Terrence Malicks Filmdrama „The Tree of Life“ •
Texas in den 1950er-Jahren. Die O’Briens, eine typische US-amerikanische Mittelklasse-Familie, leben in einem idyllischen Vorstadt-Haus.
Mr. O’Brien (Brad Pitt) arbeitet in einer örtlichen Raffinerie und hofft, dass sich eines Tages der Traum vom großen Reichtum auch für ihn erfüllen wird. Vielleicht durch die Patente, die er angemeldet hat. Seine jugendlichen Ambitionen, als Musiker erfolgreich zu sein, hat er aufgegeben. Manchmal setzt er sich zu Hause ans Klavier, manchmal spielt er in der Kirche Orgel, aber im Wesentlichen setzt er auf Erfolg im Leben durch Konsequenz und Tüchtigkeit.
Entsprechend hart und unerbittlich erzieht er seine drei Söhne Jack, Steve und R.L. Sie sollen keine Weicheier sein, sich im Leben durchsetzen können.
Mrs. O’Brien (Jessica Chastain) verkörpert den liebenden, sanftmütigen Gegenpol in der Familie. Sie lebt nicht für Prinzipien, sondern für ihre Kinder, leidet still unter dem menschenfernen Gehabe ihres Mannes, und vertraut in kindlichem Glauben auf Gott.
Doch einige Jahre später, als ihr Sohn R. L. 19 Jahre alt ist, erreicht sie ein Telegramm, das zum Prüfstein für ihren Glauben wird und nicht nur sie, sondern auch ihren Mann und ihre Söhne Steve und Jack (Sean Penn) in eine tiefe, anhaltende Trauer stürzt, eine Nachricht, die sie alle Werte und Konzepte hinterfragen lässt: R. L. ist bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen.
Damit sind auch schon alle wesentlichen Handlungselemente in Terrence Malicks Epos „The Tree of Life“ umrissen. Sein herausragendes filmisches Meisterwerk bietet keine ungewöhnliche Geschichte mit ausgeklügelten dramaturgischen Wendungen, sondern führt den Zuschauer, so gut es das Medium Film eben vermag, unmittelbar in all das, was der Begriff „Leben“ umschreibt. Licht und Schatten, Werden und Vergeben, Liebe und Hass, unvermittelte Intensität.
Faszinierende Bilder aus den Weiten des Alls, von der Entstehung des Lebens auf Erden, vom Sein und Vergehen der Dinosaurier, was immer das große Ganze visualisiert, das sich in vielfältigsten Spielarten entwickelt und wächst wie ein alles umfassender Baum … relativiert plötzlich die Freude und das Leid des menschlichen Daseins auf diesem winzigen blauen Planeten.
Gegenüber dem unbegreiflichen Wunder des Lebens erscheinen auch Glaubenskonzepte als Krücken, bestenfalls. Was wirklich alles treibt und zum Bewusstsein drängt, bleibt ferne Ahnung.
Gleichzeitig und gleichwertig mit der Unermesslichkeit dieses großen Rahmens fokussiert Terrence Malick in seinem Filmdrama die vielen kleinen Momente, die ein Menschenleben prägen und definieren. Das Gegen- und Miteinander der unerbittlichen Natur (verkörpert durch den Mann in der Familie) mit dem Lebensprinzip der Liebe (durch die Frau). Die kindliche Wahrnehmung, mit der die drei Brüder ihre eigene Welt erobern, einander erfahren, sich von ihren Eltern abgrenzen, den Reiz von Abenteuer und die Konsequenzen von Grenzüberschreitung erleben. Das Erstarren in Haltungen und gesellschaftlichen Rollen und das Immer-wieder-neu-herausgefordert-Werden …
Terrence Malick zeigt Fragmente des Wunders Leben, nur scheinbar beliebig gewählt, und regt den Zuschauer an, sich daraus ein persönliches Ganzes zu formen. Das gelingt ihm auf eine eigenartige und einzigartige Weise, die zum Nachdenken verführt, vor allem aber die Empfindung berührt – jenseits aller Regeln, wie ein Spielfilm „funktionieren“ sollte.
Dem US-amerikanischen Drehbuchautor und Regisseur gelang mit „The Tree of Life“ ein Meisterwerk der Filmgeschichte, das auch durch zahlreiche Auszeichnungen (unter anderem „Goldene Palme“, drei Oscar-Nominierungen) nur unzureichend gewürdigt werden konnte.
(2011, 138 Minuten)

