18. Juni 2024

Aus der „Vogelperspektive“

Nahtoderfahrungen bieten einen neuen Zugang zur alten Frage, wie Kriege und Katastrophen zum Glauben an einen liebenden, allmächtigen Schöpfer passen. 

Eine der wichtigsten Fragen gläubiger Menschen lautet: Weshalb gibt es das Böse und das Leid? Wenn ein liebender Gott existiert, warum lässt er Kriege und Krankheiten zu? Weshalb gibt es den Kampf in der Natur? Weshalb sterben Kinder oder kommen schwer behinderte Babys zur Welt? Wieso lässt ein gerechter Schöpfer zu, dass Menschen einander Böses tun? Über dieses sogenannte Theodizee-Problem wurde und wird viel diskutiert und spekuliert, ohne dass befriedigende Antworten gefunden wurden. Vielleicht aber bieten die in jüngster Zeit näher erforschten Nahtoderfahrungen einen neuen Zugang zu dieser alten Frage.

Mit dem Begriff „Theodizee“ – er kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet sinngemäß „Gerechtigkeit Gottes“ oder „Rechtfertigung Gottes“ – sind einige sehr grundsätzliche Überlegungen zur Existenz Gottes verbunden. 

Im Wesentlichen laufen sie auf diese Schlussfolgerung hinaus:

Entweder das Böse und das Leid sind Indizien dafür, dass es einen liebevollen, allmächtigen Gott gar nicht gibt.

Oder es gibt diese höchste Macht, die Gott genannt wird, aber sie ist entweder nicht liebevoll, nicht allmächtig oder unsere Vorstellungen von ihren Eigenschaften sind unzutreffend.

Erklärungen zum Theodizee-Problem

Die Theologie bietet keine klare, eindeutige Antwort zum Theodizee-Problem. In den monotheistischen Glaubenstraditionen wird an der Annahme eines allmächtigen, liebevollen und gerechten Schöpfergottes, der Wünsche erfüllen und beliebig ins Weltgeschehen eingreifen kann, normalerweise nicht gerüttelt. Der Gottheit wird unterstellt, sie könne, wenn sie nur wolle, jedes denkbare Wunder wirken und Angelegenheiten zu Gunsten der treuen, ergebenen Glaubensgemeinschaft steuern. Eben um eine solche Einflussnahme zu erreichen, betet der gläubige Mensch zu Gott. 

Warum also lässt er Krankheit, Elend, Kampf und Krieg zu? 

Bei dieser nahe liegenden Frage tritt oft Pragmatismus an die Stelle von weltanschaulicher Klarheit: Man könne die Wege und die Weisheit Gottes nicht überblicken. Man könne nicht erklären, weshalb der Schöpfer das Leid zulasse, wohl aber könne man es bekämpfen und lindern – und eben das sei die Aufgabe eines gläubigen Menschen.

Neben solchen Aussagen, die sicher ihr Gutes haben, aber das Theodizee-Problem letztlich nur umschiffen, gibt es auch weiter gefasste religiöse Lehren. Sie unterstellen beispielsweise, dass Gott die Welt ursprünglich ausschließlich gut und heil erschaffen habe und dass alles Böse erst durch den Menschen in die Welt gekommen sei, eventuell unterstützt und befeuert durch ein mächtiges Geistwesen, das zum egoistischen Ausleben aller Begierden auf Kosten Schwächerer verführt – Luzifer.

Um Krankheit und Leid im Kindesalter zu erklären, wird gelegentlich auch auf die Reinkarnation verwiesen. Das Sein des Menschen umspannt demnach viele Erdenleben. Die Umstände, in die jemand hineingeboren oder mit denen er in seinem Leben schicksalhaft konfrontiert wird, seien karmische Rückwirkungen seines Verhaltens in einer früheren Existenz. Jeder Mensch erlebe die Ernte einer selbst verursachten Saat.

Das in der Natur verbreitete, vordergründig nicht sehr liebevoll anmutende Prinzip vom Fressen und Gefressenwerden wird in manchen spirituellen Konzepten mit Verweis auf die Bewusstseinsentwicklung erklärt. Jeder Kampf fördere die Wachsamkeit und Gegenwärtigkeit – und damit ein erweitertes, höheres Bewusstsein. 

Eine solche übergeordnete spirituelle Zielsetzung ließe sich durchaus mit der Existenz einer liebenden Gottheit in Einklang bringen. Denn dass durch das Leben auf Erden – und sei es um den Preis von Schmerz und Leid – überhaupt eine Entwicklung hin zum „Wachwerden“ möglich ist, könne man als größtmöglichen Liebesbeweis Gottes deuten.

Dem höheren Ziel einer Bewusstseinsentwicklung diene auch die Möglichkeit, Böses zu tun. Denn höheres Bewusstsein könne sich nur entfalten, wenn ein Geschöpf willentlich freie Entscheidungen treffen kann; wenn es also auch Unrecht tun, schädlich und böse wirken kann.

Im Übrigen sei alles Hemmende, Zerstörerische, also das, was wir als „böse“ betrachten, nur eine in der Welt der Dualität nötige „Spielvariante“. Denn niemand könne das Wesen der Liebe erfassen, ohne deren Gegensatz, also Abgrenzung, Ausgrenzung oder Hass zu kennen.

Das Problem mit der Frage nach dem „Warum“

Diese Beispiele zeigen, dass es durchaus interessante Erklärungen zur Theodizee-Frage gibt.

Aber auch wenn diese Gedanken für sich betrachtet schlüssig erscheinen, überzeugen sie oft nur bedingt. Denn ein Skeptiker, der nach eindeutigen und unzweifelhaften Antworten auf die Frage sucht, weshalb Gott das alles zulässt, könnte ins Treffen führen, dass solchen spirituellen Konzepten ein „Schönheitsfehler“ anhaftet: Sie alle beziehen sich auf immaterielle Hintergründe, an die man letztlich auch nur glauben kann – oder eben nicht. 

Klar: Wenn Erklärungen auf frühere Inkarnationen oder höhere Bewusstseinsgrade verweisen, so sind diese „spirituellen Hintergründe“ ebenso unerforschlich wie die oft zitierten „Ratschlüsse Gottes“. Im einen Fall bekennen Gläubige sich zu einem Gott, „der das Warum kennt“, in seinem Wollen und Handeln aber für den Menschen undurchschaubar bleibt; im anderen Fall wird die Bereitschaft vorausgesetzt, an geheimnisvolle, unerforschliche Zusammenhänge zu glauben.

Wie schön wären dagegen doch Erklärungen, die keine Glaubensbereitschaft bedingen, sondern sinnlich wahrnehmbar und möglichst auch beweisbar sind! Wie überzeugend wären nachvollziehbare Antworten, wie wir sie aus dem Alltag kennen:

Warum starb das Baby? – Weil es eine bestimmte Erbkrankheit hatte! 

Wieso wird der Wurm gefressen? – Weil er in der Nahrungskette der Tiere die tiefere Position hat und die Vogelmama nicht will, dass ihre Jungen verhungern!

Weshalb weißt du davon? – Weil ich zufällig einen Bekannten getroffen habe!

Solche klaren, eindeutigen Aussagen sollte es doch auch zur Frage geben, weshalb der Schöpfer Kriege zulässt; warum er nicht ordnend eingreift, sobald irgendwo Ungerechtigkeiten geschehen; wieso er Menschen nicht unmittelbar nach deren Handlungen belohnt oder bestraft, um der Allgemeinheit seinen Willen zu verdeutlichen.

Warum gibt es solche Antworten nicht?

Bei näherer Betrachtung zeigt sich ein grundlegendes, oft vermutlich einfach unbedachtes Problem:

Wer nach dem „Warum“ fragt, sucht üblicherweise nach einer Ursache, also nach einem überschaubaren, „folge-richtigen“ Zusammenhang: Was war vorher, damit es jetzt so ist? Welche vergangene Ursachen führen zu gegenwärtigen und künftigen Ereignissen?

Warum-weshalb-wieso-Fragen zielen auf das Verständnis zeitlicher Abfolgen ab. Sie sind demnach immer ein Ausdruck der Wahrnehmung von Raum und Zeit. Im Umkehrschluss: Außerhalb von Raum und Zeit würde sich die Frage nach dem Warum gar nicht stellen.

Für das Theodizee-Problem bedeutet das: Nur unter der Annahme, dass auch Gott innerhalb von Raum und Zeit existiert und wirkt, weil es über diese „natürliche Welt“ hinaus nichts gibt, dürfte eine logisch klare Antwort auf die Frage, wieso er das alles zulässt, erwartet werden. 

Wenn jedoch die gesuchten übergeordneten Zusammenhänge „über Raum und Zeit geordnet“ sind, wenn sie also eine Wirklichkeit jenseits von Raum und Zeit berühren, dann muss die Frage nach dem Warum zwangsläufig ins Leere gehen. Denn sie hat in dieser „Dimension“ schlicht und einfach keinen Ankerpunkt, keine Bedeutung. 

Nahtoderfahrungen jenseits von Raum und Zeit

Damit lautet für alle weiteren Überlegungen zu diesem Thema die eigentliche Gretchenfrage: Gibt es etwas – Gott, Geist, Bewusstsein – jenseits von Raum und Zeit?

Von den Naturwissenschaften, die sich mit quantitativen Aspekten des Weltgeschehens befassen, darf im Grunde keine Antwort auf diese Frage erwartet werden. Denn sie berücksichtigen immaterielle, unkalkulierbare Gegebenheiten grundsätzlich nicht. Auch wenn es eine Wirklichkeit außerhalb von Raum und Zeit gäbe – in mathematische Gleichungen, die die Gesetze der objektiven Realität beschreiben sollen, hätte sie keinen Platz.

Anders sieht es im subjektiven, qualitativ orientierten Erleben des Menschen aus. In der seelisch-geistigen Innenwelt kann die Wirklichkeit von Raum und Zeit schon im ganz normalen Alltag sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. 20 Sekunden unter dem Bohrer des Zahnarztes werden bedeutend länger erscheinen als in einem anregenden Gespräch, bei dem die Zeit „im Flug“ vergeht. Eine Wegstrecke von 20 Kilometern kann im Stau auf der Autobahn als „endlos weit“ erscheinen, unter günstigen Bedingungen jedoch als nicht der Rede wert.

Diese Alltagserfahrungen verdeutlichen, wie relativ Raum und Zeit subjektiv wahrgenommen werden. Darüber hinaus gibt es aber auch Erlebnisse, die tatsächlich als jenseits von Raum und Zeit beschrieben werden. Und sie kommen, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat, durchaus häufig vor – und zwar im Rahmen sogenannter Nahtoderfahrungen (NTE).

Solche Erlebnisse werden seit etwa 50 Jahren in vielen Ländern erforscht. Dabei konnten zunächst mehrere Elemente oder Stationen definiert werden, die Nahtoderfahrene durchleben – und zwar unabhängig von religiöser Prägung, Bildungsgrad, Alter, Geschlecht oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit. 

Dazu gehört beispielsweise die „Tunnelerfahrung“, die zu einem allgemein gut bekannten Sinnbild für Nahtoderlebnisse wurde. Die Betroffenen fühlen sich durch einen Tunnel bewegt, bis sie sich in einer anderen, lichtdurchfluteten Wirklichkeit wiederfinden.

Die Thanatologie (Sterbeforschung) beschäftigte sich in der Folge aber auch mit den Nachwirkungen, die vielleicht noch interessanter und aussagekräftiger sind als die Erfahrung selbst. Denn es hatte sich gezeigt, dass sich Menschen durch Nahtoderlebnisse so unvergleichlich nachhaltig und grundlegend verändern, dass es vermessen erscheint, beispielsweise Träume, Medikamente, Sauerstoffmangel, körpereigene Drogen oder ähnliche physiologische oder psychologische Faktoren als mögliche Erklärungen heranzuziehen.

Sehr viele Nahtoderfahrene kommen „transformiert“ aus ihrem Erlebnis zurück. Sie folgen neuen Werten und Lebensidealen. Ihre Religiosität oder Spiritualität verändert sich und löst sich oft von traditionellen Glaubensdogmen. Persönliche Beziehungen gehen infolge einer offenbar unvermeidlichen inneren Entfremdung auffallend oft zu Bruch; die Scheidungsrate bei Nahtoderfahrenen liegt einer Studie zufolge bei 65 Prozent. Generell haben Menschen nach ihrer NTE sehr lang andauernde, manchmal überhaupt unlösbare Probleme damit, ihren Lebensalltag mit dem in Einklang zu bringen, was sie erfahren haben.

Diese vielschichtigen, die ganze Persönlichkeit umfassenden Nachwirkungen sind für manche Sterbeforscher der schlüssigste Beweis für die Echtheit und die weit reichende Bedeutung solcher Grenzerfahrungen. 

Aber warum kommen zwar sehr viele, aber doch nicht alle Nahtoderfahrenen so tiefgreifend und nachhaltig verändert zurück?

Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage hat Thanatologen schließlich zu einem besonderen Aspekt der NTE geführt: 

Die sogenannte Einheitserfahrung dürfte für die transformativen Nachwirkungen der Schlüssel sein. Und eben dieses Erleben lässt die Betroffenen tatsächlich ein Bewusstsein jenseits von Raum und Zeit erfahren – und zwar in einer hyperrealistischen Art und Weise. Das heißt, es wird ihnen unmittelbar klar, dass sie nun das wahre, ungetrübte Leben erfahren, während ihnen die körperliche Existenz in Raum und Zeit nur noch als träger Abklatsch dieser eigentlichen Wirklichkeit erscheint.

Dabei sind sich Nahtoderfahrene einig, dass es keine adäquaten Worte gibt, um dieses Erlebnis zu beschreiben. 

Es wird also auch der folgende Versuch, die wichtigsten Momente aus deren Berichten zusammenzufassen, zwangsläufig unzureichend sein. Abgesehen davon ergibt sich aus den Erlebnissen dieses Gesamtbild:

In der Einheitserfahrung wird aus dem gesellschaftlichen Leben vertraute „Ich“ bedeutungslos. Es erfährt eine grenzenlose Erweiterung, geht in einer Einheit aus Liebe, Licht und Bewusstsein auf wie ein Tropfen Wasser im Ozean. In der Einheit ist das gesamte Wissen gegenwärtig. Es gibt keine Fragen, kein Warum. Die allumfassende Gegenwart ist Heimat, Geborgenheit, Ewigkeit. Alles ist getragen von bedingungsloser Liebe, von der Gewissheit, dass alles, was ist, gut und sinnvoll ist …

Dieses Einheitserlebnis bleibt Nahtoderfahrenen auch nach ihrer Rückkehr in die Realität von Raum und Zeit als Empfindung gegenwärtig. Sie empfinden keine Angst vor dem Tod mehr und tragen ein tiefes Urvertrauen in sich. 

Aber was sie erlebt haben und immer noch empfinden, lässt sich weder durch Gedanken noch durch Worte erfassen und beschreiben. Denn alle verstandes- und vernunftorientierten Ausdrucksmöglichkeiten gehören zum Leben innerhalb von Raum und Zeit. 

Im Einheits-Bewusstsein wurde das irdische Dasein wie aus einer Vogelperspektive erlebt. Vergleichsweise so, als würde ein Mensch fasziniert einen Ameisenhaufen betrachten, eine völlig andere Daseinsform mit ihren eigenen Lebensregeln und Notwendigkeiten …

Leben in der Ameisenkolonie

Irgendwann im Frühjahr startet der „Hochzeitsflug“ der Ameisen. Die Weibchen werden von den Männchen begattet und damit zu „Königinnen“. Sie empfangen Millionen von Samenzellen, die sie in einer Tasche aufbewahren – ein Vorrat, der für ihr ganzes weiteres Leben reichen muss.

Die Ameisen-Männchen sterben nach der Begattung.

Die „Königin“ wirft ihre Flügel ab, schließt sich einer bestehenden „Ameisenkolonie“ an oder gründet ihren eigenen „Staat“. Sie ist weiterhin nur noch mit dem Ablegen von Eiern beschäftigt.

Unterstützt wird sie von „Arbeiterinnen“, die jedes Ei in eine optimal temperierte Nestkammer bringen, es belecken, damit es nicht austrocknet, und schließlich auch die geschlüpften Larven weiter versorgen. Die Arbeiterinnen selbst sind unfruchtbar und leben mehre Monate lang – viel kürzer also als eine Königin.

Ob aus der Larve eine Arbeiterin oder ein geschlechtlich aktives Weibchen wird, darüber entscheiden Faktoren wie die Nahrungsqualität, der Feuchtigkeitsgrad im Nest, die Größe der Eier oder das Alter der Königin. 

Die einzelnen Tiere müssen ihr Schicksal nehmen, wie es für sie kommt …

Dieser Exkurs in die Naturkunde zeigt gleichnishaft, wie ein „überblickendes Bewusstsein“ einen Lebensraum von außen betrachtet. Der Mensch kann die faszinierenden Vorgänge in der Ameisenkolonie mit Begriffen beschreiben, die auf einen Sinn verweisen, etwa „Hochzeitsflug“, „Königin“ oder „Arbeiterin“. Und vor allem lässt der „Blick von oben“ erkennen, dass das rastlose Umherwuseln der Tiere, selbst die vermeintlichen Ungerechtigkeiten in den Einzelschicksalen, in den Aufgaben oder im Lebensalter, im Gesamten betrachtet tatsächlich sinnvoll sind. Denn in geradezu genialer Weise wird dadurch das große Ganze, die Art, erhalten.

Aus einer vergleichbaren Vogelperspektive nehmen Nahtoderfahrene die Welt in Raum und Zeit wahr. Sie wissen in diesem erweiterten Bewusstsein, dass alles sinnvoll ist und von einer umfassenden Liebe getragen wird. Sie erfahren die Gegenwart des Lebens als allumfassend, grenzenlos, bedingungslos.

Doch dann kehren sie zurück ins „Ameisenbewusstsein“. 

Die Empfindung der Einheitserfahrung tragen sie als wertvollsten Schatz in sich, aber sie sind nun auch wieder dem körperverbundenen Denken, der Sprache, den Notwendigkeiten und Trieben der physischen Welt unterworfen, den Aufgaben und Routinen des Alltags, dem Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit, dem Ringen um größere Liebesfähigkeit, allen Widrigkeiten zum Trotz …

Nahtoderfahrenen ist bewusst wie nie zuvor, dass das irdische Leben in Raum und Zeit mit allem, was dazu gehört, eine sehr große Bedeutung hat. Dass die Möglichkeit, es zu gestalten, Entscheidungen zu treffen, zu den kostbarsten menschlichen Fähigkeiten gehört. Oder auch, dass jedes Lebewesen seine Aufgabe hat. 

Zugleich aber bleibt ihnen bewusst, dass die unendliche Wirklichkeit außerhalb der „Ameisenkolonie“, das eigentliche Leben, alles, wirklich alles – auch jedes Unrecht, jedes Schicksal und jedes Leid –  relativiert und sich jeglicher verstandesmäßigen oder religiösen Bewertung entzieht.

Weshalb Gott das alles zulässt

Da sie echte und im Wesentlichen übereinstimmende Erfahrungen dokumentiert, liefert die Sterbeforschung Beleg um Beleg dafür, dass bewusstes Erleben außerhalb von Raum und Zeit möglich ist. Denn zahllose Menschen blicken auf ein solches Einheitserlebnis zurück, das sie zwar nicht in Worte fassen können, das sie aber für immer verändert hat. Und auf Grund dieser Nachwirkungen ist es für unvoreingenommene Forscher schwer vorstellbar, dass es sich nur um „Spinnereien“ des Gehirns handeln könnte.

Nahtoderlebnisse sind überkonfessionelle Phänomene. Sie haben mit dem Glauben und mit Religiosität im Grunde wenig zu tun. Eine Einheitserfahrung kann Atheisten ebenso überwältigen und transformieren wie streng dogmatisch ausgerichtete Kirchendiener.

Dennoch verwenden viele Betroffene für ihr Erleben religiöse Begriffe, weil sie das Größte, Tiefste, Umfassendste und Ursprünglichste auszudrücken versuchen, das für menschliches Bewusstsein vorstellbar ist. Sie sprechen von der Erfahrung eines „göttlichen Lichtes“, von „göttlicher Liebe“ oder der „Einheit mit Gott“.

Die Frage, ob diese Begriffe zutreffen, muss hier nicht vertieft werden. Es wäre gut möglich, dass die schöpferische Urkraft, der schaffende Ursprung jeglichen Seins, noch einmal etwas ganz anderes, dem menschlichen Bewusstsein überhaupt nicht Zugängliches ist. 

Wesentlich bleibt, dass sich mit der Einheitserfahrung andere Blickwinkel öffnen. 

Die Frage, weshalb Gott all das Leid zulässt, findet damit keine Antwort, aber für Nahtoderfahrene stellt sie sich nicht mehr. Das Theodizee-Problem verlöscht – wie alle Fragen – im wissenden Erleben von Glückseligkeit.

Und als frohe Botschaft für alle bleiben aus diesen besonderen Erfahrungen vielfältige Zeugnisse von einer Liebe und Weisheit, die über allem und durch alles wirkt.

Allerdings sollte der in das raumzeitliche Erleben eingebundene „Ameisenmensch“ seinen Anspruch aufgeben, diese übergeordnete Wirklichkeit mit der Logik seines Verstandes begreifen und erklären zu können.

Angesichts der vielen Kriege und Krisen und des großen Leids, das Menschen auf diesem Planeten einander zufügen, erscheint die Frage, warum Gott das alles zulässt, natürlich brennender denn je. Aber sie setzt im Grunde immer eine menschenähnliche Gottheit voraus, die auf Raum und Zeit beschränkt ist.

Die Einheitserfahrungen weisen darauf hin, dass diese Beschränkungen wegfallen können, dass es ungleich erweiterte Erlebnisqualitäten gibt. 

Die religiöse Frage nach dem Wesen Gottes lässt sich mit Blick auf diese Erfahrungen allerdings nicht beantworten. Gut möglich, dass es dem Menschen letztlich ebenso fremd bleiben muss, wie seine eigenen Gedanken der geschäftigen Ameise, die von ihm beobachtet wird.

Dennoch dürfte es keiner tief empfundenen religiösen Gesinnung schaden, Vorstellungen oder Überlieferungen, die Gott und seinen Willen allzu naiv beschreiben, kritisch zu hinterfragen – auch im Sinne der heute stark naturwissenschaftlich geprägten Weltanschauung. Denn wenn es einen Schöpfer gibt, dann existiert er sicher nicht nur in jenen Nischen, die von der Forschung noch nicht durchleuchtet worden sind.

Vielleicht ist der religiöse Begriff des Gotteswillens, der das alles zulässt, de facto gar nicht so weit von dem entfernt, was die Wissenschaft als Naturgesetz bezeichnet. Vielleicht zeigt sich gerade in diesen ausnahmslos gültigen, alles Weltgeschehen bestimmenden Regeln ein höherer Wille.

Jedenfalls aber beweist der Blick auf die vielen Wirren und Kriege dieser Tage unzweifelhaft, dass keine überirdische Macht auf magische Weise ins Weltgeschehen eingreift und dass der Mensch – ohne Wenn und Aber – die Selbstverantwortung trägt.

Das kann aus meiner Sicht – trotz allem – als Geschenk betrachtet werden.