25. September 2022

Die Frau, der von vornherein bessere Elternteil

Robert Bentons Filmdrama „Kramer gegen Kramer“

• Ted Kramer (Dustin Hoffman) ist als Kreativer in der Werbebranche erfolgreich, und seiner Karriere in einer New Yorker Agentur schenkt er seine ganze Aufmerksamkeit. Dass sich seine Frau Joanna (Meryl Streep) zu Hause um den fünfjährigen Sohn Billy (Justin Henry) kümmert, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. 

Ted meint, den beiden seine Liebe zu zeigen, indem er von seinen beruflichen Erfolgen schwärmt. Joannas eigene Bedürfnisse und Gefühle jedoch kennt er nicht. Er hat nicht bemerkt, dass sie an seiner Seite schon lange leidet und mit einer tief greifenden Identitätskrise zu kämpfen hat.

Just an dem Abend, als Ted seiner Frau höchst erfreut vom bislang größten Karrieresprung erzählen will, der ihm bevor steht – er soll Vizepräsident der Werbeagentur werden –, empfängt Joanna ihn mit gepackten Koffern. Sie kann nicht mehr, fühlt sich als Versagerin, und ist entschlossen, ihren Mann und auch ihren geliebten Sohn zu verlassen, um wieder zu sich selbst zu finden.

Ted gelingt es nicht, seine Frau davon abzubringen. Er muss sich fortan sowohl beruflich als auch als allein erziehender Vater bewähren …

Mit dieser Situation beginnt das vielfach ausgezeichnete Filmdrama „Kramer gegen Kramer“, das der US-amerikanischen Regisseur und Drehbuchautor Robert Benton nach einer Romanvorlage von Avery Corman inszenierte. Er begleitet darin den Entwicklungsweg des Vaters. Indem er berufliche Abstriche macht, gelingt es Ted nach und nach, zu seinem Sohn Billy ein inniges, freundschaftliches Verhältnis aufzubauen – bis nach etwa zwei Jahren Joanna wieder auftaucht. Sie hat eine Psychotherapie und andere Beziehungen hinter sich, hat im Leben beruflich Fuß gefasst und möchte sich nun wieder um Billy kümmern – obwohl sie im Stillen beobachtet hat, wie gut Vater und Sohn miteinander auskommen.

Da Ted nicht dazu bereit ist, seinen Sohn, der ihm sehr ans Herz gewachsen ist, nun wieder ohne weiteres seiner Mutter zu überlassen, kommt es zum Sorgerechts-Streit vor Gericht: Kramer gegen Kramer. Die Anwälte sorgen für einen harten Schlagabtausch, und das Verfahren endet so, wie es in solchen Fällen immer endet: Das Sorgerecht wird der Mutter zugesprochen. 

Robert Benton kritisiert in seinem Drama gekonnt die in den Traditionen festzementierten Geschlechterrollen, die eben sogar für Gerichtsentscheidungen ausschlaggebend sind. Wie auch immer die Umstände erscheinen mögen, eine Frau gilt als der bessere Elternteil für das Kind …

Die Ungerechtigkeit, die Ted in dem Prozess widerfährt, wird für den Zuschauer besonders spürbar, weil Robert Benton weitgehend darauf verzichtet, in seinem Film auch Joannas Leben auszuleuchten. Ihre Beweggründe dafür, der Familie den Rücken zu kehren, deutet er nur vage an. Keine einzige Szene gewährt Einblicke in die Entwicklung ihrer Identitätskrise, und ebenso bleibt weitgehend im Dunklen, was sie in den zwei Jahren ihrer Selbstfindung erlebt hat und weshalb sie schließlich den Entschluss fasst, vor Gericht zu ziehen. Dadurch erscheint Bentons Gesellschaftskritik – wenigstens aus heutiger Sicht – eher schwarzweißmalerisch.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Regisseur der damals erst knapp 30-jährigen und noch ziemlich unbekannten Schauspielerin Meryl Streep gestattete, die Biographie ihres Charakters zu vertiefen und den Text für Joannas Rede vor Gericht neu zu schreiben. Dies trug nicht nur zu einer etwas differenzierteren und dramaturgisch zukunftsweisenden Darstellung der Mutter bei, sondern war wohl auch mit ein Grund dafür, weshalb Streep für die wenigen Szenen, die sie in „Kramer gegen Kramer“ zu spielen hatte, mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

Zu Recht – ihre darstellerische Intensität in diesem Film ist legendär.

(1979, 100 Minuten)