11. August 2020

Bedingungslose Liebe – eine Provokation?

Bieten Nahtoderfahrungen, wie sie seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt dokumentiert werden, Einblicke in das Leben nach dem Tod? Viele Menschen, die sich näher mit dem Thema befassen, sind davon überzeugt. Sie halten die Schilderungen Nahtoderfahrener in der Frage, wie das Weiterleben in einer jenseitigen Welt aussehen könnte, für bedeutender und glaubwürdiger als konfessionelle Überlieferungen. Tatsächlich bestätigen solche persönlichen Erlebnisse an der Schwelle zum Tod in mancher Hinsicht religiöse Lehren und Traditionen. Doch eine zentrale Aussage, in der sich die meisten Menschen mit Nahtoderfahrungen einig sind, empfinden Gläubige manchmal als Provokation: die Vorstellung von einer bedingungslosen Liebe. Widerspricht so etwas nicht der Gerechtigkeit Gottes?

Nahtoderfahrene berichten durchweg von einer bedingungslosen Liebe, in der sie sich aufgehoben und angenommen fühlten – so, wie sie als Mensch sind … jedweder Beurteilung und Wertung enthoben … einfach sinnvoll zum großen Ganzen gehörend … eins mit dem Licht, als das diese bedingungslose Liebe erscheint.

Die Aussicht auf ein solches Jenseits, in das Nahtoderfahrene vielleicht kurz hinein spüren durften, wirkt für viele tröstend und stärkt ihr spirituelles Urvertrauen, die Überzeugung, dass die Schöpfung sinnvoll und geborgen in der Liebe Gottes ist. 

Doch manche, vor allem konfessionell gebundene Gläubige, berührt die Vorstellung einer bedingungslosen Gottesliebe unangenehm.

Wenn es eine solche alles umfassende, nicht wertende Liebe gibt, würde das nicht allen Offenbarungen über Himmel und Hölle widersprechen? 

Und vor allem: Gäbe es damit nicht einen Freibrief für jeden Menschen, im Leben tun und lassen zu können, was immer er will? Auch wenn jemand seine Mitmenschen in rücksichtslosem Vorteilsstreben ausnützt und schädigt, hätte er ja keine Konsequenzen zu fürchten … Selbst die machtgierigsten Tyrannen und Kriegstreiber der Geschichte wären nach ihrem Ableben im gleichen Licht geborgen wie deren Opfer!

Heißt es nicht schon in der Bibel: Was der Mensch sät, wird – oder muss – er ernten?

Widerspricht die Vorstellung einer bedingungslosen Liebe also nicht ganz klar der Gerechtigkeit Gottes?

Müssten wahre Liebe und Gerechtigkeit nicht im Einklang stehen? Und wenn ja, müsste sich göttliche Liebe dann nicht eher durch Strenge auszeichnen als durch eine alle Unterschiede nivellierende Bedingungslosigkeit? –

Die hier aneinandergereihten Fragen und Gedanken zeigen das eigentliche Problem: Während Nahtoderfahrene oft nach Worten ringen, um ihr im Grunde unbeschreibliches Erleben sprachlich doch irgendwie vermitteln zu können, gehen Nicht-Nahtoderfahrene zwangsläufig den umgekehrten Weg. Sie versuchen, einen Begriff – wie in diesem Fall den der bedingungslosen Liebe –, mit dem sie kein eigenes Erleben verbinden können, in ihren eigenen Erkenntnisrahmen zu integrieren. Und wenn ein persönliches Weltbild stark strukturierte Jenseits-Vorstellungen umfasst, können solche Integrationsversuche schnell einmal in Widersprüchlichkeiten enden.

Eine Lösung auf Knopfdruck gibt es wohl nicht für dieses Problem. Aber wie immer, wenn es im Grunde um sprachliche Hürden geht, kann es für ein Gespräch hilfreich sein, eigene Vorstellungen, die sich um einen bestimmten Begriff gebildet haben, zunächst einmal hintanzustellen, um besser nachempfinden zu können, welches Erleben und Erkennen der Andere mit diesem Begriff zum Ausdruck bringt. 

In unserem konkreten Fall würde der Ball auf der Seite derer liegen, die auf kein eigenes Todesnähe-Erlebnis zurückblicken können, denn von Nahtoderfahrenen kann als Beitrag zum kommunikativen Austausch eigentlich nicht mehr erwartet werden als der redliche Versuch, ein Erleben, für das unsere Sprache keine Worte kennt, doch möglichst verständlich zum Ausdruck zu bringen.

Um also dieses umfassende, außergewöhnliche Erleben, das als bedingungslose Liebe beschrieben wird, besser in seiner Gesamtheit zu begreifen, kann es hilfreich sein, die Fokussierung auf diesen einen Begriff aufzugeben und weitere für Todesnähe-Erlebnisse typische Gegebenheiten in die Betrachtung miteinzubeziehen. 

Zum Beispiel berichten Nahtoderfahrene …

… dass sie im Rahmen ihrer Lebensrückschau auch die Geschichten und Motivationen anderer Personen mitempfinden konnten, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben, selbst die von Übeltätern – und dass durch dieses Nachempfinden Vergebung möglich wurde …

… dass die überwältigende Erfahrung, dass alles mit allem verbunden ist, auch das Verantwortungsbewusstsein nachhaltig gesteigert hat …

… dass sie ihr eigenes bisheriges Leben im Hinblick auf seine Sinnhaftigkeit kritisch beurteilten, so dass eine Änderung der Wertigkeiten, vielleicht sogar der Lebensführung, unausweichlich wurde …

Vor allem in der christlich orientierten westlichen Welt sind religiöse Traditionen auch heute noch mit der zentralen Vorstellung verbunden, dass der Tod eine Zäsur sei. Mit dem Ableben werde auch abgerechnet. Die Gläubigen dürfen demnach mit einem seligen Leben im Reich Gottes rechnen, während die Ungläubigen in die Hölle oder das Fegefeuer gestoßen werden. In dieser Scheidung und der Hoffnung, im Jenseits einen Ausgleich für erlittenes Unrecht zu erfahren, wird die Gerechtigkeit Gottes vermutet.

Um für den „Tag des Gerichts“ gut vorbereitet zu sein, müsse der Mensch deshalb ein Leben im Sinne Gottes führen, seine Gebote einhalten und auch die Regeln zur Lebensführung beachten, die von den Führern der jeweiligen Glaubensgemeinschaft gepflegt oder vorausgesetzt werden.

Dagegen haben religiöse Dogmen und strenge, von Lehren und Traditionen vermittelte Richtlinien zur Lebensführung für Nahtoderfahrene im Allgemeinen keine große Bedeutung. Für sie steht die eigene Verantwortung für das Leben im Vordergrund, die Gewissheit, dass das Leben zum Sammeln von Erfahrungen einlädt – unabhängig von den gängigen Normen, die „gut“ von „böse“ unterscheiden. 

Aber sie haben eben auch erkannt, dass jeder Gedanke, jede Entscheidung, jede Handlung in der Vernetzung alles Bestehenden Auswirkungen hat – wirklich, nicht nur theoretisch – und dass zum Geschenk des Lebens auch die Eigenverantwortung gehört.

Und, vielleicht sogar vor allem, dass Licht- und Lebensnähe immer wertschätzend, motivierend, fördernd wirkt.

Das sind Qualitäten, die ebenfalls zum Erleben der bedingungslosen Liebe gehören. So betrachtet, hat dieser Begriff weder etwas mit einem Freibrief für ein zügelloses Leben zu tun, noch mit Ungerechtigkeit – und vielleicht nicht einmal etwas mit Gott. Denn „Gott“ und „göttlich“ sind weitere, für eine verständnisvolle Kommunikation besonders „gefährliche“ Begriffe, da die einen damit spezielle persönliche Erlebnisse verbinden, während die anderen bestimmte konfessionelle Kategorien damit ansprechen; Begriffe, die also zunächst geklärt werden müssten, damit keine weitere sprachliche Hürde das gegenseitige Verständnis vermauert.

Die „bedingungslose Liebe“, von der Nahtoderfahrene berichten, kann eigentlich nur provokativ wirken, wenn jemand daran gewöhnt ist, seine eigene weltanschauliche Gesinnung reflexartig gegen Störeinflüsse zu verteidigen.

Wenn kirchliche oder sektiererische Machtgelüste und Bevormundungen, engstirnige Kleingläubigkeit, Fanatismus und Fundamentalismus einmal außen vor bleiben, so liegt der tiefere Sinn von Religion doch in der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenlebens – und, gleichzeitig, in der spirituellen Förderung des Einzelnen auf seinem Weg zu einem freien, von Liebe getragenen Leben.

Nahtoderlebnisse bewirken genau das Gleiche – aber als unmittelbarer Anstoß, ohne Vorschriften, Dogmen, Kulte, Traditionen oder Regelwerke. Die Liebe wird dabei, weil sie zum Wesen des Lebens gehört, wie selbstverständlich zum Maßstab und Wegweiser. Bedingungslos.