18. Juni 2024

Freundschaftlich, jovial, aufgezwungen, durchseucht

Die deutschsprachige Gesellschaft und das „Du“

Im Rahmen einer Debatte um Karl Nehammer, der als österreichischer Bundeskanzler in sozialen Netzwerken unverdrossen das „Du“ als Anrede für seine begeisterten (oder weniger begeisterten) Follower benutzt, sprach Hubert Patterer, Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, vom „digitalen Seuchen-Du“ („Morgenpost“ vom 18. August 2023), das ihn „stilistisch irritiert“ habe: „Ein Kanzler ist ein Kanzler und kein Kumpan“. Klar, man könnte eine solche Diskussion als Sommerloch-Debatte abtun und fragen, ob wir denn wirklich keine anderen Probleme haben. Meines Erachtens aber geht es beim Thema „Du“ um ein grundsätzlich zu wenig diskutiertes Thema, das für alle gesellschaftlichen Bereiche relevant ist. Insofern sind Patterers Zeilen auch ein Sensibilisierungs-Anstoß.

Ich bin in Graz aufgewachsen, Jahrgang 1962. Im städtischen Leben war damals das „Sie“ als Anrede unter nicht freundschaftlich verbundenen Erwachsenen eine Selbstverständlichkeit. 

Als ich nach meiner Matura kurzzeitig in einem Salzburger Naturkostladen arbeitete (eher um mich als Aussteiger zu versuchen als aus tatsächlichem Berufsinteresse), erlebte ich erstmals eine Gemeinschaft, die – ungefragt und in plakativer Selbstverständlichkeit – die ganze Welt duzte. 

Irgendwie stand dort wohl der Gedanke im Raum, alle Menschen seien sowieso irgendwie Brüder und Schwestern, und wenn jemand einen Laden betritt, in dem gemeinschaftlich Getreide, Gemüse und Hülsenfrüchte konsumiert werden, gehöre er selbstverständlich zum gleich gesinnten Schwarm, der allen anderen in Richtung Zukunft voraus fliegt. Also wurden auch gepflegte ältere Damen, die ihr Döschen Hefeaufstrich suchten, oder greise Herren, die nach frisch gepressten Reiswaffeln griffen, von uns Jungspunden freundschaftlich frech geduzt.

Vielleicht hat es den Damen und Herren ja gefallen, von der Jugend verbal gedrückt zu werden, ich weiß es nicht. Es hat niemand nach ihrem Einverständnis gefragt. Jedenfalls aber blieb mir dieses Gemeinschafts-Gebaren als unangemessene Seltsamkeit in Erinnerung.

Später, in meinen Jahren als Redakteur der steirischen „Kronen Zeitung“, versuchte ich eine Art nonkonformistische Gegenbewegung, die mir heute als ebenso ungeschickt erscheint: Ich bemühte mich, dem Kollegen-Kollektiv und auch duzfreudigen Politikern, die unter uns Journalisten gefügige PR-Kumpanen suchten, zu entkommen, indem ich mich, wo immer es mir möglich erschien, mit einem förmlichen „Sie“ abgrenzte. Nicht ausgeschlossen, dass manchen Kollegen eben dieses Verhalten als unangemessene Seltsamkeit in Erinnerung blieb.

In den weiteren Jahrzehnten meines Lebens war ich immer wieder mit diesem Thema konfrontiert. Ich habe gelernt, dass viele Menschen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach freundschaftlicher Nähe haben. Im Grunde wird ja jede Gelegenheit – ob Seminar oder Diskussionsveranstaltung, Tai-Chi-Kurs oder Begegnung beim Bergwandern  –, jedes kleinste gemeinsame Interesse unmittelbar dafür genutzt, einander ungefragt das Du überzustülpen. 

Ich hatte und habe so ein Bedürfnis nicht. Ich finde es vorteilhaft, dass die deutsche Sprache in der Anrede die Möglichkeit zu einer feineren Justierung der gewünschten Nähe bietet. Es sind für mich immer noch besondere, manchmal auch bewegende Momente, wenn Bekanntschaften bewusst und verbalisiert zu Freundschaften wachsen. 

In den Jahrzehnten habe ich auch gelernt, dass jüngeren Menschen das Gespür dafür, dass in der Anrede „Sie“ eine Wertschätzung oder im „Du“ eine Art Intimität liegt, oft schlicht und einfach fehlt. Denn in unserer Gesellschaft wird ja schon seit geraumer Zeit kreuz und quer geduzt, zwischen Lehrern und Schülern, Professoren und Studenten, Chefs und Angestellten, Jung und Alt. 

Die Argumente dafür überzeugen mich nicht wirklich. Vordergründig wird behauptet, mit dem Du sei alles leichter. Zudem gebe es im weltweit dominierenden Englischen für den Umgang miteinander ja auch kein „Sie“. Und sofern eine weltanschauliche Überzeugung hinter der Duzerei steckt, dann meist sinngemäß die, dass die Zeit reif dafür sei, antiquierte Hierarchien zu überwinden und zwischenmenschliche Hürden abzubauen. 

Mich überzeugen die Argumente vor allem deshalb nicht, weil ich in der Distanz nichts grundsätzlich Verwerfliches entdecken kann. Sie ist – nicht nur für Journalisten – ein Werkzeug, um sich einen ungetrübten Blick auf das größere Ganze zu bewahren, und sie bietet natürlichen Schutz gegen Vereinnahmung oder Übergriffe.

Zudem liegt in der Distanz auch Wertschätzung. Ich gebe dem anderen Raum, anerkenne seinen Anspruch auf einen persönlichen Intimbereich und dränge mich nicht als „Partner auf Augenhöhe“ in seine Welt. Umso schöner, wenn man irgendwann in einvernehmlicher Überzeugung beschließt, die Distanz aufzuheben.

Ich habe über die Jahrzehnte, vor allem auch durch zahlreichen Interviews, in denen Menschen mir über sehr persönliche Erlebnisse – Schicksalsschläge, Nahtoderfahrungen und so weiter – erzählt haben, auch gelernt, wie vielfältig seelische Welten und Bedürfnisse sein können. 

Beispielsweise – um hier den spirituellen Bereich mit einzubinden – habe ich zahlreiche Nahtoderfahrene kennengelernt, die von einem „Einheitserlebnis“ berichten, das sie innerlich nachhaltig verändert, etwa empathischer gemacht hat. Sie sind durch ihr Erleben von der tiefen, geistigen Verbindung aller Menschen überzeugt und haben deshalb das Bedürfnis, die Distanz zu ihren Mitmenschen auch sprachlich abzubauen. Für sie zählt vor allem das Verbindende, die Liebe, die sie selbst in ihrer Nahtoderfahrung als bedingungslos kennengelernt haben. 

Andererseits kenne ich spirituell bemühte Menschen, die die Anrede „Du“ um jeden Preis – selbst um den der Vereinsamung – vermeiden, weil sie die allzu ausgeprägte Verbundenheit mit anderen Menschen fürchten. Sie könnte ihrer eigenen Freiheit und Entwicklung hinderlich sein.

In der Spiritualität zeigen sich die widersprüchlichen Vorstellungen und Bedürfnisse vielleicht am ausgeprägtesten. Natürlich aber ist auch das ganz alltägliche Miteinander durch unterschiedliche Du-Sie-Usancen geprägt. Da gibt es beispielsweise …

… das joviale „Du“ des Vorstandsdirektors gegenüber seiner Sekretärin (die ihn umgekehrt aber doch zu siezen hat), das eigentlich aber nur ein Machtgefälle dokumentiert;

… das solidarische „Du“ der Arbeiterschaft, das demonstrativ auch in der sozialdemokratischen Politik gepflegt wird – allerdings mit Ausnahmen. Österreichs Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky war sehr sparsam damit. Auf die Frage, weshalb er mit dem „Du“ geize, soll er einmal geantwortet haben: „Weil man schneller ,Du Trottel‘ sagt als ,Sie Trottel’.“;

… das locker-lässige „Du“ unter Künstlern und Akademikern, das kreative oder intellektuelle Gemeinsamkeiten über Hierarchien und Altersgruppen hinweg betont;

… das in allen Gesellschaftsbereichen, auch im Marketing oder in Internet-Foren zunehmend übliche nivellierende Du – laut Soziolinguistik „der Versuch, eine bestimmte Nähe und gleiche Ebene herzustellen – unabhängig von Alter und Autorität“. (ORF, „Ein Mittel der Machtaneignung“).

Und so weiter. Gemein ist all diesen Spielarten des sprachlichen Umgangs, dass sie meist ungefragt zur Anwendung kommen. Entweder, weil die Sensibilität für das Thema fehlt oder weil die Anrede bestimmten, oft unausgesprochenen oder unbewussten Absichten folgt.

Der Beitrag von Hubert Patterer hat mich dazu angeregt, das Thema künftig häufiger aktiv anzusprechen, sofern das angebracht erscheint. Denn seine Zeilen bestätigen meinen Eindruck, dass die üblicherweise kaum in Frage gestellte Art, wie wir einander ansprechen, in Wirklichkeit viele Menschen beschäftigt – oder irritiert. Dass sie vielleicht sogar eine Quelle für Verstimmungen ist, die dann auf andere Art überraschend zum Ausdruck kommen.