25. Februar 2024

Gericht oder nicht?

Öffnet die Sterbeforschung einen neuen Zugang zu einer alten religiösen Vorstellung?

Zu den zentralen Grundlagen (nicht nur) christlicher Konfessionen gehört die Lehre, dass nach dem Tod jeden Menschen das Gericht Gottes erwartet. Demnach darf in den Himmel, wer Gutes getan und im rechten Glauben gelebt hat; die anderen landen unsanft in der Hölle. Tod, Gericht, Himmel und Hölle werden in kirchlichen Kreisen „die vier letzten Dinge“ genannt. Doch die traditionellen Vorstellungen von einem „persönlichen Gericht Gottes“, dem jeder Einzelne beim Eintritt in das Jenseits unterworfen ist, werden von der Sterbeforschung zunehmend hinterfragt. Der niederländische Thanatologe Christophor Coppes bringt es in einem Interview auf den Punkt: „Nach dem Tod richtet niemand über uns.“ 

Streng konfessionell orientierte Menschen widersprechen solchen Aussagen oft reflexartig und heftig: Wenn das stimme, wäre es doch ein Freibrief dafür, im Leben tun und lassen zu können, was man will, auch zum Schaden anderer! 

Wo bliebe die Gerechtigkeit Gottes, wenn es nach dem Tod nicht Lohn und Strafe gäbe? 

Ist es nicht ein geradezu luziferischer Gedanke anzunehmen, dass böse Menschen, die für Leid und Tod verantwortlich sind, nach ihrem irdischen Abscheiden mit der gleichen Liebe empfangen werden wie streng gläubige, die sich ihr Leben lang um das Gute und die Erfüllung des Gotteswillens bemüht haben?

Sind solche Einwände berechtigt?

Ja und nein. – Meines Erachtens kommt es auf den Blickwinkel an.

Aber ich sollte vielleicht ein paar Gedanken vorausschicken …

Das „Gericht“ und religiöses Offenbarungswissen

Im Allgemeinen werden tiefer gehende konfessionelle Fragen wie etwa die nach einem Gottesgericht in unserer Gesellschaft kaum diskutiert. 

Für nicht religiöse oder atheistisch gesinnte Menschen sind sie irrelevant. Sie sind davon überzeugt, dass für ein ethisches Leben keine Religion nötig ist. Allein die Befolgung der „goldenen Regel“ – andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will – ermögliche ein harmonisches, friedliches gesellschaftliches Zusammenleben. Das Argument, ein nachtodliches Gericht sei als Ansporn für ein gutes Leben nötig, zählt daher nicht für sie.

Dagegen betrachten religiös orientierte Menschen eine nur dem „Diesseits“ verpflichtete Gesinnung als unzureichend. Sie glauben an ein Leben nach dem Tod und dass ein frommes Leben das ewige Heil für ihre Seele gewährleistet. Im Grunde folgt religiös motivierte Ethik immer auch einer Vorstellung vom jenseitigen Leben. Für Gläubige ist die Frage nach einem Gottesgericht daher von existenzieller Bedeutung.

Leider aber gibt es zum Leben im „Jenseits“ keine ohne weiteres überprüfbaren Fakten. Gläubige verlassen sich im Wesentlichen auf Offenbarungswissen, also entweder auf „heilige“, vom „Geist Gottes“ inspirierte Überlieferungen wie zum Beispiel biblische Texte, oder auf Menschen, die behaupten, einen Zugang zu höherem oder göttlichem Wissen zu haben.

Die Möglichkeiten, solche Offenbarungen zu überprüfen sind begrenzt. 

In der Regel wird eine religiöse Überlieferung einfach hingenommen und geglaubt – weil sich vielleicht schon Generationen zum gleichen Glauben bekannt haben. Oder in einer Botschaft überzeugen einzelne Aussagen oder Begebenheiten; alles Übrige wird dann in der Annahme, es werde wohl auch stimmen, „blind mit gekauft“, also auch einfach geglaubt. Und das umso leichter, wenn Aussagen der eigenen Empfindung entsprechen, eigene Wahrnehmungen bestätigen oder Bedürfnisse befriedigen. Wenn sie also in die eigene Komfortzone passen.

Insofern kann sich jeder Glaube an das, was nach dem Tod geschieht, unschwer zu einem Fundament des Denkens verfestigen. Denn Glaubensinhalte lassen sich grundsätzlich nicht überprüften, und sie haben zugleich mächtige Traditionen und Dogmen im Gefolge, die die wenigsten Gläubigen überhaupt hinterfragen wollen.

Die weltweit quer durch alle Gesellschaften und religiösen Prägungen dokumentierten Nahtoderfahrungen könnten diese Situation verändern. Denn wenn man sie nicht als Träume, Halluzinationen oder anderswie abtut, sondern als echte „Einblicke ins Jenseits“ akzeptiert, lassen sie sich religiösen Überlieferungen gegenüber stellen – und bieten eine Möglichkeit, deren Aussagekraft oder Interpretation kritisch zu hinterfragen.

Ich persönlich halte diesen Ansatz für vielversprechend – besonders mit Blick auf die hier erörterte Frage nach einem „Individual-Gericht“.

„Jüngstes Gericht“ und „Individual-Gericht“

Für Bekenner christlicher Konfessionen bildet der Gedanke, das irdische Leben jedes Menschen werde nach seinem Abscheiden in einem Gericht bewertet, eine der wichtigsten Glaubensgrundlagen. 

In den biblischen Schriften des Neuen Testaments wird vor allem von einem „jüngsten Gericht“ gekündet, das einst – am „jüngsten Tag“ – endgültig darüber entscheiden wird, ob eine Seele Eingang in den Himmel findet oder nicht. Jesus Christus soll dabei als Richter nach Gottes Weisung erscheinen und über das Schicksal jedes Einzelnen entscheiden. 

Unabhängig davon wird jedoch ein „Individual-Gericht“ („Partikulargericht“) gelehrt, das jeden Menschen sofort nach seinem Tod erwartet. Dabei ist traditionell auch vom „Fegefeuer“ („Purgatorium“) die Rede. Wer als nicht ausreichend „heilig“ befunden wird, um sich eines Weiterlebens im Himmel erfreuen zu dürfen, durchlebt demnach einen Läuterungsprozess, damit er am „jüngsten Tag“ schließlich doch geeignet für das „Reich Gottes“ sei.

Zu dieser Theologie des Individual-Gerichts, das jeder Mensch persönlich erleben soll, gibt es zahlreiche historische Quellen. Aber unabhängig davon, wo und in welchem Zusammenhang erstmals von einem nachtodlichen Gericht die Rede war, wäre es interessant, wie dieser Gedanke ursprünglich überhaupt aufkam, weshalb er erstmals formuliert wurde.

Mit eindeutigen Fakten lässt sich diese Frage natürlich nicht beantworten. Mir erscheint es aber nahe liegend, dass so tiefe Glaubenswahrheiten nicht einfach von jemandem frei erfunden worden sind. Ebenso unwahrscheinlich ist es wohl, dass die „Gerichts-Idee“ in manipulativer Absicht in die Welt gesetzt wurde, nur um Gläubige zu ängstigen und ihnen im Schoß einer gottesfürchtigen Glaubensgemeinschaft die erhoffte Erlösung anzubieten.

Solche Überlegungen mögen in der Kirchengeschichte eine unrühmliche Rolle gespielt haben. Aber als Erklärung für den Ursprung der Vorstellung von einem nachtodlichen Gericht erscheinen sie mir nicht überzeugend. Näher liegend ist meines Erachtens, dass auch diese religiöse Tradition auf echte spirituelle Erfahrungen zurückzuführen ist, auf Menschen also, die wirklich etwas Außergewöhnliches erlebt haben und davon erzählen … und deren Zeugnisse dann mehr oder weniger verstanden oder missverstanden weiter überliefert werden.

Die Worte und Buchstaben sind dabei immer nur Krücken, denn spirituelle Erfahrungen lassen sich in der Regel nicht beschreiben, weil sie jenseits jeder Alltagserfahrung liegen.

Nahtoderfahrene bezeugen „bedingungslose Liebe“

Genau das gilt auch für die Schilderungen Nahtoderfahrener, deren Aussagen Sterbeforscher wie Christophor Coppes in ihren Publikationen zusammenfassen. 

Diese Menschen versuchen etwas zu beschreiben, für das es keine Worte gibt. Was immer sie formulieren bleibt unzulänglich. Sie haben etwas erfahren, das ihr Leben nachhaltig verändert, können es aber nur mit Hilfe von letztlich unpassenden Worten ausdrücken und müssen in Kauf nehmen, dass andere, die keine ähnliche Erfahrung hatten, fast zwangsläufig etwas Falsches, Fragwürdiges oder Unzutreffendes damit verbinden.

Zu diesem Unbeschreiblichen gehört für viele Nahtoderfahrene das Erleben allumfassender, bedingungsloser Liebe. 

„Sie besteht für jeden, ohne Ausnahme“, erläutert Christophor Coppes, was sich ihm als Gesamtbild aus vielen Berichten erschlossen hat: „Denken Sie also an jemanden, den Sie nicht mögen; auch für diese Person gibt es bedingungslose Liebe. 

Anita Moorjani, eine sehr bekannte Nahtoderfahrene, meint, dass sogar das Wort ,bedingungslos‘ nur ein Flüstern dessen ist, worum es wirklich geht. Es zeichnet kein richtiges Bild, aber wir können versuchen zu verstehen, was bedingungslos ist. Es bedeutet, dass es keine Bedingungen gibt. Es bedeutet, dass man tun kann, was man will. Du wirst trotzdem diese Liebe bekommen. Du kannst essen, was du willst, tragen, was du willst. Du kannst sogar Hunderte von Menschen töten. Die Liebe wird trotzdem für dich da sein.“

Für Coppes ist das Erleben bedingungsloser Liebe einer der beiden wichtigsten Aspekte von Nahtoderfahrungen: Sie wird als die tiefste Empfindung erfahren, als Wärme, Geborgenheit, als das Wesen dessen, was Leben eigentlich ist. 

Bedingungslose Liebe als Richt-Schnur

Aber – nun folgt ein großes, wichtiges Aber –: Diese bedingungslose Liebe vermittelt nicht, dass es egal wäre, was jemand in seinem Leben tut oder lässt. Nahtoderfahrene erleben im Regelfall genau das Gegenteil. Es wird ihnen unmittelbar klar, wie wertvoll das Leben, jegliche Form des Lebens ist. Dass es von einem tiefen Sinn getragen wird. Dass jedes menschliche Sein einer Aufgabe dient.

Diese Gewissheit wird so tief, so zweifelsfrei und unumstößlich empfunden, dass sie sehr oft nachhaltig persönlichkeitsverändernd wirkt. Viele Nahtoderfahrene entwickeln eine Hochachtung und Wertschätzung gegenüber allen lebendigen Vorgängen in der Natur.

Es gibt auch Menschen, die aus Verzweiflung über ihre Lage einen Suizidversuch unternommen hatten, dabei eine Nahtoderfahrung erlebten – und völlig verändert daraus zurückkamen. Das Leben erscheint ihnen zutiefst sinnvoll und als wichtige Aufgabe, die erfüllt sein will.

Leider können Nahtoderfahrene diese empfundene Gewissheit in der Folge meist nicht in verbale Gedanken übersetzen, so dass sie erfassen und beschreiben könnten, was konkret ihre Aufgabe ist oder worin konkret der Sinn des Lebens liegt. 

Vermutlich ist das aber auch nicht nötig, weil die lebendige Wirklichkeit mit dem Verstand sowieso nur unzureichend begriffen und in allgemein akzeptierte „Schubladen“ gesteckt werden kann.

Dennoch vollzieht sich eine tief greifende Änderung für die betroffenen Menschen. Das Erlebnis verändert ihr Weltbild, ihre Ansichten, ihre Wertvorstellungen. Es richtet sie innerlich sozusagen neu aus – und zwar im Wesentlichen auf die allumfassende Gegenwart der Liebe.

An dieser Stelle wäre anzumerken, dass der Begriff des Gerichtet-Werdens nicht zwangsläufig mit Hinrichtung oder Verdammnis zu tun hat. Es kann auch einfach etwas „gerichtet“, neu eingerichtet, gerade gerichtet oder eben neu ausgerichtet werden. 

In dieser Lesart, dass also die bedingungslose Liebe zur absoluten „Richt-Schnur“ wird, könnten Nahtoderfahrungen durchaus mit einer „Gerichts-Erfahrung“ assoziiert werden – umso mehr, wenn nicht nur isoliert das herausragende spirituelle Erlebnis betrachtet wird (wie es sich viele Menschen, die nur davon gehört oder gelesen haben, auch für sich selbst wünschen), sondern mithin auch die weit reichenden Folgen.

In der Regel ist für Betroffene nach ihrer NTE nichts mehr so wie früher. Viele sind unfähig dazu, weiterhin ihren Beruf auszuüben oder ihre Beziehung fortzusetzen. Gesellschaftliche Verpflichtungen sind mit großer Überwindung verbunden, Alltagsbanalitäten und auch religiöse Dogmen nicht mehr relevant. 

Das eigene äußere Leben mit einer so fundamentalen inneren Neuausrichtung in Einklang zu bringen, ist ein Prozess, der sich über Monate und Jahre ziehen kann und manchmal ohne verständnisvolle Begleitung überhaupt nicht möglich ist. 

Wer plötzlich von sehnsuchtsvollen Empfindungen, empathischen Wahrnehmungen und der Gewissheit getragen wird, dass seine eigentliche Heimat sich nicht auf ein Haus, ein Land oder eine Familie beschränkt, hat es im Regelfall schwer in einer Gesellschaft, die auf Macht und Vorteilsstreben basiert, die den Verdrängungswettbewerb belohnt und den Intellekt deutlich stärker fördert als spirituelle Werte oder intuitive Fähigkeiten.

Ein Panorama-Blick zurück aufs Leben

Die beschriebenen Gegebenheiten zeigen, dass eine Neuausrichtung, die dem Erleben bedingungsloser Liebe folgt, für die Betroffenen an sich schon kein „Honigschlecken“ ist.

Hinzu kommt aber noch ein weiterer, seelisch oft extrem fordernder Aspekt: Viele Nahtoderfahrene erleben den sogenannten Lebensfilm, eine Lebensrückschau. 

Es werden ihnen dabei Erlebnisse bis weit zurück in die Kindheit noch einmal gegenwärtig – aber nicht in der passiv beobachtenden Art, wie sich Zuschauer einen Kinofilm ansehen. Vielmehr durchleben sie die Situationen noch einmal – und zwar in einer „Panoramawahrnehmung“, die ihnen nicht nur ihre eigenen Entscheidungen erneut bewusst macht, sondern auch deren Auswirkung auf andere. 

Christophor Coppes hat viele solcher Berichte gesammelt. Beispielsweise von einer Frau aus seiner Heimat, den Niederlanden, die dort kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als kleines Mädchen gelebt hatte: 

„Unser Land war verwüstet und es gab nicht viele Luxusgüter. Ihre Mutter gab ihr ein paar Süßigkeiten für die Schule mit, und sie teilte sie mit ihren Freundinnen. 

Viele Jahre später hatte sie eine Nahtoderfahrung und erlebte diese Zeit wieder. Dabei bemerkte sie, wie wertvoll es war, dass sie die Süßigkeiten mit ihrer Klassenkameradin geteilt hatte. Denn sie erlebte es nicht nur aus ihrer eigenen Perspektive, sondern auch aus der des anderen Mädchens. Dadurch verstand und fühlte sie, welche Bedeutung dieser Luxus für ihre Kameradin hatte.

Und das war noch nicht alles. Das Teilen der Süßigkeiten war zum Beispiel auch für die Mutter des Mädchens bedeutungsvoll. 

Die Frau brachte auch noch ein anderes Beispiel: In derselben Schule gab es ein Mädchen, eine Freundin, die Läuse in den Haaren hatte. Damals gab es noch kein Shampoo, also musste man die kleinen Monster mit der Hand entfernen. Diese Freundin bat sie, ihr zu helfen. Aber anstatt sie ruhig in eine Ecke zu bringen und das Nötige zu tun, machte sie eine große Sache daraus.

Als sie diese Episode in ihrer Nahtoderfahrung erlebte, fühlte sie den Schmerz ihrer Freundin, als wäre sie selbst diese Freundin. Sie war also selbst die Leidtragende. Sie fühlte, wie ihr ins Herz gestochen wurde. Das war an sich schon schmerzhaft, wirklich schmerzhaft, aber sie sagte, dass es noch etwas anderes gab, das noch schlimmer war. Denn sie erlebte, dass sie Optionen hatte. 

Sie hatte also mehrere Möglichkeiten, und ihr wurde klar, wenn sie anders gehandelt hätte, hätte sie mehr Liebe in die Welt gebracht. Das sei sehr schmerzhaft gewesen, der schmerzhafteste Teil der ganzen Sache, sagte sie.“

Das Beispiel zeigt, dass in einer solchen Lebensrückschau auch vermeintlich nebensächliche, vergessen geglaubte Kleinigkeiten für beglückende oder belastende Empfindungen sorgen können.

Manche Nahtoderfahrene beschreiben diese Rückschau als einen Prozess der Gewissenserforschung. 

Und doch empfinden sie dabei keinen „erhobenen Zeigefinger“, der sie tadeln oder verurteilen würde. Was sie erleben, ist einfach bedingungslose, absolute Liebe. Eine beglückende Wärme, die ihnen das sichere Empfinden vermittelt, dass alles gut ist. 

Alles ist gut – genau so, wie es ist.

Dennoch können in der Übermacht dieser Liebe, die zum absoluten Maßstab wird, wie von selbst die Unzulänglichkeiten, die Lieblosigkeiten des bisherigen Lebens zu Bewusstsein kommen. Auch durch den damit einhergehenden Schmerz findet eine einschneidende Neu-Ausrichtung statt – allein mit der Liebe als „Richterin“.

„Du brauchst keinen äußeren Richter, weil du alles vor dem Hintergrund der bedingungslosen Liebe siehst“, sagt Christophor Coppes. „So kannst du unterscheiden zwischen dem, was du getan hast, was liebevoll war, und dem, was weniger liebevoll war.“

Umgekehrt können Nahtoderfahrene in ihrer Lebensrückschau auch Situationen erleben, in denen ihnen selbst Leid angetan wurde. Manchmal werden ihnen dabei sogar verdrängte Ereignisse wieder gegenwärtig – ebenfalls in einer Panoramawahrnehmung, die auch die Empfindungen anderer Menschen umfasst, die an einer Situation mit beteiligt waren.

Der 2022 verstorbenen Autorin Sabine Mehne beispielsweise wurde in einer solchen Rückschau ein dramatisches Erlebnis bewusst, über das in ihrer Familie nie gesprochen worden war: Sie hatte als Mädchen sexualisierte Gewalt erlebt. 

Durch ihre Nahtoderfahrung wurde ihr nicht nur klar, wer der Täter war, sondern es blätterte sich auch dessen Biographie für sie auf. Ihr wurde bewusst, dass der Täter seine eigene Geschichte nicht aufgearbeitet und welche Kette von Gewalt und Missbrauch zu der Situation geführt hatte.

Sabine Mehne wollte ihr Erlebnis daher auch als Hilfe zum Verstehen und Vergeben betrachten: „Das Besondere in dem Lebensfilm war, dass ich eben auch meinen Täter verstehen, seine Beweggründe spüren konnte. Ich möchte niemandem so etwas wünschen, aber wenn ich die Biographie des anderen verstehe, kann Versöhnung leichter gelingen.“

Diese Beispiele aus den Schilderungen Nahtoderfahrener belegen, dass bedingungslose Liebe zu einer Richt-Schnur und zum Maß aller Dinge wird. Die Transformation, die die Betroffenen erleben, vollzieht sich selbsttätig. Es ist also keine göttliche Person nötig, die sich um jeden Einzelnen kümmert (wiewohl manche Nahtoderfahrene ein „liebendes Licht“ als Gestalt wahrnehmen und diese mitunter auch konkret mit Jesus Christus assoziieren). 

Die Liebe wirkt selbsttätig bewusstseinsfördernd, und dieses Erleben geht viel tiefer als jede ethische Verhaltensempfehlung wie etwa die „goldene Regel“. Es brennt sich regelrecht ins Bewusstsein – als Impuls für das künftige Leben.

Im Gesamten betrachtet würde es mich daher nicht überraschen, wenn Berichte über ein solches Erleben in Todesnähe – welche Bilder und Begriffe seinerzeit auch immer dafür verwendet worden sind –, irgendwann in ferner Vergangenheit zu dem Glauben führten, der Mensch habe sich nach seinem Tod im Angesicht einer göttlichen Macht unausweichlich einer Bewertung aller seiner Taten und seiner Lebensführung zu stellen. 

Gut möglich, dass solche Erlebnisse in die Überzeugung und dann auch in eine Lehre mündeten, der zufolge jeder Mensch ein Gericht erlebt.

Kommt das Licht aus jedem Menschen selbst?

Nun bleibt die Frage nach dem Ursprung der Liebe und des Lichts, das Nahtoderfahrene erleben. Auch dabei stehen Behauptungen und Formulierungen im Raum, auf die konfessionell orientierte Menschen manchmal reflexartig ablehnend reagieren. 

Sie kritisieren vor allem die Ansicht, die Liebe stamme in Wahrheit aus jedem Menschen selbst. Und weiterführend auch die Meinung, der Mensch trage das göttliche Licht in sich selbst. 

Viele streng Gläubige sind der Überzeugung, dass die menschliche Hybris, Göttliches oder Gott in sich selbst zu vermuten, geradewegs ins Verderben führe. Sie verhindere die Demut im Glauben an Gott und an das Erlösungswerk Christi, die eine Voraussetzung für das Seelenheil sei.

Fronten formieren sich im religiösen Eifer leider sehr schnell. 

Meines Erachtens wäre es auch in dieser Thematik hilfreich, nicht primär Worte und Formulierungen auf die Waagschale zu legen. Letztlich geht es doch darum, was die Menschen erlebt haben. Inwieweit sie danach fähig sind, es angemessen auszurücken, ist eigentlich nebensächlich.

In seinen Bemühungen, die Essenz von Nahtoderfahrungen herauszuarbeiten, kommt Christophor Coppes zum Schluss, dass sich neben dem überwältigenden Erleben bedingungsloser Liebe noch eine zweite zentrale Botschaft verdeutlicht: „Sie lautet, dass es eine Einheit gibt, dass wir alle eins sind.“

Dieses mystische Einheitserlebnis gehört zu den bemerkenswertesten Elementen einer Nahtoderfahrung. Das vertraute Ich, berichten Betroffene, löse sich auf. Es erweitere sich in einer unbeschreiblichen Art und führe zur Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist. Die Individualität werde wie ein Tropfen von einem alles umfassenden Ozean aufgenommen. Räumliche und zeitliche Distanzen lösten sich auf, auch die bedingungslose Liebe wirke nicht als etwas Äußeres. Sie sei einfach gegenwärtig – in mir, um mich, grenzenlos alles umfassend.

Mich wundert es nicht, dass Menschen, die ein solches Einheitserlebnis erfahren haben, zur Beschreibung die Begriffe unserer Sprache nutzen, die das Allerhöchste ausdrücken sollen, dass also von „Gotteserfahrungen“ die Rede ist, oder vom „Erleben der eigenen Göttlichkeit“.

Natürlich könnte an dieser Stelle sprachliche Klarheit eingefordert werden – etwa, den Begriff Gott exklusiv nur für den Schöpfer, für die erste Ursache von allem Bestehenden zu verwenden, und nicht für irgend ein menschliches Erleben.

Aber würde eine solche Begriffsklärung weiter führen?

Ich denke, die beste Brücke, die sich traditionsorientierte, streng gläubige Menschen bauen könnten, um Nahtoderfahrungen in ihre religiöse Überzeugung zu integrieren, ist der Fokus auf die geschilderten Erlebnisse selbst – im Bemühen, hinter den Worten und Begriffen die eigentliche Erfahrung zu ergründen.

Woher also kommt die Liebe und das Licht, das Nahtoderfahrene erleben?

Wir wissen es nicht. Die Sterbeforschung kann zur Klärung dieser Frage, die tief in den religiös-spirituellen Bereich weist, kaum etwas beitragen. 

Ein persönliches Resümee

Meine Vermutung ist, dass Nahtoderfahrene im Wesentlichen den „in Liebe strahlenden“ menschlichen Wesenskern erleben. Ich würde diese nicht-materielle Entität als geistig bezeichnen (nicht als göttlich). „Geistig“ freilich nicht im Sinn des Verstandes, sondern einer inneren Qualität, in der tatsächlich alles mit allem verbunden ist, die deshalb Empathie und Intuition ermöglicht oder auch das Eintauchen in eine alle Zeiten umfassende Gegenwart. 

Ich glaube außerdem, dass die essentielle Empfindung alles Geistigen die Liebe ist. 

Wirkliche Liebe hat die Macht, den Menschen innerlich aus dem Alltag zu heben, das Beste in ihm hervorzukehren, Selbstlosigkeit zum Beispiel oder Barmherzigkeit. Jede „reine Liebe“ zwischen Menschen wirkt als starker Impuls für das weitere Leben.

Zweifellos sind auch Nahtoderfahrungen, wiewohl in ungleich intensiverer Art, ein solcher Impuls. Die Liebe wirkt in diesen Erlebnissen ebenso beglückend wie transformierend, neu aus-richtend.

Ob Nahtoderfahrungen letztlich mehr als ein solcher Impuls sind, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. 

Vielleicht geben sie tatsächlich Einblicke in ein Leben nach dem Tod. Vielleicht sind sie aber auch einfach eine Übergangserfahrung, die über ein Jenseits nichts Gültiges aussagt.

Fest steht, dass wir uns – auch rein menschlich – immer in besonderem Maß der Liebe zugetan fühlen, wenn ein „Übergang“ ansteht, sei es in der Begleitung eines greisen Menschen am Sterbebett oder beim Empfang eines Neugeborenen. Wir sind gerührt, erschüttert, betroffen … und besonders nah am Leben.

Ich denke, der Mensch benötigt gelegentlich Impulse der Liebe – zur Orientierung und als Motivation. Denn als jemand, der idealistische Weltanschauungen plausibler findet als materialistische, bin ich davon überzeugt, dass das Leben einen tieferen Sinn hat.

Irgendwie geht es im Geistig-Seelischen wohl um Erkenntnis und Entwicklung. Nicht von ungefähr erleben wir ja den Fortschritt – egal, in welchem Bereich – als etwas zutiefst Befriedigendes.

Jedenfalls wäre es eine schöne Entwicklung, wenn es dem Menschen irgendwann gelänge, die umfassende Liebe, die in seinem geistigen Wesenskern offenbar gegenwärtig ist, ohne Stockungen auch durch das Alltagsleben pulsen zu lassen. Vieles würde sich zum Besseren verändern.

Das gleiche gilt auch für eine Erkenntnis, die sich aus dem Einheitserleben in Nahtoderfahrungen ableiten lässt. Christophor Coppes: „Wenn man dieses Erleben wirklich ernst nimmt, dann bedeutet es, dass ich das, was ich dir antue, auch selbst erlebe. Wenn du einem anderen etwas antust – egal, ob es sich um etwas Schönes oder um etwas nicht Schönes handelt –, dann wirst du es irgendwann selbst spüren, weil wir eins sind. Wenn die Menschen diese Wahrheit verstehen, dann werden sie auch die Art und Weise ändern, wie sie miteinander umgehen.“

„Nahtoderfahrungen verändern die Welt“ – So lautet der Titel eines Vortrages des niederländischen Sterbeforschers.

Ob er Recht behalten wird? 

Jedenfalls regen diese Erfahrungen dazu an, über den materiellen „Tellerrand“ zu blicken, weil sie sich sowohl physiologischen als auch psychologischen Erklärungen hartnäckig entziehen.

Ebenso regen sie aber auch dazu an, religiöse Traditionen und Lehrmeinungen neu zu hinterfragen. Das Thema „Gericht“ ist ein gutes Beispiel dafür.

Freilich: Dieser Begriff hat in seiner religiösen Ausprägung noch weitere Aspekte, die hier nicht angesprochen wurden. Vor allem gehören dazu die Lehren von einem „Weltgericht“. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise die Wiederkunft Christi (oder des „Menschensohns“) zu bestimmter Zeit verkündet. Gott werde in das Weltgeschehen eingreifen, es sei mit apokalyptischen Ereignissen zu rechnen – und nicht selten werden aktuelle Kriege und Katastrophen oder umfassende Entwicklungen wie etwa die Beschleunigung in allen Lebensbereichen als Zeichen für das nahende oder sich bereits vollziehende Weltgericht interpretiert.

Diese Aspekte bleiben in einer Betrachtung über mögliche Zusammenhänge zwischen Nahtoderlebnissen und konfessionellen Lehren von einem „Individualgericht“ zwangsläufig ausgespart. 

Insofern bietet die Sterbeforschung auf die Frage „Gericht oder nicht?“ keine umfassende Antwort.

Immerhin aber zeigt sie, dass es gelingen kann, weitgehend abstrakte religiöse Vorstellungen mit echten, gut dokumentierten spirituellen Erfahrungen in Einklang zu bringen.

Und das ist, finde ich, ein vielversprechender Weg.