5. August 2021

Gekonnt geknackte Frauenfeindlichkeit

La finta semplice (Die vorgeblich Einfältige)

• Oper in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart 

Libretto: Marco Coltellini (1719–1777) 
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) 
Uraufführung: 1769 (nicht gesichert), Salzburg (Hoftheater) 
Dauer: ca. 2,5 Stunden

Akte:
1. Garten beim Landhaus Cassandros und Polidoros; Zimmer im Landhaus
2. Loggia im Landhaus Cassandros; Saal mit Stühlen und Leuchtern
3. Zum Landhaus führende Straße

Hauptpersonen:
Fracasso,
ungarischer Hauptmann: Tenor
Rosina, Baronin, Schwester Fracassos: Sopran
Giacinta, Schwester von Don Cassandro und Don Polidoro: Sopran
Ninetta, Kammermädchen: Sopran
Don Polidoro, einfältiger Edelmann: Tenor
Don Cassandro, Don Polidoros Bruder, einfältiger und geiziger Edelmann: Bass
Simone, Sergeant des Hauptmanns Fracasso: Bass

Kurze Werkeinführung

„La finta semplice“ ist ein Frühwerk Wolfgang Amadeus Mozarts (1756–1791), der diese Oper im Alter von 12 Jahren komponierte. Die Textdichtung verfasste der italienische Librettist und Sänger Marco Coltellini (1719–1777).

Zur Geschichte dieses Werk ist nur wenig Gesichertes bekannt. Kaiser Josef II. (1741–1790) soll Mozart zur Komposition angeregt haben, Fürsterzbischof Sigismund von Schrattenbach (1661–1771) der Auftraggeber gewesen sein. Angeblich wurde „La finta semplice“ 1769 in Salzburg uraufgeführt. Die erste historisch gesicherte Aufführung fand jedoch erst 1921 in Karlsruhe statt.

Heute hat Mozarts frühe „Opera buffa“ vor allem im Rahmen von Gesamtaufnahmen Bedeutung, sie wird auf der Bühne nur selten gespielt.

Die Hauptfiguren der Oper sind zwei Brüder, Don Cassandro, der als einfältig und geizig beschrieben wird, und Don Polidoro, der naive jüngere. Die beiden Junggesellen residieren gemeinsam mit ihrer hübschen Schwester Giacinta, dem Nesthäkchen der Familie, in einem Landhaus nahe Cremona (Italien), das auch im Zentrum der dreiaktigen Handlung steht.

Don Cassandro ist wegen einer unangenehmen Erfahrung auf Frauen schlecht zu sprechen, sein Bruder würde sich zwar gern als Casanova betätigen, soll sich jedoch, beeinflusst durch seinen älteren Bruder, ebenfalls von Frauen fern halten. 

In ihrem Landhaus Haus beherbergen die beiden Brüder Fracasso, einen ungarischen Hauptmann, und dessen Sergeant Simone. 

Fracasso hat sich in Giacinta verliebt. Sie erwidert seine Liebe zwar, steht aber ebenfalls unter dem  Einfluss Cassandros – und für ihren älteren Bruder ist jede Heirat tabu. 

Um nun seinen frauenfeindlichen Gastgeber zum Umdenken zu bewegen, bringt Fracasso listenreich seine Schwester ins Spiel, die Baronin Rosina. Diese ist hoch intelligent, gibt sich aber als einfältig aus – daher der deutsche Operntitel „Die vorgeblich Einfältige“ – und beginnt damit, beide Brüder zu umwerben.

Also erkennen sich Don Cassandro und Don Polidoro bald als Rivalen … der erste Schritt zur „Normalisierung“ der Verhältnisse zwischen Mann und Frau ist damit getan – in dieser musikalischen Beziehungskomödie des genialen jungen Mozart.

Die Handlung

Kurz und gut …
Die ebenso hübsche wie intelligente Rosina führt vor, dass frauenfeindliche Männer eher durch hübsche Worte und Gesten als durch Intelligenz geknackt werden können.

1. Akt: Garten beim Landhaus Cassandros und Polidoros

Im Garten des Landhauses der Brüder Don Cassandro und Don Polidoro flirten Giacinta, die jüngere Schwester der beiden, und ihr Kammermädchen Ninetta mit ihren Gästen („Bella cosa è far l’amore!“). Im Haus sind zwei ungarische Soldaten einquartiert, Hauptmann Fracasso und sein Sergeant Simone. 

Fracasso und Giacinta haben sich ineinander verliebt, und ebenso Simone und Ninetta. Doch sie alle fürchten, dass Don Cassandro sich gegen diese Verbindungen stemmen wird. Man kennt ja seine frauenfeindliche Gesinnung, die er dann auch ausdrücklich bestätigt („Non c’è al mondo altro che donne“). 

Hauptmann Fracasso ist allerdings zuversichtlich, dass Don Cassandro seine abwertende Meinung über Frauen schon bald ändern werde. Denn in Kürze werde seine Schwester Rosina eintreffen – und wenn er diese kennenlerne, würde er anders reden. Auch Cassandro werde der Liebe zum Opfer fallen („Guarda la donna in viso“).

Zimmer im Landhaus

Ninetta, Giacintas findiges Kammermädchen, hatte die Idee, Fracassos Schwester Rosina nicht nur auf Don Cassandro „anzusetzen“, um dessen frauenfeindliche Gesinnung aufzubrechen, sondern zugleich auch auf dessen jüngeren Bruder Don Polidoro. Ein wenig brüderliche Konkurrenz sollte Fracassos Begehren wohl noch steigern.

Inzwischen ist Rosina eingetroffen und bereit, bei dem Plan mitzuspielen. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass die meisten Menschen zwar viel über die Liebe reden, aber nicht mit dem Herzen dabei sind („Colla bocca, e non col core“). 

„Nur mit dem Mund,
nicht mit dem Herzen
weiß jeder,
wie man sich verliebt …“

Mit Don Polidoro hat die ebenso schöne wie intelligente Rosina keine Schwierigkeiten: Er verliebt sich sofort in sie und ist sogleich zur Heirat bereit. Als Beleg für seine Ernsthaftigkeit verlangt Rosina von ihm ein Geschenk – und sein Eheversprechen in schriftlicher Form. Kein Problem – Don Polidoro rückt seine Geldbörse heraus… und berichtet seinem Bruder erfreut von seiner Liebe zu Rosina.

Doch Don Cassandro hat für solche Gefühle nichts übrig. Er fordert Polidoro unmissverständlich auf, Rosina wieder zu vergessen – und ist stolz auf seine eigene Standhaftigkeit gegenüber Frauen.

Als er daraufhin Fracassos Schwester selbst begegnet, stellt Don Cassandro zunächst ihre Intelligenz auf die Probe. Rosina spielt dabei die Dumme, beteuert aber, sich in Liebesangelegenheiten auszukennen und beginnt dem Hausherrn zu schmeicheln. 

Tatsächlich findet auch Cassandro bald Gefallen an ihr. Als ihn Rosina schließlich jedoch um seinen wertvollen Ring als Liebesbeweis bittet, besinnt der alte Geizhals sich wieder und weist sie – doch noch standhaft – zurück („Ella vuole ed io torrei“).

Rosina findet die beiden Brüder ihrerseits inzwischen auch recht sympathisch, jedoch ist sie noch nicht sicher, wem sie den Vorzug geben würde.  

Jedenfalls aber hat sie ihr Ziel erreicht: Sie kann Cassandro erklären, dass sein Bruder bereit für eine Hochzeit mit ihr sei und ihr als Geschenk seine Geldbörse gegeben habe. Cassandro könne ihr – als Zeichen seines Interesses – den wertvollen Ring ja wenigstens leihweise überlassen …

Diesem Vorschlag Rosinas stimmt Don Cassandro dann tatsächlich zu – um sich im nächsten Augenblick nur noch um den Verbleib seines wertvollen Schmuckstückes zu sorgen … 

Also lädt der Hausherr Rosina und die anderen zu einem großen Festmahl ein.

2. Akt: Loggia im Landhaus Cassandros

Ninetta und Simone dürfen am Festmahl ihrer Herren im Landhaus nicht teilnehmen und nutzen in der Loggia die Zeit für sich. Da eilt Giacinta herbei und berichtet, dass Fracasso abreisen wolle. Er sei mit Cassandro, ihrem schon stark betrunkenen Bruder, in Streit geraten. Simone möge zwischen den beiden vermitteln …

Don Polidoro ist indessen zuversichtlich, Rosina bald heiraten zu können. Er träumt schon davon, mit ihr einen Sohn zu zeugen. 

Als ihm Ninetta die Nachricht übermittelt, dass Rosina ihn sehen wolle, ist er natürlich sofort dazu bereit, bittet das Kammermädchen aber, ihn zu begleiten.

Saal mit Stühlen und Leuchtern

In einem Saal mit Stühlen und Leuchtern offenbart Rosina Don Polidoro, dass er nicht der einzige sei, der um sie werbe. Ein weiterer Verehrer sei in Sicht, der noch dazu in schönster französischer Art um sie werbe. Polidoro möge ihr deshalb jetzt doch einmal seine Fähigkeiten demonstrieren. 

Polidoro tut sogleich, was ihm geboten wird und wandert mit dem Kerzenleuchter in der Hand im Saal umher, als der betrunkene Cassandro eintritt („Ubriaco non son io“). 

Die beiden Brüder müssen nun feststellen, dass sie die selbe Frau umwerben. Empört verlässt Polidoro den Raum („Sposa cara, sposa bella“).

Die Gedanken des betrunkenen Cassandro kleben indes immer noch an seinem Ring. Er wirft Rosina vor, ihm das wertvolle Schmuckstück gestohlen zu haben, schläft dann aber in seiner Betrunkenheit vorübergehend ein. 

Rosina steckt ihm den Ring bei dieser Gelegenheit wieder an („Ho seintito a dir da tutte“). Cassandro bemerkt es nicht – und bemerkt es immer noch nicht, als er kurz danach seinen Streit mit Fracasso fortsetzt und dessen Schwester Rosina dabei weiterhin des Diebstahls beschuldigt.

Dieser gelingt es schließlich, den Streit zwischen ihrem Bruder und dem Hausherrn zu beenden. Cassandro zieht sich zurück.

Wie soll es nun weitergehen? Fracasso und Simone überlegen, mit Giacinta und Ninetta einfach zu fliehen. Das Kammermädchen wäre dazu bereit, aber wie steht es um Giacinta, die ihren Brüdern doch sehr stark verbunden ist? Fracasso würde gern Gewissheit haben, dass sie ihn auch wirklich liebt. („In voi, belle, è leggiadria“). Ninetta versichert es ihm.

„Wenn das der Fall ist
bin ich ihrer sicher …“

Indessen eskaliert zwischen den Brüdern der Streit um die schöne Rosina. Cassandro verprügelt Polidoro („T’ho detto, buffone“), wird aber bald von besorgniserregenden Nachrichten schockiert. Nachdem Rosina vorgegeben hat, abzureisen, berichten Fracasso und Simone, dass Giacinta und Ninetta sich mit dem gesamten Vermögen der Brüder auf und davon gemacht hätten.

In ihrer Verzweiflung versprechen Polidoro und Cassandro den beiden Soldaten daraufhin, dass sie die Flüchtigen heiraten dürfen, sofern sie sie – und das Vermögen – wieder finden …

3. Akt: Zum Landhaus führende Straße

Giacinta und Ninetta sind durch ihre Flucht mit den beiden Soldaten nicht wirklich glücklich geworden.

Simone schlägt dem Kammermädchen vor, mit ihr zum Landhaus zurückzukehren ohne die Heiratspläne aufzugeben. Ninetta ist damit einverstanden („Sono in amore, voglio marito“). Francesco versucht seiner geliebten Giacinta Mut zuzusprechen („Nelle guerre d’amore non val sempre il valore“) – auch die beiden begeben sich auf den Weg zurück.

Indes ist immer noch nicht klar, welchem der beiden Brüder Rosina ihre Hand zur Ehe reichen wird.. Sie teilt Cassandro mit, dass sie „den Schöneren“ für sich erwählt habe – ohne aber zu sagen, um wen es sich handelt. Als Polidoro sich nähert, unterbricht Rosina das Gespräch und ersucht Cassandro, sich zu verstecken.

Polidoro bittet Rosina nochmals, sich für ihn zu entscheiden. Als sie ihm schließlich ihre Hand darbietet, glaubt er schon, die Wahl gewonnen zu haben und will sie ergreifen:

„Sie wird mich heilen!
Diese freundliche Hand,
Du musst sie mir geben!“

Doch Rosina wendet sich von Polidoro ab und reicht dem Bruder, der nun wieder aus seinem Versteck kommt, ihre Hand. Sie hat sich für Cassandro entschieden („Se le pupille io giro“). 

Dieser – längst kein Frauenverächter mehr – kann sich damit auch nicht länger gegen die Beziehung seiner Schwester mit Fracasso stellen. 

Als die beiden gemeinsam mit Simone und Ninetta eintreffen, ist klar, dass vorerst nur Don Polidoro allein bleiben wird …

 

Hinweise:
Zitate aus dem Libretto
Titelbild: Eine Inszenierung der Oper im Theater an der Wien, 2007