24. Januar 2021

Ein Geschenk vom Nicolaus

Seit kurzem bin ich nicht nur Verleger, sondern auch stolzer Besitzer einer Sonderausgabe des Buches „Altes Leben in der Lipizzanerheimat“. Autor Ernst Lasnik überreichte mir dazu eine signierte Arbeit von Nicolaus Trnka-Strasnitzky: „Lipizzanertraum“.

Mit dem Grafiker, Bildhauer, Bühnenbildner, Schauspieler und selbsternannten „Imperten“ („Als Imperte muss ich nichts wirklich können, was Experten ja müssen, und ich kann als Imperte impertinent sein.“) verbindet mich eine langjährige Zusammenarbeit. Sie begann mit einer Ausstellung, die ich 1993 als Marketingleiter für die „Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft“ organisiert habe, führte über mehrere lokale Filmproduktionen (unter anderem trat Nicolaus Trnka in mehreren Rollen in der Doku-Serie „Sagenhafte Steiermark“ [Regie: Wolfgang Scherz] auf, für die ich als Texter tätig war) und endete bei zwei Büchern, die ich für den weststeirischen Historiker Ernst Lasnik in meinem Verlag herausgegeben habe.

2004 erschien mit „Glück auf! Glück ab!“ ein viel beachtetes Buch zur weststeirischen Bergbaugeschichte, der „Ära des braunen Goldes“. Ich ergänzte die wissenschaftliche Arbeit von Ernst Lasnik durch zehn Bergbau-Anekdoten, die Nicolaus Trnka illustrierte. Sie sind unter dem Titel „Kohle macht blind“ nachzulesen.

2020 folgte das „Alte Leben in der Lipizzanerheimat“ – ein großartiger Erfolg übrigens; nach wenigen Wochen sind bereits zwei Drittel der Erstauflage des Buches verkauft!

Ich darf nun also träumen und – siehe Grafik – auf einem ursteirischen Lipizzaner über die weststeirischen Almen galoppieren. Wobei mir ein Text in Erinnerung kam, der im Jänner 1993 im GKB-Magazin „format“ veröffentlicht wurde, das ich viele Jahre lang als Chefredakteur betreut habe. Hier die sanft aktualisierte Neufassung dieser Trnka-Kurzbiographie.

Von der Einbürgerung eines weststeirischen Zwergs

Auf seiner Visitenkarte steht dort, wo man die unvermeidliche Berufsbezeichnung erwartet: Imperte.

Nicolaus Trnka, Jahrgang 1947, geborener Krebs, gebürtiger Wiener, gewordener Köflacher, erklärt das so: „Erstens muss ich als Experte nichts wirklich können, was Experten ja müssen. Und zweitens kann ich als Experte impertinent sein.“

Und so lebt es sich ganz gut. Ein bissl Bosnigl, ein bissl Bösewicht, a bisserl weana Gmüatlichkeit, ein Hauch von Underground und ein wenig künstlerische Noblesse. Alles gut versteckt hinter einem wuchernden Bart, der sich von Ohr zu Ohr und von Nasenspitze bis irgendwohin weit unters Kinn erstreckt.

Und viel dürfte ihm nicht fehlen, dann hätte er jene zwei Meter Körpergröße erreicht, ab der jemand gemeinhin als Riese gilt. Wobei: Alles ist ja relativ. Relativ zu seinem Vater, einem „ein Meter einhundertacht“ großen Donaudampschifffahrtsgesellschaftskapitän, einem Bären von Mann, ist der Nicolaus ein Zwergerl. Ein Clauserl, das nie die wahre Größe erreichte. Und noch dazu auch nicht Kapitän wurde, wie der es von ihm wollte, weil ein Kapitän, das ist ja wer. Sondern Künstler. Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Schauspieler, Autor, Kabarettist, Journalist, Werbetexter, innenarchitekt, Bildhauer und noch manches. Imperte eben.

Zum Beispiel sind Imperten bei Film und Fernsehen gefragt. Seine Ehe mit der Schauspielerin Elisabeth Steinberger, damals in den sechziger Jahren, verflocht Nicolaus Trnka mit den Taten und Untaten der Wiener „AURI Film“. Zu deren und Taten zählen Streifen wie das in Piber gedrehte Heimatepos „Der Pfarrer von Sankt Kathrein“, in dem, so die Impertenmeinung, „schlimmste, gänsehauterzeugende Klischees“ verbraten wurden.

Später folgten Arbeiten fürs Fernsehen. Gerhard Bronner war da zum Beispiel, der große Österreichische Kabarettist und Steuerflüchtling, mit seinem „Zeitventil“ und der „großen Glocke“, für den Nicolaus Trnka nicht nur das Bühnenbild schuf und textete, sondern sich, wenn’s sein sollte, auch als Schauspieler gab – dann immer, wenn man einen drohend aussehenden Bösen brauchte, einen Lackel mit dröhnender Stimme und schweigendem Gewissen. 

Im würdigen 68er Jahr wurde selbstverständlich mit marschiert, „da hast müssen politisch aktiv sein, und ich war ein großer linke Revoluzzer“.

Allein, das Leben ist so ernst ja nicht, und man kann sich politische Überzeugungen auch ausmarschieren. Kurz darauf, als Alois Mocks Zeit als Unterrichtsminister begann, gestaltete Nicolaus Trnka für dessen Ministerium die Lehrerwerbung.

Irgendwann endete dann auch die Szene mit Elisabeth Steinberger. Im Drehbuch war sie als tragisch beschrieben, als tiefer Schnitt und Schlussstein, aber zugleich als hoffnungsfroher Neubeginn: „Ich hab mir gedacht, wenn du dich scheiden lässt, dann musst du auch die Stadt verlassen und der untergehenden Sonne entgegen gehen.“

Es folgten Wanderjahre. Holland. Irland. Es folgte 1970 die erste Grafikausstellung in Wien. Und prompt kaufte die Österreichische Nationalgalerie Trnkas erste Arbeit. 

Imperten werden auch in der Wirtschaft benötigt: Werbe-, Grafik- und  Designarbeiten für Philips, Innenarchitektur für Raiffeisen. Nicolaus Trnkas gestalterische Impulse prägten den protzigsten Monumentalbau gleichermaßen wie intimste Winkerl im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung. In Niederösterreich zum Beispiel steht Österreichs größter Innenraumbrunnen. 11 m lang 2,5 m hoch, designed by Nicolaus.

Die Inspirationen zu seinem künstlerischen Gesamtwerk kommen von überall her. Sie speisen sich aus der biederen Einfältigkeit der Menschheit ebenso wie beispielsweise aus der „unheimlich spannenden“ Quelle namens Bibel.

Bis 1982 hatte Nicolaus Trnka kann mit dem Leben diesseits des Semmerings so gut wie nichts zu tun gehabt. Da das ist wahre Künstlertum Österreich jedoch in der Weststeiermark beheimatet ist, es der Arbeit langsam zu viel wurde, und da zudem noch eine höchst interessante, gebürtige und eingefleischte Köflach als zweites Eheschicksal in sein Leben trat, gab sich der Mann einen Ruck und ging in Pension. 

„Drei Jahre lang habe ich nichts gearbeitet“, behauptet er,  „und mich nur der Steiermark hingegeben. Ein himmlisches Gefühl …“ – das so lange währte, bis die Szene nach und nach vom neuen Wohnsitz des Nicolaus erfuhr. 

Und so wurde das Leben des Imperten wieder betriebsamer. 1986 eröffnete er seinen „Köflacher Kunstkohlenkeller“, eine eigene Galerie, 1991 begannen „anständige Arbeiten“ für die Voitsberger Wirtschaftsoffensive. Er betreute die Ausstellung „Spuren der Vergangenheit“ im Bärnbacher Glaspalast, gestaltete mit Ernst Lasnik das „Schwarze Lexikon“, ein Buch über weststeirische Sagen, stand immer wieder als Schauspieler und Grafiker zur Verfügung – und macht bis heute, was ein pensionierter Imperte eben so tut: Das Leben genießen, zufrieden offenbar mit seiner Einbürgerung.