25. Februar 2024

Im Namen des Vaters, des Sohnes und … was bitte ist der Heilige Geist?

„Wie erkläre ich Chinesen den Heiligen Geist?“ Unter diesem Titel schrieb Josef Dollinger, ORF-Korrespondent für China, eine Kolumne für die „Kleine Zeitung“ (10. Juni 2023) – und sprach damit eine berechtigte Frage an. Denn die Natur des „Heiligen Geistes“ einfach zu erklären, erscheint kompliziert – nicht nur gegenüber der kommunistischen Welt.

Eine chinesische Kollegin, schrieb Josef Dollinger, habe wissen wollen, was denn eigentlich an dem arbeitsfreien Pfingstfeiertag in Österreich gefeiert werde: „Das habe mit dem Heiligen Geist zu tun, erklärte ich. Heiliger Geist? Na ja, das sei eine Erscheinungsform unseres Gottes – Vater, Sohn und der Heilige Geist eben. Wie sieht dieser Geist denn aus? Ist er mit jenem verwandt, der ans Kreuz genagelt wurde? Ich begann ein wenig zu schwitzen und das mit der Taube behielt ich für mich, um die Sache nicht noch komplizierter zu machen. Tja, verwandt seien der Geist und der Gekreuzigte nicht, eigentlich seien sie ein und dasselbe. Gemeinsam mit Gott. Komisch, meinte die Chinesin, sie dachte, das Christentum sei ein Eingottglaube. Wieso gibt es jetzt plötzlich drei?“

Ein Gott – oder drei?

Eine berechtigte Frage, denn die christliche „Trinitätslehre“ (= Lehre von der Dreieinigkeit Gottes) ergibt sich fürwahr nicht zwangsläufig aus dem Monotheismus. Der Islam wendet sich sogar klar gegen diese Vorstellung: „Sagt nicht „drei“! …Gott ist ein einziger Gott“ (Sure 4,171, gerichtet an die Christen). Jesus sei ein Gesandter Gottes, ein großer Prophet, aber er habe sich nicht angemaßt, selbst Gott zu sein und keinen Menschen dazu aufgefordert, ihn als Gott anzubeten.

Über die innere Natur Jesu – war er primär Gott oder Mensch? – wurde auch in der Geschichte des Christentums viel debattiert und gestritten – wie so oft, wenn es um Glaubenstheorien geht, die sich nur auf theoretische Begriffe gründen, nicht aber auf persönliche Erfahrungen.

Dementsprechend sind auch mit dem „Heiligen Geist“ unterschiedliche Überzeugungen (oder besser: Vorstellungen) verbunden. Beispielsweise herrscht in den christlich orientierten Kirchen bis heute keine Einigkeit darüber, ob der Geist von „Gott Sohn“ ausgeht oder direkt von „Gott Vater“.

Weiters wäre die Frage zu klären, ob auch der „Heilige Geist“ als Person gedacht werden kann. Lange Zeit wurde die Trinität in der christlichen Welt bildlich als drei Personen dargestellt, während der Heilige Geist im Judentum definitiv nicht als göttliche Person betrachtet wird, sondern als Ausdrucks- und Offenbarungsweise Gottes, als spirituelle Kraft also, die auch den Menschen „be-geistern“ kann.

Eine solche Begeisterung haben dem Neuen Testament der Bibel zufolge vor 2000 Jahren die Jünger Jesu erlebt. Der Heilige Geist soll damals mit „Zungen wie von Feuer“ und „mächtigem Brausen“ (Apg. 2, 1–4) auf sie herabgekommen sein und sie erfüllt und in der Folge dazu motiviert haben, die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen. 

Im Gedenken an dieses Ereignis feiert die christliche Welt Jahr für Jahr das Pfingstfest. Zudem soll dem Gläubigen mit dem „Sakrament der Firmung“ (nach der Taufe ein weiteres christliches „Initiationssakrament“) die Kraft des Heiligen Geistes vermittelt werden. Mögen auch er hinaus gehen und begeistert die frohe Botschaft vom Erlöser verkünden!

Im Judentum geht man übrigens davon aus, dass der Tempel in Jerusalem vor allen anderen Orten dafür geeignet ist, dass der Heilige Geist von einem Menschen Besitz ergreift und ihn dadurch „bevollmächtigt“.

In den christlichen Visualisierungen des Heiligen Geistes überwiegt heute die Darstellung einer Taube. Dieses Bild geht auf die Beschreibung der Taufe Jesu im Matthäus-Evangelium (3, 16) zurück: „Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.“

Fazit: Es gibt zur Natur des Heiligen Geistes wie auch zu seinem Ursprung und seiner Erscheinungsform unterschiedliche, auch widersprüchliche Ansichten. Dennoch lässt sich aus meiner Sicht eine Essenz herausarbeiten – aus einer Sicht, die zwar von christlichen Traditionen mit geprägt ist, sich aber keiner bestimmten weltanschaulichen Richtung verpflichtet fühlt.

Ein persönlicher „Blick“ auf Gott und Geist

Zunächst muss ich dafür in aller Kürze mein persönliches Gottesbild – eigentlich ist es ein „Nicht-Gottesbild“ – offenlegen: Für mich steht der Begriff „Gott“ für die schöpferische Allmacht, aus der alles hervorgegangen ist. Alle Bilder und Zuschreibungen, die oft mit Gott assoziiert werden – vom rauschebärtigen alten Mann im Priesterkleid bis hin zur unpersönlichen Kraft oder Energie, die in allem wirkt – halte ich für fragwürdig, weil sie meist nur ein Ausdruck von Hoffnungen oder Erwartungen sind. Gott wird üblicherweise entweder in irgend einer Form als „Übermensch“ dargestellt (besonders mächtig, liebevoll, gnadenreich etc.) oder mit aktuellen weltanschaulichen Konzepten assoziiert – von der „Urenergie“ bis zur „Matrix“.

Für mich trifft der Begriff „Wesenlosigkeit“ das eigentlich Unvorstellbare am besten. Insofern hätte das sogenannte Bilderverbot, das es in monotheistischen Religionen gab oder gibt, einige Berechtigung. Es vermeidet falsche Assoziationen, hat aber für Glaubensgemeinschaften den Nachteil, dass sich Unvorstellbares schwer vermitteln lässt. Viele Menschen brauchen Bilder, Texte, gedankliche Konzepte, denen sie folgen können.

An dieser Stelle könnte der Heilige Geist ins Spiel kommen. Als Geist – abgeleitet vom lateinischen „spiritus“ – sorgt der „Heilige Atem Gottes“ dafür, dass es überhaupt irgend etwas gibt. 

Der Heilige Geist wäre demnach die schöpferische Kraft, aus der alles entstanden ist und sich weiter formt, und die – um hier eine Brücke zur Naturwissenschaft anzudeuten – wohl auch allen   Naturgesetzen und Wirkungsprinzipien in der Schöpfung zugrunde liegt.

Allgemein repräsentiert der Begriff „Geist“ für mich das qualitativ Höchste, Ursprünglichste, Umfassendste, das für den Menschen denk- und erlebbar ist. Somit natürlich auch das höchste Bewusstsein.

Die Erlebnisse Nahtoderfahrener

Ich habe mich in den vergangenen Jahren sehr intensiv mit Nahtoderfahrungen beschäftigt und auch viele Interviews mit Menschen geführt, die solche Erlebnisse hatten. Was Nahtoderfahrene am nachhaltigsten prägt und verändert, sind die sogenannten mystischen Aspekte ihrer Erlebnisse. Sie erleben bedingungslose Liebe, das Einswerden mit allem, das Empfinden von Heimat, ein allumfassendes Wissen, Raum- und Zeitlosigkeit – und die Unfähigkeit, ihr Erleben in Worte zu fassen, weil unsere Sprache dafür schlicht und einfach unzureichend ist. Insofern sind auch alle hier versuchten Beschreibungen nur Krücken.

Aus meiner Sicht könnte man auch formulieren, dass Nahtoderfahrene – und alle Menschen mit vergleichbaren spirituellen Erfahrungen – die Verbindung zum Geist erleben, zum höchsten Bewusstsein. Jeder in seiner Art. Und jeder wird, seinen Möglichkeiten entsprechend, andere Worte wählen, um das Erlebte auszudrücken. Aber die Sprache ist nicht das Entscheidende. Es geht um die Be-geist-erung, die sich auch auf andere übertragen kann, die für spirituelle Impulse offen sind.

Möglicherweise schließt sich hier der Kreis zum biblischen Bild des „Heiligen Geistes“, der mit „mächtigem Brausen“ auf die Menschen herabkam. Waren sie – wie Nahtoderfahrene – durch ein vergleichbares spirituelles Erlebnis so nachhaltig begeistert, dass sie „in fremden Sprachen reden konnten“ (Apg. 2, 4)? 

Ich erlaube mir, diese Bibelstelle einfach so zu interpretieren, dass es für die Jünger Jesu keine Sprachbarrieren mehr gab – weil sich die Begeisterung unmittelbar übertrug – von Herz zu Herz sozusagen.

Das ist auch heute noch möglich – und umso leichter, wenn es gelingt, den Blick vom Äußeren – von Worten, vom Aussehen oder von Erwartungen – auf das Innere zu lenken. Auf den Geist, der alle Menschen im Ursprung verbindet. Das Werkzeug dafür ist die Empathie.