auf Touren zu bringen.

Die Angst vor neuen Terroranschlägen ist übermächtig. Alle Touristengruppen erhalten Polizei- oder Militärschutz. Unsicher sollten wir uns also nicht fühlen. Aber wenn der stumme Begleiter mit  der automatischen Waffe plötzlich seine Hand für ein paar Euro aufhält, wirkt das doch irgendwie bedrohlich. Auch wenn der Freund und Helfer nichts weiter will als selbst ein wenig besser leben. Vielleicht auch einfach überleben.

„Zauberer“ Said (Mitte) chauffierte uns sicher durch das Verkehrsgewühl Kairos.

Pyramiden

Was in Reiseführern zu lesen steht, mag zwar geographisch korrekt sein: Dass die weltbekannten Pyramiden von Gizeh am westlichen Rand des Niltals zu finden sind, 15 Kilometer vom Stadtzentrum Kairos entfernt, in der ägyptischen Wüste, majestätisch aus goldenem Sand und nichts als goldenem Sand ragend.

In Wirklichkeit haben sich die Straßen und Betonsiedlungen der Millionenmetropole schon dicht an sie heran gearbeitet. Die eindrucksvollsten Bauwerke der Menschheit schmücken den ausdruckslosen Rand einer orientierungslos wuchernden Stadt.

Und doch: Sobald die zeitlosen Wunder aus Stein das Blickfeld füllen, bleibt nur noch sprachloses Staunen.

Wie gibt es so etwas? 

Da helfen keine Erklärungen. 10.000 oder vielleicht sogar 100.000 Menschen sollen um etwa 2.500 vor Christus jeweils 20 Jahre lang an einer Pyramide gebaut haben, zuerst für den Pharao Cheops, dann für Chephren, zuletzt für dessen Nachfolger Mykerinos. Wie das genau vonstatten gegangen sein soll, weiß niemand.

Man führe sich vor Augen: Ein einziger der perfekt geformten, also händisch bearbeiteten Steinblöcke reicht einem Durchschnittsmenschen bis zur Brust und wiegt etwa zweieinhalb Tonnen! Für die 146 Meter hohe Cheops-Pyramide wurden rund drei Millionen solcher Blöcke gebraucht – abgesehen von der Kalksteinfassade, die das Werk ursprünglich eingekleidet hatte, und abgesehen auch von den riesigen Rampen, die ja zum Transport der Blöcke ebenfalls gebaut werden mussten.

Bis heute wird darüber gerätselt, wie die Alten Ägypter die Steinblöcke transportiert und in Position gebracht haben. Wirklich ohne Rad-Fuhrwerke und Umlenk-Rollen?

Wurden die Pyramiden doch erst später, irgendwann in der Eisenzeit, gebaut? Oder, im Gegenteil, viel früher? Sind sie Zeugnisse einer alten Hochkultur, von der wir heute nichts mehr wissen? Haben Außerirdische ihre wohlproportionierten Visitenkarten auf die Erdoberfläche gesetzt? Oder hat doch der gute alte Obelix spielerisch beim Bau geholfen?

Jedenfalls haben die wahrscheinlichsten wie auch die kreativsten Erklärungsansätze, zu denen unzählige Bücher immer neues „Geheimwissen“ vermitteln, einen gemeinsamen Ursprung: Das sprachlose Staunen über ein unfassbares Wunder, das die Antike gegenwärtig macht.

Wie gibt es so etwas?

Im Dunklen liegt nicht nur, wie die Pyramiden von Gizeh gebaut wurden. Auch über deren Zweck darf gerätselt werden. Sollten wirklich nur „Grabmale für die Ewigkeit“ errichtet werden? Was bedeuten die Gänge im Inneren? Zeugen die Bauwerke von einem alten Wissen, zu dem wir keinen Bezug mehr haben?

Fest steht, dass in den epochalen Bauten von Gizeh – im Gegensatz beispielsweise zu den Gräbern im Tal der Könige – keinerlei Mumien, Grabbeigaben oder Zeichnungen gefunden wurden. Wer sich solche Kunst zu Gemüte führen will, dem sei ein Besuch der Pyramiden von Sakkara empfohlen, einer bedeutenden altägyptischen Nekropole (Totenstadt), die etwa 20 Kilometer südlich von Kairo liegt. Die berühmte Stufenpyramide des Pharaos Djoser aus der 3. Dynastie (um 2.650 vor Chr.) gilt als die erste Grab-Pyramide überhaupt.

Die Große Sphinx nahe den Pyramiden von Gizeh

Heliopolis

Was wird aus dem heutigen Ägypten die Epochen überdauern? Welche Spuren wird das moderne Kairo hinterlassen, wo entlang des Nils jedes Fleckchen Erde wild verbaut und systematisch alles zugemüllt wird, wo jeder Gedanke an Nachhaltigkeit ausgerottet scheint?

Es gibt Heliopolis. Dieser Name – „Sonnenstadt“ – bezeichnet nicht nur eine altägyptische Ausgrabungsstätte und einen gehobenen Stadtteil von Kairo. Er steht seit Kurzem auch für eine Universität, die als Teil der SEKEM-Initiative im September 2012 ihren Lehrbetrieb aufnehmen konnte und heute bereits als herausragende Bildungseinrichtung Kairos gilt. In allen drei Fakultäten (Ökonomie, Pharmazie und Technologie; weitere sollen folgen) steht der Gedanke der Nachhaltigkeit im Mittelpunkt.

Der großen, weltweiten Probleme, die Ägypten als Land und Kairo als Stadt widerspiegelt, ist man sich hier bewusst: Klimawandel, Rohstoffknappheit, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsexplosion, extreme Armut, akuter Mangel an Bildung. Man arbeitet an brauchbaren Lösungen. Schritt für Schritt, lebensnah, natur- und menschennah.

Was der SEKEM-Initiative zuzutrauen ist, zeigt das Beispiel Baumwolle: In den ägyptischen Plantagen wurden bis vor nicht allzu langer Zeit jährlich insgesamt 35.000 Tonnen Pestizide eingesetzt – bis die SEKEM-Farm, ursprünglich kritisch von der Regierung beäugt, vorexerzierte, dass die Ernteerträge durch biologische Landwirtschaft um 30 Prozent auf durchschnittlich 1.220 Kilo Baumwolle pro Hektar gesteigert werden können. Infolge dessen dachte man landesweit um – und der Spritzmitteleinsatz wurde um über 90 Prozent auf 3.000 Tonnen pro Jahr reduziert.

Ein Beispiel für viele kleinere und größere Wunder in der sozialen und materiellen Entwicklung, die durch diese Initiative angestoßen wurden.

Einer altägyptischen Hieroglyphe folgend, bedeutet SEKEM „sonnenhafte Lebenskraft“: Heute steht der Name einerseits für eine gemeinnützige Stiftung zur Entwicklung des Landes, und andererseits für eine Anzahl erfolgreicher Unternehmen, die landwirtschaftliche Produkte erzeugen und verarbeiten.

Die SEKEM-Hauptfarm beschäftigt rund 2.000 Menschen und wird von 250 Kleinbauern beliefert, die überwiegend biologisch-dynamisch wirtschaften. Erzeugt werden Früchte, Gewürze und Kräuter, Tees und pflanzliche Heilmittel, Baumwollbekleidung, Spielzeug und manches mehr. Es gibt einen Kindergarten, eine Schule, ein medizinisches Zentrum, Arbeits- und Erziehungsprogramme – und seit kurzem eben auch die Universität Heliopolis im SEKEM-Zentrum Kairo.

Zu verdanken ist die Initiative einem Mann namens Ibrahim Abouleish (1937–2017), einem Berufenen. Er studierte ab 1956 Technische Chemie in Graz (Österreich), kehrte 1977 nach Ägypten zurück – und wurde angesichts der großen Probleme in seiner Heimat von dem Gedanken beseelt, aktiv etwas zu verändern. Also kaufte er 70 Hektar Wüste und begann das zu verwirklichen, was er in einem Buch als „die SEKEM Vision“ beschrieb. Wie einfach das war, kann sich nur ausmalen, wer Land und Leute kennt.

2003 wurde Abouleish für sein Werk mit dem „Right Livelihood Award“, dem Alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet, 2005 mit dem Ehrendoktorat der Medizinischen Universität Graz, im Jahr 2010 folgte ein zweiter Ehrendoktor-Titel der Grazer Technischen Universität.

Wir erleben den 79-jährigen im Kreis von SEKEM-Freunden aus Österreich und den Niederlanden. Wir alle sind Zeugen der immensen Probleme geworden, die auf Ägypten lasten. Wir haben in die Augen lethargischer Kinder geblickt. Menschen erlebt, die früher vom Tourismus leben konnten und jetzt die Hoffnung verlieren. Die grauen, grauenvollen Wohn-Verliese Kairos, auf Müll und Schutt gebaut, sind am Fenster unseres Busses vorbeigezogen …

„Was meinen Sie?“, fragt die Holländerin aus unserem Kreis mit ernster Besorgnis, „wird die Liebe überleben?“

Ibrahim Abouleish überlegt eine Weile, dann gleitet das Lächeln der Erfahrung über sein Gesicht: „Es wird nur die Liebe überleben!“

SEKEM-Farm Minya

Arbeitseinsatz für SEKEM

Ich hatte leichten Wüstensand erwartet, doch die Erde ist hart und die Hacke hat ihre besten Jahre hinter sich. Aber davon lässt sich ein motivierter österreichischer Freizeitbauer natürlich nicht entmutigen.

In seinem schriftlichen Programm hatte Hermann Becke, Leiter von „SEKEM Österreich“ und Organisator unserer Ägypten-Reise, für heute einen „Arbeitseinsatz“ angekündigt, das Wort unter Gänsefüßchen gesetzt. Die daraus folgernde Frage, ob wir hier in Minya, mitten in der ägyptischen Wüste und mitten in einer Kulturreise, nur so tun als ob oder aber wirklich arbeiten würden, ist inzwischen beantwortet. Die Schirmmütze verhindert, dass mir der Schweiß in die Augen rinnt und ein improvisiertes Tape, dass an den Händen Schwielen entstehen. Außerdem wäre es schön, würde Said, unser Fahrer, endlich die sehnlichst erwarteten Wasserflaschen bringen. Er wollte mit seinem Bus nach einer Stunde wieder zurück auf der Farm sein, wo er uns am Morgen abgesetzt hatte. Jetzt ist er schon gemessene zwei und gefühlte vier Stunden lang unterwegs, und die kleinen Vorräte aus dem Rucksack sind aufgebraucht.

Aber – alles nicht schlimm. Die Aufmerksamkeit ist sowieso nicht primär auf die körperliche Befindlichkeit gerichtet. Wichtig sind die Casuarinen, die wir hier arbeitseifrig im Team pflanzen: Schnell wachsende Bäume, die extremen Bedingungen standhalten können, ein idealer Windschutz am Rand der Ackerzeilen, die auf dieser neuen großen SEKEM-Farm in biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise entstanden sind oder noch entstehen werden. Angela Hofmann, langjährige leitende Mitarbeiterin des SEKEM-Gründers Ibrahim Abouleish, koordiniert unsere Arbeiten, organisiert die Bewässerung, packt tatkräftig mit an, und ist am Ende des Halbtags zufrieden mit dem österreichischen Team. Wieder ist ein kleiner Schritt getan.

Auch in den Köpfen der Militärs, die zu unserem Schutz abgestellt sind. Die mit automatischen Waffen bestückten Männer hatten anfangs einigermaßen erstaunt beobachtet, was die verrückten Europäer hier so treiben. Bäume pflanzen in den Wüstensand … Unkraut jäten … Plastikabfälle sammeln … ??? Aber als wir uns zu Mittag verabschieden und in den Bus steigen – Said hat inzwischen für reichlich Wasser gesorgt –, bestehen die Soldaten darauf, es uns gleichzutun und ein paar weitere Casuarinen zu pflanzen. Einer nach dem anderen legt sein Gewehr aus der Hand, greift zur Hacke und drückt dann behutsam sein Bäumchen in den Wüstenboden. Ein Bild, das optimistisch stimmt.

Auf der SEKEM-Farm in Minya soll – nach dem Vorbild des etwa sechs Fahrstunden entfernten Mutter-Betriebs nahe Kairo – ein weiteres Stück Wüste in fruchtbares Land verwandelt werden. LKW-Kolonnen mit Kompost waren dafür bereits unterwegs, Tiefbrunnen wurden errichtet, ein Wasserleitungs-System gebaut. Wer die Mühe auf sich nimmt, 100 oder 150 Höhenmeter zu überwinden, um das Tal zu überblicken, dem bietet sich hier schon jetzt ein einzigartiges, unvergessliches Bild: Ein sattgrüner Lebensteppich liegt über der unfruchtbaren Öde, ein leuchtender Streifen der Hoffnung, des Blühens und Gedeihens in der mattbraunen Monotonie.

New Hermopolis

Hermopolis

Etwa eine Fahrstunde von Minya entfernt liegt unser Quartier „New Hermopolis“, dessen eigenwillige, an oberägyptische Traditionen angelehnte Stein-Architektur eine klare Botschaft verkündet: Hier will jemand nicht einfach nur Gäste beherbergen, sondern zugleich das kulturelle Bewusstsein schärfen, an alte Weisheitslehren erinnern, Ägypten in einer tiefgründigeren Weise erfahrbar machen.

Mervat Abdel Nasser begrüßt uns redselig und mit überschwänglicher Lebensfreunde. Sie ist Gastgeberin, Architektin und Kulturchefin in Personalunion – und in den nächsten Tagen zwangsläufig auch Köchin. Denn am Abend vor unserer Ankunft hat ihr junger Koch sie im Stich gelassen. Er war einfach nicht mehr aufgetaucht und auch nicht mehr erreichbar gewesen. Vielleicht ein besseres Jobangebot, vielleicht eine Frauengeschichte. Jedenfalls wird der Bursche hier nicht mehr arbeiten können, auch wenn er doch wieder zurückkommen sollte. Aber, meint Mervat, dieser alltägliche Kampf mit der Unzuverlässigkeit soll unser Schaden nicht sein. Sie sei selbst eine hervorragende Köchin und werde uns in bester ägyptischer Tradition kulinarisch verwöhnen.

Sie verspricht nicht zu viel. Was immer sie während der folgenden Tage auftischt, ist großartig. Dabei kommt Mervat beruflich aus einer ganz anderen Ecke. Sie ist klinische Psychiaterin. Dr. Abdel Nasser war viele Jahre lang in London tätig, arbeitete als Co-Autorin an einigen Fachpublikationen mit, beschäftigte sich besonders mit Pädagogik und Erziehungs-Theorie, schrieb zahlreiche Kinderbücher. Vor allem aber war und ist sie von dem Wunsch beseelt, etwas vom Wesen und der Weisheit des Alten Ägypten zu vermitteln. Sie studierte Ägyptologie, und eines schönen Tages im Jahr 2004 machte sie sich mit ihrem gesamten Ersparten auf die Suche nach einem Stück Land, wo sie ihren Traum von einem besonderen kulturellen Zentrum verwirklichen konnte.

Es entstand „New Hermopolis“ – und dieser Name erinnert bewusst an einen besonders geschichtsträchtigen Ort in unmittelbarer Nähe.

Hermopolis liegt am Westufer des Nils, unweit von El-Aschmunein. Der Name erinnert an Hermes, den vermittelnden „Götterboten“ im griechischen Glauben. Die Griechen betrachteten Hermes als eins mit dem altägyptischen Gott Thot, der als Gott der Schreiber, der Weisheit, der Wissenschaft und des Mondes gleichermaßen als „großer Vermittler“ angesehen wurde.

Die Verehrung dieses Gottes gilt als einer der ältesten ägyptischen Kulte. Als „Protokollant des Totengerichts“ spielte Thot auch in den früheren Jenseitsvorstellungen eine zentrale Rolle: Er notiert, welchen weiteren Weg ein Verstorbener zu gehen hat. Dargestellt wurde er oft in Gestalt eines Menschen, jedoch mit dem Kopf eines Ibis, oder als Mantelpavian.

Die „Ibis-Katakomben“, die beeindruckenden unterirdischen Galerien eines Tierfriedhofs, zeugen von diesem Glauben. In einem ausladenden System von Gängen und Kammern stapelte man Tongefäße mit Ibis-Mumien. Auch Mantelpaviane wurden hier beigesetzt.

Als nicht minder sehenswert erweist sich der prächtige Grabtempel von Petosiris. Er war im 4. Jahrhundert vor Christus Hohepriester des Thot in Hermopolis und königlicher Schreiber. Die Vorhalle seines Baus beeindruckt mit Reliefs, die in einem griechisch-ägyptischen Mischstil Szenen aus dem Handwerksalltag und aus der Landwirtschaft zeigen. Petosiris Sarg ist im Ägyptischen Museum in Kairo zu sehen.

Ein paar Schritte mehr führen uns vom Tempel des Hohepriesters zum Grab der Isadora, eines griechischen Mädchens, das einst aus Liebe mit ihrem Freund weggelaufen und dann im Nil ertrunken sein soll. Um den mumifizierten Körper der unglücklichen Isadora entwickelte sich einige Zeit nach ihrem Tod ein Kult; auch literarisch wurde die Geschichte verarbeitet.

Von allen Sehenswürdigkeiten der Region vielleicht am beeindruckendsten ist die um 1880 v. Chr. entstandene Pavianfigur des Thot, viereinhalb Meter hoch, 35 Tonnen schwer. Sie ist ebenfalls in Hermopolis zu bewundern. Die frühere Hauptstadt des 15. oberägyptischen „Hasengaus“ gehörte zu den bedeutendsten Siedlungen. Ihr altägyptischer Name lautete „Khmun“, die „Stadt der Acht“ – jener acht Gottheiten, die schon vor der Schöpfung existierten. Nach altem Glauben stand hier die „Wiege der Welt“.

Mervat glaubt an die Zukunft von Hermopolis. An die Möglichkeit, über die Kraft tieferer Weisheit Kulturen zu vereinen. Die Idee einer kosmopolitischen Stadt, des friedlichen Zusammenlebens der Rassen, sei einstmals in Hermopolis verwirklicht gewesen, eine Frühform der Globalisierung sozusagen. Und die hermetische Philosophie, in der sich Elemente aus altägyptischen, griechischen, jüdischen, persischen und anderen Ursprüngen vereinen, könne als Basis für die moderne Ökologie betrachtet werden. Denn damals wie heute gehe es um ein harmonisches Miteinander im Einklang mit der Natur. Deshalb „New Hermopolis“.

Felsengräber

Amarna

Hermopolis liegt etwa 300 Kilometer von Kairo entfernt am Westufer des Nils. Etwa auf gleicher Höhe, aber am Ostufer, besuchen wir nun eine weitere geschichtsträchtige Stätte: Amarna.

Sie erinnert an den großen Religionsreformer – oder, je nach Blickwinkel, Ketzer – Echnaton. Im 14. Jahrhundert vor Christus wollte dieser Pharao den alten Vielgottglauben, der Ägypten über Generationen und Dynastien geprägt hatte, überwinden und den Glauben an einen einzigen Gott etablieren. Ein für die damalige Zeit äußerst kühnes und folgenschweres Unternehmen.

Ursprünglich hatte Echnaton als Amenophis IV. in Theben residiert. Dann aber ließ er eine neue Hauptstadt errichten, die vom Geruch der alten Vielgötterei befreit und ganz im Zeichen des zukunftsweisenden monotheistischen Glaubens stehen sollte: Amarna, ursprünglich Achet-Aton genannt, „Horizont des Aton“. Aton, symbolisiert durch die Sonnenscheibe, verkündete der Pharao als die einzige Gottesmacht – und er selbst trug fortan den Namen Echnaton (Ach-en-Aton), „der Aton dient“.

Vom Tempel des Aton, der ursprünglich ein besonders beeindruckendes Bauwerk gewesen sein musste, ist heute allerdings nur noch ernüchternd wenig zu entdecken: Ein paar Mauerreste aus Nilschlammziegeln, einige Säulenfundamente, aus.

Echnaton selbst dürfte im Jahr 1336 das Opfer eines Anschlags geworden sein. Seine große religiöse Reform, die als wegbereitend für die monotheistischen Weltreligionen betrachtet werden kann, verlief buchstäblich im Sand: Die Bauten des „Ketzerkönigs“ wurden bald nach dessen Tod abgetragen, die Stadt verlassen.

Seit dem 20. Jahrhundert zählt Amarna zu den wichtigsten archäologischen Fundstätten Ägyptens. Neben zahlreichen anderen Objekten wurde hier in der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis, der im Umfeld Echnatons tätig gewesen war, die berühmte Büste der Nofretete gefunden, die aus Kalkstein und Gips gefertigt worden war.

Zeit nehmen sollten sich Hobby-Ägyptologen übrigens auch für die Felsengräber in den Bergen um Amarna. Eine beeindruckende Nekropole, wo zahlreiche noble Privatgräber zu besichtigen sind.

Klar, dass Hermopolis und Armana zu den bedeutendsten ägyptischen Attraktionen zählen. „Jeden Tag kamen tausend Touristen zu uns“, erzählt Nasser Omar, der hier ein kleines Café betreibt, gemeinsam mit seiner Schwester Hajad, die Souvenirs verkauft: Tücher, Schmuck, Schnitzwerk, Ansichtskarten …

Aber auch hier ist das früher einträgliche Tourismus-Geschäft zum Kampf ums Überleben geworden. „Es kommt niemand mehr“, klagt Omar, „nur noch Polizisten gibt es viele“.

Ob es gefährlich ist in Ägypten? Ich kann das nicht objektiv beurteilen. Aus eigener Erfahrung würde ich mit Nein antworten. Wir sind Hunderte Kilometer durchs Land gereist und haben nie bedrohliche Situationen erlebt. Die Menschen sind freundlich, die Sicherheitskräfte überbesorgt. Doch in den kulturellen Zentren ist es auffallend ruhig.

Wie wird sich das Land weiter entwickeln? Ein Österreicher, den wir beim Check-in zur Rückreise am Flughafen Kairo treffen, ist pessimistisch. Er habe seine Kindheit in Kairo verbracht, er kenne das Land, die Lage sei definitiv hoffnungslos geworden. Wenig Bildung, keine Initiativen, überall Korruption. Ich erzähle ihm von der SEKEM-Initiative, von den Farmen, der Schule, der Universität. Er weiß nichts darüber … und will offenbar auch nichts davon wissen.

Mag sein, dass dort, wo die Enttäuschung übermächtig geworden ist, wo Wüste nur noch als Bürde und Leere erfahren wird, selbst angesichts antiker Wunder jedes Staunen endet.

Aber Wüste kann auch ein Ort der Klarheit sein, des Neubeginns. Sie kann als Einladung zur kunstvollen Verwandlung erlebt werden, als Lebens- und Gestaltungsimpuls.

Dafür steht SEKEM.

Information: SEKEM Österreich

 

Bildergalerie (Fotos © Werner Huemer)