24. November 2020

Ein amerikanischer Albtraum

Clint Eastwoods sehenswertes Filmdrama „Der Fall Richard Jewell“

• Richard Jewell (Paul Walter Hauser) hat eine Schwäche für Law and Order: Er besitzt zahlreiche Waffen, geht gern auf die Jagd, verbringt viel Zeit am Schießstand, studiert in seiner Freizeit Gesetzestexte und Verbrechensmuster, verehrt Polizei und FBI und träumt davon, selbst für Recht und Ordnung zu sorgen. Eine richtige Respektsperson zu sein.

Dagegen wirkt Richards Alltag unspektakulär: Er lebt bei seiner Mutter Bobi (Kathy Bates), wird wegen seiner übergewichtigen Körperstatur und seiner naiv-einfältigen Gesinnung von Bekannten und Kollegen kaum ernst genommen und hat nur wenige Freunde. Und wenn er einen Job hat, der ihn seinen Traum von Law and Order leben lässt, dann nie für lange Zeit. Ob Hilfssheriff oder Security-Mitarbeiter, er überschreitet seine Befugnisse, überschätzt seine Bedeutung, hängt Kleinigkeiten allzu hoch. 

Der Traum ist immer etwas zu dominant und lebensfern. Bis Richard Jewell am Abend des 27. Juli 1996 im „Centennial Olympic Park“, einem Veranstaltungsort der Olympischen Spiele in Atlanta, einen verdächtigen Rucksack entdeckt – und mit seiner Vermutung, er könnte eine Bombe enthalten, Recht behält.

Bei der Explosion, die nicht mehr verhindert werden kann, sterben zwei Menschen. 111 werden verletzt. Doch es hätte weitaus mehr Opfer gegeben, hätte Richard die Bombe nicht entdeckt und durch sein beherztes Einschreiten viele Besucher in Sicherheit gebracht.

Die Medien feiern Jewell, der im Park als Security-Mitarbeiter eigentlich nur Getränkedosen verteilen sollte, plötzlich als Helden. Seine Mama ist so stolz auf Richard wie noch nie, und der ewige Möchtegern-Polizist tut natürlich alles, um seinen „Kollegen“ bei ihren Ermittlungen zu helfen. 

Für das FBI übernimmt Agent Tom Shaw (Jon Hamm) die Suche nach dem Attentäter. Und er hat auch schon bald einen Hauptverdächtigen: Richard. Denn irgendwie scheint dessen Persönlichkeit perfekt in das bekannte Profil des Einzelgängers, der nach Aufmerksamkeit sucht, zu passen: Seine berufliche Vergangenheit, in der er immer wieder angeeckt hat, seine Waffensammlung, seine Begeisterung für Verbrechensmuster, seine naive Natur, die zu keiner ausreichenden Selbstreflexion in der Lage zu sein scheint …

Der gefeierte Held ist Richard Jewell nur drei Tage lang. Denn Kathy (Olivia Wilde), eine Reporterin der „Atlanta Journal-Constitution“, erfährt von dem Verdacht des FBI-Ermittlers und veröffentlicht die Sensations-Geschichte vom Helden, der in Wirklichkeit womöglich selbst der Attentäter ist. 

Eine brutale, mehrmonatige mediale Hetze gegen Richard und seine Mutter nimmt ihren Lauf. Der Amerikanische Traum von Recht und Ordnung wird für die beiden zum Albtraum. 

Doch die Anschuldigungen verändern den allzu kleingeistigen, bislang gemütlich durchs Leben sinnierenden Verdächtigen, dem nun der elektrische Stuhl droht. Bestärkt durch Watson Bryant, seinen Freund und Anwalt (Sam Rockwell), verlässt Richard Jewell seine Wohlfühlzone. Er stellt sich den auf tönernen Füßen stehenden Ermittlungen des „geheiligten“ FBI entgegen. Und findet aus einer Möchtegern-Rolle ins wirkliche Leben …

Regisseur Clint Eastwood erzählt die wahre Geschichte vom „Fall Richard Jewell“ spannend und geradlinig. Drehbuchautor Billy Ray verzichtet sogar auf die übliche dramaturgische Zuspitzung im 3. Akt der Handlung. Der Film folgt im Wesentlichen einem Zeitschriften-Artikel mit dem Titel „American Nightmare“ (Amerikanischer Albtraum), in dem die „Vanity Fair“ 1997 die Geschichte von Richard Jewell zusammenfasste. Eine Lebensgeschichte, die auch ein wenig an „Sully“ erinnert, an das Schicksal des Piloten, der 2009 eine Passagiermaschine auf dem Hudson River landete – und dessen Darstellungen in der Folge ebenfalls in Zweifel gezogen wurden. Auch diese Ereignisse inspirierten Eastwood zu einem hervorragenden, sehenswerten Film.

„Der Fall Richard Jewell“ lässt aber tiefer in die „amerikanische Seele“ blicken. Denn dieser 3-Tages-Held personifiziert wohl zig Millionen ähnlich tickende US-Bürger, die nett und kreuzbrav den Amerikanischen Traum von Recht und Ordnung träumen und in ihrer naiven Glaubensbereitschaft beeinfluss- und verführbar sind wie Kinder.

Erwachsen zu sein bedeutet vielleicht auch erwacht zu sein – aus einem fremdbestimmten Leben in unreflektierten (Ideal-)Vorstellungen. Richard Jewell (geb. 1962) ist auf diesem Weg vermutlich ein paar wichtige Schritte gegangen – ehe er 2007, noch nicht 45-jährig, an den Folgen gesundheitlicher Probleme starb, die sich wohl auch durch die Kampagnen gegen ihn verschärft hatten. 

(2019, 129 Minuten)