18. Juni 2021

Die subjektiven Grenzen von Spiritualität – oder: 2 + 2 = (und bleibt) 4

In einem meiner letzten Essays – zum Thema Obskurantismus – beschrieb ich eine bedauerliche Beobachtung: Seit einiger Zeit – unter dem Druck der COVID-19-Pandemie – scheint sich die gesellschaftliche Kluft zwischen wissenschaftlich und spirituell orientierten Menschen deutlich zu vertiefen. Dies war ein Resümee aus dem Jahr 2020. Bis heute belegen diverse Blog-Beiträge, Essays, Kommentare oder Pamphlete aus der Alternativ- und Esoterik-Szene diese Spaltung – leider – immer wieder neu. Ein Anstoß zur Suche nach möglichen Zusammenhängen …

Für die etablierte Naturwissenschaft ist das Thema „Corona“ inzwischen im Wesentlichen abgehakt. Das Fazit: 2020 tauchte – aus noch genauer zu untersuchenden Gründen – ein gefährliches Virus auf, das sich weltweit ausgebreitet, bisher etwa 160 Millionen Menschen infiziert und 3,5 Millionen getötet hat (Stand: Mai 2021), das auch bei milden Verläufen lebensverändernd wirken kann (Stichwort: Long Covid), das sich aber durch Schutzmaßnahmen und Impfungen gut bekämpfen lässt. Das Virus wird uns erhalten bleiben, in neuen Mutationen erscheinen, und Anpassungen bei den Impfstoffen nötig machen. Aber die Bedrohung hat inzwischen viel von ihrem zunächst Unberechenbaren verloren.

Auch auf politischer Ebene rückt das Thema langsam aus dem Fokus: Es gibt gut wirkende Impfstoffe, aber keinen direkten Impfzwang; die noch bestehenden Beschränkungen und die Verpflichtungen zu Schutzmaßnahmen werden in absehbarer Zeit weitgehend aufgehoben, und wer dann – aus welchen Gründen immer – für sich selbst Impfungen oder auch Tests ablehnt, kann das  tun. Schließlich ist jeder für sich selbst verantwortlich.

Obwohl sich Lage inzwischen also weitgehend geklärt hat, scheint die Kluft zwischen Wissenschaftsgläubigen und -skeptikern unaufhaltsam tiefer zu werden. Obskure Gedanken, denen jede Grundlage fehlt, machen die Runde. Es geht beispielsweise nicht mehr nur um die vergleichsweise harmlose Corona- und Impf-Skepsis. Inzwischen werden geimpfte Menschen als unberechenbare „Spike-Protein-Spreader“ bezeichnet, denen der Zugang zu Mietobjekten oder der Kontakt mit Tieren verwehrt wird (denn die „ansteckende Impfung“ könne auch auf Tiere übertragen werden) und mit denen natürlich auch keine sexuellen Kontakte gepflegt werden sollen. Es kursieren sogar Prophezeiungen, denen zufolge jede(r) Geimpfte binnen zwei Jahren unweigerlich sterben wird.

Verdienen solche und ähnliche Unsinnigkeiten Beachtung?

Wo die Quellen derartiger Ideen liegen, mit dieser Frage beschäftigen sich zunehmend investigative Journalisten, denn handfeste politische und/oder wirtschaftliche Motive liegen nahe. Und die Mechanismen, nach denen brave Schäfchen bereitwillig irgend einem selbsternannten Besserwisser und „alternativen Fakten“ folgen, sind bekannt.

Die meines Erachtens viel spannendere Frage lautet allerdings, weshalb so obskure Gedanken überhaupt Anklang finden. Welchen weltanschaulichen Hintergrund muss ein Mensch haben, welche gedankliche Haltung muss er pflegen, damit er sich von solchen Aussagen angesprochen fühlt, damit er sie tatsächlich als „wahr“ oder „wahrscheinlich“ für sich annehmen kann?

Ich weiß keine umfassende Antwort auf diese Frage. Immer wieder aber bestätigt sich mir in persönlichen Kontakten, dass viele Menschen, die spirituelle Erfahrungen gemacht haben oder solchen Erfahrungen gegenüber aufgeschlossen sind, auch einen besonderen Draht zu „alternativen Wahrheiten“, bisweilen auch zu obskuren Unsinnigkeiten haben. 

Warum ist das so?

Klar, Spiritualität ist bis heute nicht im Zentrum der Gesellschaft angekommen. Wer sich auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen oder Werte als Außenseiter fühlt, wird leichter eine Affinität zu Außenseiter-Meinungen entwickeln als andere, die sich im „Mainstream“ wohl fühlen.

Vielleicht spielt in diesem Zusammenhang aber auch ein grundsätzlicher Trugschluss mit eine Rolle, nämlich die Ansicht, Spiritualität könne – durch Vertrauen auf ein inneres Urteilsvermögen – das objektiv beweisbare Wissen ersetzen. 

Das ist Unsinn. 

Einfach irgend etwas gutgläubig für wahr zu halten, hat noch nichts mit Spiritualität zu tun. 

Auch dann nicht, wenn das eigene Innere, also die Empfindung, Zustimmung zu einer Idee oder Aussage signalisiert. Denn diese Zustimmung ist zwangsläufig im Rahmen des Subjektiven verankert, also in den Grenzen der eigenen Erfahrungen, Erkenntnisse und Bedürfnisse.

Spiritualität ist immer etwas höchst Subjektives und wird es auch immer bleiben. Genau darin liegt auch ihr Wert. Denn das heute überwiegend materialistisch orientierte Weltbild, das die schulische Bildung, die Forschung und in der Folge auch die Politik dominiert, ist im Wesentlichen rein quantitativ ausgerichtet. Die Welt wird als Summe von Teilchen beschrieben, die sich durch Raum und Zeit bewegen. 

Die inneren Qualitäten, die das Wesen unseres menschlichen Bewusstseins ausmachen – Erlebnisfähigkeit, Freiheitsdrang, Liebesfähigkeit, das Bedürfnis nach Sinn, die Sehnsucht nach Geborgenheit usw. – lassen sich indes quantitativ nicht erfassen. Sie sind weder beweisbar, noch reproduzierbar und können auch nicht künstlich hergestellt werden. Sie sind der Lebendigkeit – ein weiterer qualitativ orientierter Begriff! – verbunden.

Deshalb wäre es meines Erachtens hoch an der Zeit, der Spiritualität in allen Bereichen der Gesellschaft mehr Raum zu geben. Denn es geht dabei um das Wesen unseres Menschseins; um den lebens- und bewusstseinsverändernden Wert von Erfahrungswissen; um eine Überzeugung, die aus Glaube, Vertrauen und Liebe resultiert.

Aber es gibt dabei seit Jahrtausenden ein Problem. Denn immer wieder wurden aus subjektiven spirituellen Erfahrungen „objektive“ Weltbilder gezimmert. Es entstanden „Weisheits- und Erlösungs-Lehren“ mit dem hohen Anspruch, die Welt zu erklären und dem Menschen den „einzig wahren Weg“ zu weisen.

Indem transzendente Erlebnisse interpretiert und verallgemeinert wurden, etablierten sich Konfessionen und Glaubensdogmen. 

Aber die Geschichte zeigt, dass praktisch alle Lehren, die „die“ Wahrheit über die Welt künden wollten, mit diesem hohen Anspruch grandios gescheitert sind. Nicht nur, weil die Wissenschaft sie gründlich widerlegte, sondern vor allem auch, weil die „einzig gültigen Offenbarungen“ zu Ängsten und gesellschaftlicher Entzweiung führten (und führen), nicht selten sogar zu kriegerischen Konflikten.

Es sollte daher nicht überraschen, dass die Religion als solche heute von sehr vielen Menschen skeptisch betrachtet wird, sobald sie über Folklore hinaus geht.

Der naturwissenschaftliche Ansatz, alles Subjektive möglichst auszuklammern und einfach – nämlich im Experiment – die Natur zu befragen, um dadurch objektiv gültige Antworten auf drängende Fragen zu finden, hat sich indes seit Jahrhunderten als überaus erfolgreich erwiesen. Auch im Fall der COVID-19-Pandemie. Hier lag die „Frage an die Natur“ im gezielten Experiment, vielversprechende Impfstoffe an Zehntausenden Personen auszuprobieren, um zu sehen, ob und inwieweit sie wirken. Die weltweiten Erfolge bestätigen – wieder einmal – die Effizienz der naturwissenschaftliche Strategie, die unser Leben von Generation zu Generation weiter verändert, zu neuen Entwicklungen und Maßstäben treibt und, so die Hoffnung, letztlich auch zu einer immer lebenswerteren Welt führen wird.

Ob sich diese Hoffnung allerdings wirklich erfüllen kann, wenn ausgerechnet das, was das Innerste des Menschen berührt, wenn also die Spiritualität ausgeklammert bleibt?

Meines Erachtens könnten wirklich zukunftsweisende Entwicklungen nur aus einem befruchtenden Miteinander von Wissenschaft und Spiritualität resultieren. 

Doch dazu müssten zunächst klare Grenzen akzeptiert werden:

Die Naturwissenschaft dürfte keinen Absolutheitsanspruch für sich geltend machen. Denn sie kann zu den qualitativen, dem Bewusstsein des Menschen verbundenen Aspekten des Lebens wenig oder gar nichts Wesentliches sagen. Sie steht dem subjektiven Erleben an sich – und umso mehr noch allen spirituellen Erfahrungen wie etwa den Nahtoderlebnissen – ziemlich ratlos gegenüber. Und sie ist völlig inkompetent, wenn es um die letzten großen Lebensfragen geht, um das „Warum“, den Sinn des Lebens, der Evolution, der Schöpfung.

Ebensowenig dürfte die Spiritualität einen Absolutheitsanspruch für sich geltend machen. Denn sie hat kein brauchbares Instrumentarium, um die quantitativen, mess- und objektivierbaren Aussagen über die Welt in Zweifel zu ziehen.

Bewusstseinsentwicklung verändert die subjektive Qualität des Lebens, das Auffassungsvermögen beispielsweise oder die Liebesfähigkeit, die Empathie, die Denkstrukturen, sogar das persönliche Schicksal, aber sie verändert keine mathematischen Gleichungen. 2 und 2 wird immer gleich 4 sein. 

Naturwissenschaftlich orientierte Menschen sollten sich davor hüten, die Spiritualität von vornherein dem Bereich des Obskuren und Weltfremden zuzuordnen. Und spirituell orientierte Menschen sollten ihr Heil nicht in wissenschaftsskeptischen oder -feindlichen „Alternativ-Wahrheiten“ suchen und aus dem, was sie in sich und für sich selbst erlebt haben, keine „objektiven“ Aussagen oder „Fakten“ ableiten.

Das jedenfalls würde ich mir wünschen. Denn im Wissen um den Wert und um die Stärken der beiden Bereiche könnte sich eine sinnvolle Symbiose von „Herz und Verstand“ entwickeln, die vermutlich wirklich zukunftsweisend und menschenfreundlich wäre.

Die derzeit sich vertiefende Kluft zwischen wissenschaftlich und spirituell orientierten Zeitgenossen ist das hingegen sicher nicht.