17. Oktober 2021

Tiefschlag in die Wohlfühlzone

Im 25. Leinwand-Abenteuer „Keine Zeit zu sterben“ lässt Regisseur Cary Fukunaga James Bond am Ende … doch sterben.

Seit 1962 rettet James Bond 007, Geheimagent im Dienste Ihrer Majestät, die Welt vor dem Bösen. Dabei machte die Romanfigur des britischen Schriftstellers Ian Fleming (1908–1964) in den insgesamt 25 „offiziellen“ Kinofilmen der Produktionsgesellschaft „EON Productions“ (es gibt daneben noch einige andere Verfilmungen) eine Art Ätherisierungsprozess durch. Sie entwickelte sich vom konkreten Charakter zu einer zunehmend vagen Idee.

Ursprünglich, in den 1960-ern, untrennbar mit dem großen schottischen Schauspieler Sean Connery (1930–2020) verknüpft, zeigte sich in den nachfolgenden Jahrzehnten, dass James Bond weder durch ein bestimmtes Aussehen noch durch ein eindeutige Verhaltensmuster definiert werden kann. Die Figur erwies sich als unsterbliche Seele, die problemlos in verschiedene Körper (George Lazenby, Timothy Dalton oder Pierce Brosnan) inkarnieren und dabei auch immer wieder mal andere Qualitäten zeigen kann. Etwa den augenzwinkernd-humorvollen Seelenanteil bei Roger Moore in den 1980-er Jahren (1927–2017) oder im 21. Jahrhundert einen bodenständig-verletzlichen bei Daniel Craig. Je nachdem, was das zeitgeistige Umfeld gerade erforderte, erwies sich James Bond fast so chamäleonartig wie Woody Allens „Zelig“. Indes reflektierte er aktuelle gesellschaftliche Stimmungen ebenso wie das sich verändernde Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Dabei konnte der geneigte 007-Beobachter bislang von einer „seelischen Kontinuität“ ausgehen. Wenn 007 in der Pierce-Brosnan-Inkarnation von seiner Chefin „M“ (Judi Dench) beispielsweise als „frauenfeindlicher Dinosaurier, ein Relikt des Kalten Krieges“ bezeichnet wurde, dann bezog sich das zwar auf seine Umtriebigkeit in den 1960-er Jahren, aber sie sprach doch den gleichen James an. Er trug nur einen anderen Körper. 

Im 25. Leinwandabenteuer jenes nicht wirklich geheimnisvollen Geheimagenten, dessen Namen, Trink- und Spielgewohnheiten die ganze Welt kennt, stoppte der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Cary Joji Fukunaga das Rad der Wiedergeburt. James Bond stirbt – einen Heldentod zwar, der noch einmal die Menschheit rettet, aber er stirbt. Und hinterlässt eine Frau (Léa Seydoux) und eine Tochter.

Der einfache Action-Film-Liebhaber, der den nimmermüden, unabhängigen Helden seiner Kindheit einmal mehr in einer gewaltigen Explosion über das Böse triumphieren sehen will, muss das Finale von „Keine Zeit zu sterben“ als Tiefschlag in die Wohlfühlzone erleben. Just in einer Zeit, die geprägt ist von einer grundlegenden gesellschaftlichen Kränkung, in der viele Menschen den Fortbestand der altgewohnten, aber doch nicht mehr haltbaren Normalität erzwingen wollen, verabschiedet sich zu schlechter Letzt auch noch die vertraute James-Bond-Seele …

Weniger emotional mitgenommen von diesem Ende werden Filmkunst-Freunde sein, die die Bond-Streifen traditionell vor allem von einer Metaebene aus betrachten und sich an den hier zelebrierten Künsten erfreuen: Set-Architektur, Kostüme, Licht, Musik, real ausgeführte Stunts … in praktisch allen Bereichen des Filmemachens setzten Bond-Produktionen seit Jahrzehnten die Standards. Ein Team von hunderten Mitarbeitern darf sich unter bedeutenden Regisseuren wie Sam Mendes, Marc Foster oder eben Cary Fukunaga kreativ austoben. Und die Produzenten (Barbara Broccoli und Michael Wilson) vermitteln den Eindruck, dass es ihnen tatsächlich primär darum geht, eben das zu fördern – und weniger um einen programmierten finanziellen Erfolg.

Und doch scheint der dramaturgische Rahmen, in dem sich James Bond traditionell zu bewegen hat, die kreative Entfaltung auch erheblich zu behindern. Jedenfalls waren seit der gelungenen Verfilmung von Flemings Roman „Casino Royale“ (2006) keine wirklich zündenden neuen Handlungsideen mehr zu erleben. Im Wesentlichen brachten die Drehbuchautoren (voran das Team Neil Purvis & Robert Wade) lediglich immer noch größere (und unglaubwürdigere) Verbrecherorganisationen ins Spiel: Als Drahtzieher hinter den Problemen, mit denen Bond in „Casino Royale“ zu tun hatte, wurde die weltumspannende Mafia-Gesellschaft „Quantum“ vorgestellt („Ein Quantum Trost“, 2008). Die wiederum entpuppte sich als Teil von „SPECTRE“ (2015). Und diese von Blofeld (Christoph Waltz) geleitete Organisation wird in „Keine Zeit zu sterben“ von einem rachegetriebenen, sich gottgleich fühlenden Bösewicht namens Lyutsifer Safin (Rami Malek) ausgelöscht.

Dieser monotone Handlungs-Hintergrund der letzten fünf inhaltlich zusammenhängenden James-Bond-Filme konnte durch Meisterleistungen in der Filmregie und durch die gelungene Entwicklung von Neben-Charakteren (zuletzt mit Hilfe der Drehbuchautorin Phoebe Waller-Bridge) recht gut kaschiert werden. 

Echtes kreatives Entwicklungspotential erblickten die Produzenten aber wohl nur noch im Charakter des Titelhelden. Und so mutierte Bond vom Womanizer und kalten Krieger mit der Lizenz zum Töten zum gebrochenen Liebhaber. Daniel Craig schaffte das schauspielerische Bravourstück, diesen Wandel unter der Last des traditionellen 007-Images zu vermitteln – freilich ohne dabei auf dem Terrain des wirklich emotional bewegenden Beziehungsdramas glaubhaft Fuß fassen zu können (was allerdings für einen Charakter, der es bekanntlich „geschüttelt, nicht gerührt“ mag, also die Action der Romanze vorzieht, sowieso zu viel des Guten wäre).

Wie auch immer: Mit der „Ära Craig“ scheinen die Grenzen der charakterlichen Entwicklung von Ian Flemings Romanfigur ausgereizt. 

In seinem 25. Einsatz stirbt James Bond. Allerdings ist im Nachspann zum Film „Keine Zeit zu sterben“ die in dem Franchise übliche Zeile „James Bond wird zurückkehren“ trotzdem zu lesen.

Was wird die also bereits geplante nächste Inkarnation mit sich bringen?

Wird beim britischen Geheimdienst einfach jemand seinen Dienst antreten, der zufällig auch wieder James Bond heißt? Gab es nicht schon einmal einen zweiten Mann mit gleichem Namen? Warum sonst hätte George Lazenby, der 1969 im Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ die Nachfolge von Sean Connery antrat, anmerken sollen: „Das wäre dem anderen nie passiert!“, nachdem ihm im Film-Vorspann eine soeben gerettete Frau wieder abhanden gekommen war?

Oder wird sich James Bonds Tod als die erfundene Geschichte einer verhärmten Psychologin herausstellen? Immerhin endet „Keine Zeit zu sterben“ mit einer Erzähl-Szene, die umschwer in dieser Art fortgesponnen werden könnte.

Wie auch immer es aussehen wird: Die größte kreative Herausforderung für ein 007-Update dürften wirklich gute, tragfähige Geschichten sein, in denen sich alte Qualitäten neu entfalten können.

Eine kontinuierliche Fortführung der Filmreihe wird dabei letztlich gar nicht wichtig sein. Denn Inkarnationen der Idee namens Bond, James Bond folgten immer ihrer eigenen „Logik“. Der zufolge würde es beispielsweise genügen, wenn der neue 007 auf den Zuruf der guten alten Moneypenny: „Ich fürchtete schon, Sie seien gestorben!“ mit einem klassischen One-Liner antwortet: „So was könnte doch wirklich nur einem anderen passieren!“ Oder, in Anlehnung an „Skyfall“: „Sie wissen ja, mein Hobby ist die Auferstehung“.

Zudem gehört der Tod einer fiktiven Figur für das computerspielaffine Publikum des 21. Jahrhunderts sowieso zum Alltag: Wer bei einer Mission ein Leben verliert, kann trotzdem wieder von vorn beginnen. 

Aus der Perspektive einer Metaebene ist der Tod keine grundlegende Zäsur. Liegt darin vielleicht auch ein Gleichnis für das wirkliche Leben?

(2020, 163 Minuten)