28. September 2020

Gott – jenseits atheistischer Ablehnung

Ein September-Gedanke zum „Tag der Schöpfung“

Seit dem Jahr 2010 feiern die christlichen Kirchen an jedem ersten Freitag im September einen „Tag der Schöpfung“, in dessen Mittelpunkt der Gedanke an Gott steht. Angesichts der Dominanz der naturalistisch geprägten Naturwissenschaften, die nicht von einer Schöpfung, sondern sachlich vom Universum sprechen, mag man sich fragen, ob der Glaube an einen Schöpfer überhaupt noch zeitgemäß ist. Meine Überzeugung: Ja, ist er – obwohl ich mich selbst im Hinblick auf traditionelle Gottesbilder als Atheisten sehe.

Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle bringt die christlich-theistische Vorstellung vom Schöpfer auf den Punkt: Da wendet sich ein alter, aber kräftiger, weiß gekleideter, bärtiger Mann, umgeben von Engeln – Gott – seinem ersten Geschöpf, Adam, zu. 

Der große italienische Maler, Bildhauer und Baumeister hat sich um das biblische Gebot „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen […] des, das oben im Himmel ist …“ (2. Buch Mose) offenbar nicht gekümmert. Sein Gott erscheint ganz einfach als Übermensch. Und genau so sehen viele gläubige Menschen in ihrer Vorstellung den Schöpfer bis heute.

Die Allmacht Gottes

Dem entsprechend werden Gott üblicherweise auch übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben. Vor allem die einer willkürlichen Allmacht. Der Mensch unterliegt den Naturgesetzen, aber Gott kann diese Gesetze außer Kraft setzen und Wunder wirken. Deshalb stehen die Wundertaten Jesu – von den Krankenheilungen bis zu seiner (angeblich) leiblichen Auferstehung – im Zentrum des christlichen Glaubens. Die Anerkennung von Wundern als Ausweis göttlichen Wirkens bildet auch nach wie vor das zentrale Fundament für die Heiligsprechungen in der katholischen Kirche.

Der Glaube an Wunder und an die Möglichkeit, dass Gott willkürlich ins Weltgeschehen eingreifen kann, ist der christlichen Konfession so eng verbunden, dass sie ohne diesen Glauben eigentlich kaum vorstellbar ist. Gebete und Bitten um Erhörung folgen dem Gedanken „Mach, o Schöpfer in Deiner Allmacht, dass dies oder jenes geschieht …“ Und die Vorstellung, dass Gott um so gnädiger gestimmt werden könne, je mehr gebetet wird, passt vielleicht auch zu dem Gedanken, im Schöpfer einen recht menschlichen, durch Quantität bestechlichen inneren Ansprechpartner zu haben.

Allerdings birgt diese Vorstellung von willkürlicher Allmacht eine Widersprüchlichkeit. 

Wer davon ausgeht, dass die Schöpfung ein Werk Gottes ist, kann daraus folgern, dass auch die Natur- oder Schöpfungsgesetze, die allem Weltgeschehen zugrunde liegen, zu diesem Werk gehören und ihren Ursprung in Gott haben. 

Isaac Newton (1643–1727) beispielsweise war schon im 17. Jahrhundert davon überzeugt, dass die Naturgesetze die „Gedanken Gottes“ zum Ausdruck bringen.

Dazu passen die Attribute, mit denen diese Gesetze gemeinhin beschrieben werden. Sie gelten als allgemeingültig und unveränderlich. Mit einem religiösen Begriff könnte man sie mit einigem Recht als „vollkommen“ bezeichnen.

Bedeutet das aber nicht, dass jedes Außerkraftsetzen dieser Gesetze durch Gott ein Zeugnis seiner Unvollkommenheit wäre?

Die Widersprüchlichkeit zwischen der jederzeit perfekt und verlässlich funktionierenden Natur und der Vorstellung eines willkürlichen göttlichen Wunderwirkens erkannten auch einige religiös gesinnte Forscher und Denker. Beispielsweise bekannten sich Albert Einstein (1879–1955) und Max Planck (1858–1947) in einigen Schriften offen zu Gott, lehnten gleichzeitig jedoch den Glauben an Naturwunder kategorisch ab.

Die Allgegenwart Gottes

Ebenso fragwürdig wie die Vorstellung eines wunderwirkenden, ins Weltgeschehen willkürlich eingreifenden Gottes erscheint mir das traditionelle Droh-Bild vom argusäugig beobachtenden – und in diesem Sinn allgegenwärtigen – Gott, der alles weiß und sich jeden unrechten Gedanken, jede sündhafte Seelenregung merkt, um zu gegebener Zeit entsprechend zu bestrafen. 

Auch hier lugt letztlich wieder die alte Vorstellung von einem Über-Menschen durch, der den vertrauten – menschlichen – Denkkategorien folgt und sorgfältig abwägend belohnt und begnadigt, vergibt oder verdammt.

Wie gesagt: Ich kann gut verstehen, dass sich viele Menschen im Rahmen der heute gesellschaftlich möglichen Freiheit des Denkens von solchen Gottes-Vorstellungen abwenden und eine atheistische Gesinnung annehmen.

Allerdings ist das nicht die einzige Alternative zum Bild des allmächtigen, allgegenwärtigen alten Mannes mit Rauschebart, Hirtenstab und Priesterkleid. 

Zunächst muss ja festgehalten werden, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse die Existenz Gottes weder widerlegen, noch bestätigen. Sie haben eigentlich immer nur menschliche Vorstellungen widerlegt: Was früher als Wunder erschien, kann heute „natürlich“ erklärt werden, weil eben durch den Erkenntnisfortschritt die maßgeblichen Zusammenhänge deutlich wurden. 

Aber auch wenn die Wissenschaft immer mehr über das „Wie“ aussagen kann – wie und nach welchen Gesetzen die Welt funktioniert, wie sie sich entwickelt und entfaltet hat –, so kann sie nichts zum „Warum“ sagen. Warum kam es überhaupt zum Urknall? Wer oder was veranlasste den „ersten Augenblick“ … der Schöpfung? Warum existiert sie?

In diesem Bereich qualitativer Fragen hat die natürliche Religiosität des Menschen ihre Heimat. Denn das menschliche Bewusstsein ist sinnorientiert. Es folgt Werten, generiert Empfindungen, benötigt Ziele, Ideale, Freiheit, wird belebt durch Liebe … Diese qualitative Orientierung unseres Inneren bleibt von den naturalistischen Wissenschaftlichen praktisch unberücksichtigt. 

Eine Alternative zur Ablehnung Gottes

Die Astrophysik mag die Entwicklung der Welt auf den Wasserstoff zurückführen, die Biologie mag die Evolution mit der Funktionsweise „egoistischer Gene“ begründen. Aber all diese Aussagen über das Wie gehen an dem, was uns innerlich berührt, an dem eigentlichen Leben, vorbei.

Peter Strasser (*1950), einer der wichtigsten gegenwärtigen Philosophen Österreichs, formulierte dazu in einem Essay über „Die Wissenschaft und die Grammatik der Schöpfung“ (Kleine Zeitung, 5. September 2020): „Wenn ich, exemplarisch gesprochen, mit meinen Enkeltöchtern spiele, dann habe ich keine biologischen Automaten, keine ,egoistischen Gene‘ von mir, sondern kleine Persönlichkeiten. Ihre Erscheinungsweise, ihre Freuden und Leiden, die mich unmittelbar berühren – sie sind kein Phantasma, keine Sinnestäuschung, sondern jene Realität, die uns allen ursprünglich gegeben ist. Ich müsste schon paranoid sein, wollte ich ernsthaft behaupten, ,in Wirklichkeit‘ sei da bloß ein Schwarm komplexe Moleküle, der nichts von alldem an sich hat, was mich an meinen Enkelinnen entzückt.“

Die Wissenschaft beschreibt die Welt mit Formeln, Definitionen und Theorien, aber das menschliche Bewusstsein erlebt sie – in all ihren Qualitäten.

Doch sollte das natürliche Bedürfnis nach Sinn, zu dem eben auch die zutiefst religiöse Frage nach dem Warum sowie der Gottesglaube gehören, von der systematischen wissenschaftlichen Welterklärung sauber getrennt bleiben. Denn Religion folgt der lebendigen Empfindung, die Wissenschaft dem nüchternen Verstand.

Die „Allmacht Gottes“ könnte demnach nicht mehr als willkürlicher Eingriff in das Weltgeschehen aufgefasst werden, sondern – einfach und allumfassend – als die überirdische Macht, aus der die Schöpfung und alle für sie maßgeblichen Gesetze ursprünglich hervorgegangen sind.

Und der Begriff „Allgegenwart“ müsste nicht als die unsichtbare Präsenz eines übermenschlichen, alles beobachtenden „Big-Brother“ gedeutet werden, sondern könnte einfach im Sinn einer ständigen Erreichbarkeit aufgefasst werden – eben durch die Anwesenheit von Bewusstsein in der Welt. 

Aus dieser Sicht spricht auch nichts gegen den noblen Gedanken, durch eine Fokussierung im Gebet seelisch-geistige Stärkung zu erbitten oder Dankbarkeit auszudrücken. Denn sobald die traditionell alles dominierende Idee von einem (über)menschlich agierenden Gott endgültig überwunden ist, kann dies frei von religiösen Ängsten oder anderen einengenden Vorstellungen erfolgen.

Der heute immer weiter verbreitete Atheismus resultiert im Allgemeinen aus einer reflexhaften Ablehnung traditioneller Gottesbilder. 

Eine Alternative dazu habe ich hier skizziert. Sie wäre dazu geeignet, mit dem „Tag der Schöpfung“ nicht nur konfessionell gebundene Menschen anzusprechen.