24. Mai 2022

Nichts für wahr und alles für möglich halten

„Die Menschen haben alles für möglich und nichts für wahr gehalten. In einer solchen Situation hat man dann absolut freie Wahl und kann sich auch entscheiden, den abstrusesten Blödsinn zu glauben.“ Mit diesen Worten beschrieb die österreichische Psychiaterin und Autorin Adelheid Kastner kürzlich in einem Interview (1) zu ihrem Buch „Dummheit“ (2) eine in unserer Gesellschaft offenbar schon lange verbreitete Haltung. Ist es diese Grundhaltung, die mit der Covid-Pandemie in Gestalt der sogenannten Querdenker und Informationsverweigerer aus ihrem Schattendasein getreten ist und zu Rissen in der Gesellschaft geführt hat?

Alles für möglich und nichts für wahr halten: So hatte Hannah Arendt (1906–1975), eine bedeutende Philosophin des 20. Jahrhunderts, die Stimmung im Nationalsozialismus beschrieben, die letztlich die unmenschlichsten Gräueltaten begünstigt hat.

Ist es vermessen, genau diese Haltung Menschen zu unterstellen, die heute an Verschwörungen oder „alternative Fakten“ glauben und Demagogen auf den Leim gehen, die davon leben, schlichtweg frei Erfundenes als die eigentliche, verschwiegene „Wahrheit“ zu verkaufen?

Jedenfalls neigen nach wie vor viele dazu, alles für möglich zu halten – ob es um eine große Konspiration aller Mächtigen und Medien geht oder um die angeblich flache Erde –, und gleichzeitig ist es solchen Menschen offenbar nicht möglich, Zugang zu dem zu finden, was gemeinhin als wahr akzeptiert wird. 

Ihre „gefühlte Wahrheit“ mäandert zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen, dem Gewünschten und dem Gefürchteten, dem Erlebten und dem Erdachten – vor allem aber ist sie meist bestimmt von einer tiefen Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, vom Eindruck des Gelenkt-und-gesteuert-Werdens, eines Zu-kurz-Kommens.

Adelheid Kastner stellte in dem Interview fest, dass die Wissenschaft einfach nicht imstande sei, „die Menschen von ihren gefühlten Wahrheiten abzubringen“. 

In solchen Aussagen klingt allerdings eine problematische Polarisierung mit: Hier die Wissenschaft, die über die objektive Wahrheit informiert – und dort, in Opposition zu den Fakten, die haltlosen Ansichten der „Wissensverweigerer“. 

Aber so einfach ist die Sache nicht.

Die „gefühlte Wahrheit“

Klar, wenn durch unsinnige Falschinformationen, wie sie beispielsweise in der jüngeren Vergangenheit zur Covid-Pandemie verbreitet wurden, Menschen leiden und sterben oder das Thema „Impfung“ unnötig hoch gehängt und das Miteinander in Familien oder Freundschaften dadurch beeinträchtigt oder zerstört wird, dann sind das schlimme Auswüchse. Die oft kolportierte Ansicht, es sollten sich doch einfach alle an den „objektiven wissenschaftlichen Fakten“ orientieren, erscheint nahe liegend. 

Doch wird dabei übersehen, dass in Wirklichkeit jeder Mensch in seiner ganz persönlichen „gefühlten Wahrheit“ lebt, die ihm einen mehr oder weniger guten inneren Halt bietet – ob er nun der Wissenschaft vertraut oder nicht, ob er gläubig oder spirituell orientiert ist oder nicht.

Niemand kann die Welt und das Geschehen in ihr objektiv überschauen. Keiner hat „die Wahrheit“ für sich gepachtet. Jeder hat seinen persönlichen Blickwinkel, seine Neigungen, seinen Erfahrungsschatz, seinen Erkenntnishorizont.

Klar: Die Wissenschaften sind um Objektivität bemüht. Sie streben die Erkenntnis des großen Ganzen an, die Überwindung des Subjektiven, und es gibt auch keinen vernünftigen Grund dafür, den wissenschaftlichen Erkenntnisweg abzulehnen. 

Doch eine entscheidende Frage lautet: Ist die Welt in ihrem Wesen überhaupt objektiv? 

Fest steht: Was immer wir erleben, erkennen, erahnen oder auch in Gesprächen, Büchern, Theorien beschreiben und vermitteln, was immer wir also aufnehmen und weitergeben: es ist und bleibt von Bewusstsein abhängig – und hat damit immer eine subjektive Färbung. 

Ohne persönliches Bewusstsein gäbe es kein Erleben, Erkennen, Beschreiben oder Vermitteln. Insofern gibt es im Grunde überhaupt nur subjektiv gefühlte Wahrheiten – ob sie nun wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden sind oder nicht.

Dieser Gedanke hat durchaus nicht nur theoretischen Wert. Denn wenn die bewusste Erlebnisfähigkeit einerseits zum Wesen des Menschen gehört, andererseits aber im wissenschaftlich geprägte Welt- und Menschenbild das Subjektive, Einmalige, Bewusste praktisch keine Rolle spielt, dann entsteht zwangsläufig eine Kluft, die unangenehm oder bedrohlich wirken kann.

Von daher wäre es angebracht, „gefühlte Wahrheiten“ zu würdigen und sie nicht als Verirrung abzustempeln.

Die Grenzen der Bildung

Damit steht allerdings die Frage im Raum, wie es gelingen könnte, die Qualität der persönlichen Gefühle und Empfindungen zu heben. Was also einen Menschen zur Überwindung der Grundeinstellung, nichts für wahr, aber alles für möglich zu halten, anregen könnte (wodurch er auch nicht mehr so leicht zum Opfer von Demagogen würde).

Eine nahe liegende Antwort lautet natürlich: Bildung. Denn diese hat zwei Effekte. Erstens fördert das Begreifen von Zusammenhängen die persönliche Unabhängigkeit. Wer etwas begriffen hat, muss nicht mehr irgend etwas glauben. Wissen befreit von der bedrohlichen Last vager Mutmaßungen. Und zweitens verankert Bildung den Menschen im Regelfall besser im gesellschaftlichen Leben. Idealerweise findet er zur Gewissheit, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das (nicht nur) für viele Verschwörungstheoretiker typische Ohnmachtsgefühl, eine Marionette im Spiel höherer Mächte zu sein, kommt dann wohl gar nicht erst auf.

Doch das Konzept „Bildung“ hat Grenzen. Denn zweifellos ist etwas dran an der Kritik, in unseren Bildungseinrichtungen ginge es primär um die Förderung des gesellschaftlichen Systems, während die Potentiale des Menschen auf der Strecke blieben.

Zudem sind die meisten Bildungskonzepte auf die materielle Welt fokussiert. Sie mögen für eine bessere Orientierung im wissenschaftlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Leben sorgen, aber wie steht es um die spirituelle Ebene, die ja in der westlichen Welt für einen großen Teil der Bevölkerung (3) ein wichtiges Thema ist.

Die Suche nach spiritueller Orientierung

Viele Menschen geben sich nicht damit zufrieden, sich selbst nur durch ihre Rolle in der Gesellschaft zu definieren. Sie suchen nach tieferen Dimensionen des Ichs, jenseits des Körperlichen. Die Unvergänglichkeit von Geist und Seele gilt dabei oft als eine Selbstverständlichkeit. Anders gesagt: Ihr Weltbild – und damit auch ihre „gefühlte Wahrheit“ – umfasst eine spirituelle Dimension. 

Diese Haltung führt nicht selten zu einer Skepsis gegenüber der durchweg materialistisch orientierten Wissenschaft und auch gegenüber einseitig auf die äußere Welt ausgerichtete Bildungskonzepte.

Gleichzeitig aber scheinen verlässliche spirituelle Orientierungshilfen zu fehlen. Während religiöse Dogmen und erstarrte konfessionelle Traditionen kritisch hinterfragt und vielfach abgelehnt werden, erscheinen freiere spirituelle Lehren im Vergleich oft als widersprüchlich und beliebig. Ja, die Beliebigkeit und Unverbindlichkeit, die Freiheit von allem Verpflichtenden scheint für manche Menschen sogar zur Essenz ihrer Spiritualität zu gehören.

Alles für möglich und nichts für wahr halten: Vermutlich nirgendwo sonst wird diese Haltung mit solcher Selbstverständlichkeit gepflegt wie unter idealistisch-spirituell gesinnten Menschen. 

Die Welt ist groß. Wir wissen nichts. Alles ist denkbar.

Dagegen lässt sich schwer argumentieren; schon gar nicht auf der Grundlage einer materialistisch-naturalistischen Weltanschauung.

Innere Bildungsarbeit

Dennoch steht die Frage im Raum, ob es für die spirituellen Dimensionen etwas den Naturgesetzen Vergleichbares gibt, die das Werden und Vergehen in der physischen Welt bestimmen? Prinzipien also, die der seelisch-geistigen Innenwelt als Richtschnur dienen können?

Ich bin zuversichtlich, dass es sie gibt – und gleichzeitig skeptisch gegenüber allen konkreten Beschreibungsversuchen. Denn Prinzipien für die lebendige seelisch-geistige Innenwelt, die sich nicht an Sprache, sondern an Begriffen und Empfindungen orientiert, sind naturgemäß schwer in Worte zu fassen.

Weil aber das Erleben von Folgerichtigkeit, die Empfindung, eine Erkenntnis gewonnen zu haben, diese durch und durch geistigen Erfahrungen, etwas zutiefst Befriedigendes und Erhebendes sind, bin ich davon überzeugt, dass das Prinzip der Logik, des vernünftigen Schlussfolgerns, auch für die Innenwelt eine wertvolle Orientierungshilfe ist.

Wenn Jesus leiblich in den Himmel aufgefahren ist – weshalb ist er dann nicht auf gleichem Weg gekommen?

Und wenn Christus gekommen ist, um für uns zu sterben, weshalb hat er in seinen Predigten nicht darüber gesprochen?

Wenn die Reinkarnation einem Lernprozess dient und Lernen auf bewusster Erfahrung aufbaut, weshalb sind dem Menschen seine früheren Leben nicht bewusst?

Wäre ein Gott, der auf Gebete reagiert, nicht ein käuflicher Diener des Menschen?

Und so weiter.

Egal, in welcher religiösen, spirituellen oder weltanschaulichen Richtung sich jemand beheimatet fühlt: Ich empfehle, Lehren und Konzepte immer wieder kritisch zu hinterfragen – und dabei der Logik zu vertrauen. Also auch die Narrative innerhalb der eigenen (religiösen) Wohlfühlzone in Frage zu stellen, sobald sie nicht mehr überzeugend und klar genug erscheinen. Und gleichzeitig eine gesunde Skepsis zu pflegen, etwa gegenüber Lehren, die das Unklare zum Dogma erheben, die „unbegreifbaren Wege“ oder „unerforschlichen Ratschlüsse Gottes“ beispielsweise.

Folgerichtigkeit im Denken birgt Wahrheit und führt zu mehr Klarheit. Die Begriffe Wahrheit und Klarheit ergänzen einander in einer Empfindung. 

Und genau dieser innere Kompass, die Empfindung, meldet sich nach meiner Erfahrung, wenn das Leben zu Änderung und weiterer Entwicklung drängt. Manchmal nur leise, manchmal deutlicher, vielleicht sogar begleitet von seelischen Krisen.

Es ist eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe, aus sich heraus für das Seelisch-Geistige eine Orientierung zu finden. Sie stellt sich jedem Menschen jeden Tag neu, fordert seine Stärken, konfrontiert ihn mit seinen Schwächen. Aber eine solche innere Bildungsarbeit belohnt auch spürbar – mit persönlicher Freiheit und der Gewissheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Es mag schwer sein, fördernde Grundprinzipien für die seelisch-geistige Innenwelt unmissverständlich in Worte zu fassen. Aber ein einfaches Wort gibt es doch. Es beschreibt die stärkste Kraft für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Grundrichtung jeder echten religiös-spirituellen Gesinnung und vermutlich auch die Essenz des gesamten Seins, das Wahre und wirklich Mögliche:

Liebe.

 

Anmerkungen:
1 „Falter“ 49/21, Feuilleton, Seite 26
2 Heidi Kastner: Dummheit, Kremayr & Scheriau, Wien 2021
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/274794/umfrage/spiritualitaetsskala/