18. September 2021

Lippen schweigen

Die lustige Witwe

• Operette in drei Akten von Franz Lehár 


Libretto: Victor Léon (1858–1940) und Leo Stein (1861–1921)
Musik: Franz Lehár (1879–1948) • 
Uraufführung: 1905, Wien (Theater an der Wien) • 
Dauer: ca. 2,5 Stunden

Akte:
1. Die Botschaft des Balkan-Staates Pontevedro in Paris
2. Hannas Palais in Paris
3. Hannas Palais in Paris

Hauptpersonen:
Baron Mirko Zeta,
pontevedrinischer Gesandter in Paris: Bariton
Valencienne, Baron Mirko Zetas Frau: Sopran
Graf Danilo Danilowitsch, Gesandtschaftssekretär, Kavallerieleutnant i. R: Tenor
Hanna Glawari: Sopran
Camille de Rosillon: Tenor
Vicomte Cascada: Tenor
Raoul de Saint-Brioche: Tenor
Simone, Sergeant des Hauptmanns Fracasso: Bass

Kurze Werkeinführung

„Die lustige Witwe“ ist die bekannteste Operette des österreichisch-ungarischen Komponisten Franz Lehár (1879–1948) und zugleich eine der bekanntesten Operetten überhaupt. Sie wurde mehrfach verfilmt und im Zeitraum zwischen ihrer Uraufführung (1905, Theater an der Wien) und dem Todesjahr des Komponisten weltweit mehr als 300.000mal aufgeführt. Auch auf Tonträger wurde „Die lustige Witwe“ vielfach aufgenommen.

 Die von den beiden österreichischen Librettisten Victor Léon (1858–1940) und Leo Stein (1861–1921) verfasste Textdichtung basiert auf einem französischen Lustspiel („L’attaché d’ambassade“, 1861). Ort der Handlung ist Paris.

Hintergrund: Dem Grafen Danilo, ein Kavallerieleutnant in Ruhe, war es aus familiären Gründen nicht erlaubt gewesen, Hanna, ein einfaches Mädel vom Land, zu heiraten. Er sucht seither Trost bei den Grisetten, leichtfertigen jungen Mädchen aus der unteren Gesellschaftssicht. 

Indessen hatte Hanna den millionenschweren Bankier Glawari geehelicht, von dessen Vermögen der kleine Balkanstaat Pontevedro (ursprünglich war im Libretto von Montenegro die Rede, was aber die Zensur auf den Plan rief) abhängig ist. Doch der Bankier war noch in der Hochzeitsnacht gestorben, und Hanna, die „lustige Witwe“, wird nun nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern vor allem auch wegen ihres Reichtums von Verehrern belagert.

Auf einem Ball in der Botschaft des Balkanstaates Pontevedro (ursprünglich sollte es die Botschaft Montenegros sein, was aber die Zensur auf den Plan rief) treffen Danilo und Hanna wieder aufeinander.

Die Handlung

Kurz und gut …
Wenn das Mädchen unverhofft zur steinreichen Witwe wird und der Junge sie ausgerechnet aus finanztechnischen Gründen nicht heiraten will, dann sollten besser die Lippen schweigen und die Herzen sprechen.

1. Akt: Die Botschaft des Balkan-Staates Pontevedro in Paris

In der Pariser Botschaft des Balkan-Staates Pontevedro findet ein Ball statt. Baron Mirko Zeda, der pontevedrinische Gesandte in Paris, erwartet die reiche Witwe Hanna Glawari, die von ihrem verstorbenen Mann, einem erfolgreichen Bankier, ein beträchtliches Vermögen geerbt hat.

Hanna wird nachgesagt, nun einen Franzosen heiraten zu wollen, und tatsächlich sind zwei der auf dem Ball anwesenden Herren, Vicomte Cascada und Raoul de Saint-Brioche, an einer Beziehung mit ihr interessiert.

Baron Mirko Zeta aber will eine Heirat zwischen Hanna und einem Franzosen aus finanziellen Gründen unbedingt verhindern. Denn dadurch könnte der arme Staat Pontevedro aus Hannas Millionenerbe keinen Nutzen mehr ziehen. Viel lieber wäre es dem Baron, Hanna würde sich für einen Landsmann begeistern: Graf Danilo Danilowitsch. Dieser und Hanna kennen einander schon von früher. Also hofft Zeta, dass Danilo demnächst auf dem Ball erscheinen wird.

Indes übersieht der Baron, dass ein anderer Franzose, Camille de Rosillon, seiner Frau Valencienne mit einer glühenden Liebeserklärung den Hof macht. Sie wehrt zwar ab („Ich bin eine anständ’ge Frau“), Camille aber lässt es sich nicht nehmen, „Ich liebe Dich!“ auf ihren Fächer zu schreiben, ehe er mit Valencienne zum Tanz in den Ballsaal geht.

Als Hanna erscheint, liegen ihr die Männer sofort zu Füßen. Sie aber weiß nur zu genau, dass deren Verehrung in erster Linie ihrem Reichtum gilt.

Kurz danach trifft auch Graf Danilo in der Botschaft ein – allerdings ziemlich beschwipst. Er hat sich wieder einmal nächtlichen Vergnügungen hingegeben. Überzeugt davon, als Kavallerieleutnant schon genug fürs Vaterland geleistet zu haben („O Vaterland, du machst bei Tag mir schon genügend Müh und Plag!“), gehören für ihn regelmäßige Ausflüge ins Pariser Nachleben zum wohlverdienten Lebensstandard:

Da geh ich zu Maxim,
Dort bin ich sehr intim,
Ich duze alle Damen
Ruf’ sie beim Kosenamen,
Lolo, Dodo, Joujou
Clocio, Margot, Froufrou,
Sie lassen mich vergessen
Das teu’re Vaterland!

Auf der Flucht vor ihren Verehrern findet Hanna den schnarchenden Danilo. Mit ihm verbindet sie eine alte, tiefe Freundschaft. Die beiden waren ineinander verliebt gewesen, hatten aber nicht heiraten dürfen, weil Danilos reicher Onkel eine Beziehung seines Neffen mit einem armen Mädchen als nicht standesgemäß abgelehnt hatte.

Und jetzt will Danilo Hanna seine Liebe erst recht nicht offenbaren, denn dies, so meint er, würde ihn doch nur in eine Reihe mit jenen anderen Verehrern stellen, die es auf ihr Erbe abgesehen haben.

Auch als ihn Baron Zeta zu einer Beziehung mit Hanna drängt, um die pontevedrinischen Finanzen zu retten, lehnt er vehement ab: „Niemals!“ Jedoch wolle er die französischen Verehrer „beiseite schaffen“, die hier auf dem Ball Hanna bedrängen.

Dies gelingt Danilo dann auch – mit Hilfe anderer attraktiver Mädchen, denen die treibbestimmten Männer bald willig folgen.

Inzwischen hat Valencienne ihren Fächer verloren – was einige Gäste rätseln lässt, wem die darauf vermerkte Liebesbekundung wohl gelten könnte, und auch gleich für Eifersüchteleien sorgt.

Schließlich wird im Ballsaal Damenwahl ausgerufen – und Hanna Glawari wählt den einzigen, der sich ihr an diesem Abend nicht angebiedert hat: Graf Danilo.

Dieser verzichtet jedoch auf den Tanz und verkündet, er wolle ihn verkaufen – zum Preis von 10.000 Francs. Das Geld solle einem wohltätigen Zweck zufließen. Das Interesse der anderen Bewerber schwindet.

Hanna und Danilo bleiben allein zurück – und tanzen nun miteinander …

2. Akt: Hannas Palais in Paris

Am folgenden Tag ist die Ball-Gesellschaft zu Gast in Hanna Glawaris Palais in Paris. Alle sind in pontevedrinischer Landestracht gekleidet, und Hanna gibt ein Volkslied aus ihrem Land zum Besten. Das „Vilja“-Lied erzählt von einem Waldmädchen und der unerwiderten Liebe eines Jägers zu ihm:

Vilja! O Vilja!
Du Waldmägdelein!
Fass mich und lass mich
Dein Trautliebster sein!

Zum Bedauern von Baron Mirko Zeta geht das Gerücht um, Hanna Glawari wolle Camille de Rosillon heiraten. Ein Vertrauter aber gibt Entwarnung: Camille liebe eine verheiratete Frau. 

Aber um welche könnte es sich handeln? Wem gilt die Liebesbotschaft auf dem Fächer?

Erst als der Baron Camille beim Rendezvous in einem Pavillon beobachtet, wird ihm klar, dass Valencienne – seine eigne Frau! – die Geliebte des Franzosen ist.

Dann aber zweifelt er doch wieder an dem, was er da beobachtet hat. Denn kurze Zeit später tritt de Rosillon nicht mit Valencienne, sondern mit Hanna Glawari an seiner Seite aus dem Pavillon.

Und das hat einen guten Grund: Mit ihrem gespielten Interesse an Camille will Hanna Danilo zur Eifersucht provozieren. Denn sie liebt ihn und will seine zur Schau getragene Gleichgültigkeit endlich durchbrechen.

Das gelingt ihr, indem sie ihre Verlobung mit Camille bekannt gibt. Als Danilo Hanna an de Rosillon verloren glaubt, bedauert er zutiefst, ihr seine Liebe nicht gestanden zu haben. Und er kehrt dorthin zurück, wo er sich akzeptiert und zu Hause fühlt: zu Maxim’s.

3. Akt: Hannas Palais in Paris

Hanna Glawari hat in ihrem Palais eine Überraschung für Danilo vorbereitet: Sie ließ eine Imitation des Maxim errichten, hat Grisetten und Freunde eingeladen und erfreut sich an Danilos Staunen, der mit verbundenen Augen hereingeführt wird und verblüfft die vertraute Umgebung vorfindet – inklusive Valencienne, der Frau des pontevedrinischen Gesandten, die sich unter die Tänzerinnen gemischt hat.

Danilo ist immer noch der Meinung, Hanna wolle Camille heiraten, doch bei einem Tanz vertraut sie sich ihm an: Sie sei an de Rosillon nicht wirklich interessiert. Im Pavillon habe sie lediglich den Platz einer anderen eingenommen – einer verheirateten Frau, für die es ungünstig gewesen wäre, mit Camille gesehen zu werden.

Bleibt der Druck des Geldes: Danilo will sich nicht im Verdacht sehen, Hanna ihres Reichtums wegen zu heiraten, und schon gar nicht, um durch eine solche Ehe seinem finanzschwachen Vaterland einen Dienst zu erweisen. 

Erst als Hanna ihm versichert, sie würde durch eine neuerliche Heirat sowieso ihr Vermögen verlieren, kann der Graf seinen Stolz überwinden und ihr ohne weitere Worte des Zweifels seine Liebe erklären:

Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen:

Hab mich lieb!

Bald danach verkündet Hanna der Gesellschaft höchst offiziell, dass sie Danilo heiraten werde – und beendet auch alle Spekulationen um ihr Vermögen: Sie würde es nur dann verlieren, wenn es durch die Heirat in den Besitz des Ehemanns übergeht …

Baron Mirko Zeta erkennt indes, dass es tatsächlich seine Frau war, mit der Camille ein Techtelmechtel hatte und der das Liebesgeständnis auf dem Fächer gegolten hatten. Doch Valencienne hat de Rosillon inzwischen eine eindeutige Antwort gegeben, um seinen weiteren Versuchen, ihr Avancen zu machen, einen Riegel vorzuschieben. Sie hat sie auf die andere Seite des Fächers geschrieben. Und Baron Zeta liest sie der neugierig beobachtenden Gesellschaft nun laut vor: „Ich bin eine anständ’ge Frau“.

Alles bestens also in Hannas Palais, auch wenn sich die anwesenden Männer eingestehen müssen, dass es nicht immer ganz einfach ist zu verstehen, wie Frauen ticken. 

Oder, zeitgemäßer formuliert: „Das Studium der Weiber ist schwer …“

Hinweise:
Titelbild: Eine Produktion der Kultur Betriebe Burgenland, August 2021
Zitate aus dem Libretto